Das wahre Kasernenabenteuer gibts nur noch in Liestal

In der Basler Kaserne wird man nicht mehr mit dem wahrhaft Fremden konfrontiert – richtig überraschen lässt man sich heute im Militär.

Ihr Stadtbasler seid ja so wahnsinnig stolz auf eure Kaserne. Denn seit einem halben Jahrhundert ist hier nicht mehr das stramme Marschieren der Soldaten im Stechschritt zu hören. Stattdessen hat sich ein Gewusel von kulturellen und sozialen Institutionen eingerichtet, für das sich in den 1980er-Jahren der Begriff «alternativ» eingebürgert hat.

Inzwischen ist die Kaserne aber Mainstream geworden. Man kann sich hier die schrägste Theatertruppe oder die ach so angesagte Band aus Berlin reinziehen – und sich doch nur in einem altbekannten städtischen Biotop bewegen, ohne sich wirklich mit unangenehm Fremdem konfrontieren zu müssen. Keine Frage: Eine Stadt braucht neben der etablierten Kultur und der Partymeile in der Steinen einen Freiraum wie die Kaserne. Aber Hand aufs Herz: Wirklich spannend ist das schon lange nicht mehr.

Wer als aufgeklärter Städter wahren Mut zeigen will und das Abenteuer sucht, muss eine andere Kaserne aufsuchen – diejenige in Liestal nämlich. Dort werden wie eh und je stramme Soldaten ausgebildet, die Krönung der Armee sogar, nämlich Infanteristen. Die Welt des Militärs muss man nicht mögen, ich tue es nach 226 Diensttagen auch nicht. Aber sie schafft eines: Einen immer wieder zu überraschen – erst recht die Städter, die in der Basler Kaserne hängen und entweder wegen ihres Geschlechts oder wegen einer ärztlich verbrieften Untauglichkeit nie eine echte Kaserne betreten haben.

Die wahre intellektuelle Leistung bestünde für euch Städter nämlich darin, einen Offizier zu verstehen, der ernsthaft behauptet, mit tagelangem Robben-Schiessen-Robben-Schiessen-Robben-Saufen könne man die Schweiz schützen. Oder einen Rekruten erzählen zu lassen, warum er freiwillig weiter macht. Mir hat mal ein Offizier gesagt, er sei nur deshalb im Militär aufgestiegen, weil er sonst in seinem Dorf im Berner Oberland keine Frau gefunden hätte.

Solche tragisch schweizerische Schicksale erfährt man in der Basler Kaserne kaum. Wer sich hingegen in Liestal in eine Beiz voller besoffener Rekruten setzt, wird manch unerhörte Geschichte mitkriegen. Und das frisch Gezapfte auf dem Land schmeckt dann mindestens so gut wie das Designerbier in der Stadt.

Getanzter Intuitionismus statt zusammenklackende Hacken

Die Basler setzen in der Kaserne lieber auf die Vorhut der Kulturszene als auf jene eines Infanteriebataillons – mit einer Ausnahme.

Wir Basler sind unfassbar kultiviert. Wo in Liestal die Rekruten über den Hof gehetzt werden, da ist in Basel Kultur angesagt: auf der Kaserne. Und es ist nicht irgendwelche Kultur. Es ist kreative, innovative, alternative Kultur. Darob wurde im Grossen Rat zu Basel am vergangenen Mittwoch ein Jubelgesang nach dem anderen angestimmt. Hier sei sie, die Oase des avantgardistischen Kulturlebens, die wohlige Abwechslung zur hochsubventionierten, elitären, ja snobistischen Kultur im Theater Basel und im Kunstmuseum. Dass das ausgerechnet jene Grossräte betonten, die sonst für ebendiese Subventionen weibeln, das ist wohl auch Avantgarde.

Es ist klar, kein Grossrat will hier eine Militärkaserne. Zwar wollen viele etwas anderes als die Regierung und manche wollen den alten Bau einfach zerbröseln lassen, aber am Ende setzte sich eine Erkenntnis durch: Es braucht einen Ort in Basel, an dem auf der Bühne mehr Leute stehen als im Publikum sitzen. Ein Ort, wo die Subventionsgelder nicht mit dem Lastwagen, sondern mit dem Cargo-Bike angeliefert werden. Es braucht eine Stätte für postmodern-neoexpressionistisches Tanzdrama zu überblasenen pentatonischen Bass-Saxofonklängen. Was es nicht braucht, sind jene Dinge, die Basel ohnehin nicht so mag: Patriotismus und Militär.

Obwohl, einmal im Jahr wollen die Basler genau das hier sehen: fesche Soldaten, die zu militärischen Klängen die Backen zusammenkneifen und im Stechschritt über den Exerzierplatz staksen. Dass es meistens ausländische Soldaten sind, das ist egal, das ist der multikulturelle Geist von Basel, der hier durchdringt. Das Bunte kann sich auch in unterschiedlichen Mustern des Flecktarns offenbaren. Eigentlich ersetzt das Basel Tattoo die Schweizer Armee auch wirtschaftlich: Die Mengen Bier, die Besucher und Protagonisten hier an zehn Tagen in der Tattoo-Street weghauen, das säuft keine Rekrutenschule in 21 Wochen.

Ob nun Liestal besser fährt mit seinem Truppenstandort oder Basel mit seinem Juwel der anarchisch-schwurbeligen Performances, sei dahingestellt. Klar festhalten lässt sich: Das Baselbiet schafft es auch in der Kasernenfrage andere – nämlich den Bund - für sich bezahlen zu lassen, während Basel die eigene Staatskasse plündern muss.