Courbets «L’Origine du Monde», diese unverschämt realistische Darstellung eines nackten weiblichen Schosses, ist ein Paradebeispiel für einen Tabubruch und gibt noch heute viel zu reden. Warum vermag es noch immer die Gemüter derart zu erregen? Inwiefern hat sich die Rolle der Frau in der Kunst seit Courbet geändert? Welche Kunstwerke haben heute noch das Potenzial, Tabus zu brechen? Und warum muss Kunst Tabus brechen? Über diese und andere Fragen diskutieren die Literaturwissenschaftlerin und Feministin Elisabeth Bronfen, der britische Kurator Sir Norman Rosenthal, der Kunsthistoriker Andreas Beyer und vor allem die britische Künstlerin Tracey Emin (Moderation: Finn Canonica).

Tracey Emin, die herausragende und durchaus umstrittene Künstlerin, ist in dieser Runde wohl am prädestiniertesten, um über «L’Origine du Monde» zu sprechen: Denn sie, die seit 2007 Mitglied der Royal Academy of Arts (RA, London) ist, seit 2011 an der RA auch die erst zweite Professorin ist, und ihres Engagements für Kunstförderung in ihrem Heimatort Margate wegen schon den Ordensrang Commander of the British Empire (CBE) trägt (zwei Ränge unter Sir bzw. Dame), hat selber immer wieder äusserst provokative Werke geschaffen und oft Tabus gebrochen.

Benutzte Kondome

Eines ihrer Werke, «My Bed» (1998) bestand aus ihrem ungemachten Bett, benutzten Kondomen und blutverschmierter Unterwäsche (1999 wurde es in die renommierte Turner-Prize-Ausstellung der Tate Gallery aufgenommen). Ein anderes, mit dem sie für Furore gesorgt hat, ist «Everyone I Have Ever Slept With 1963–1995» (1995), ein Zelt, in das sie sämtliche Namen ihrer männlichen und weiblichen Liebhaber gearbeitet hat.

Was bedeutet ein Werk wie «L’Origine du Monde» für eine Künstlerin wie Tracey Emin? In einem kurzen Interview, das auf der Homepage der Fondation Beyeler angesehen werden kann, spricht sie darüber. Vor allem sei wichtig, dass das Bild noch heute schockiere, sagt sie. «Es wirkt so echt, so sexy, so einladend.» Aber wenn man an die Zeit denke, in der es gemalt wurde, so ist es schlicht ein unglaublich radikales Bild, «wegen der Tatsache, dass man die Haare sieht, die Klitoris, eine Frau, die einlädt». Für Tracey Emin ist das nicht pornografisch, sondern einfach echt. Sie sei sicher: Männer damals wie heute hätten denselben Gedanken, sie fantasieren sich in diesen Schoss. Sie glaube, heute löse das Bild ähnliche Reaktionen aus wie damals, nämlich Scham-, aber auch Schuldgefühle: «Die Leute schämen sich für ihre Gedanken, die sie bei der Betrachtung des Bildes haben. Alle Gedanken, die durch ihre Köpfe gehen: Sie wünschten, sie könnten sie verbergen. Das können sie aber nicht. Entscheidend ist dieses Schuldgefühl, das die Leute empfinden. Sie können sich ihren eigenen Gefühlen und ihren eigenen Gedanken nicht stellen.»

Ob auch Emin solche Gefühle auslösen will, mit den Werken, mit denen sie genauso Tabus gebrochen hat? «Ich wünschte, ich könnte etwas wie dieses Bild schaffen. Ich müsste nie wieder etwas anderes machen.» Jeder gute Künstler schaffe ein bahnbrechendes, wegweisendes Werk - was davor und was danach war, sei gar nicht so wichtig. Courbets wegweisendes Werk war «L’Origine du Monde». «Es hat die Kunstgeschichte verändert und es hat die Art, wie wir auf Kunst blicken und blicken werden veränderst. Das ist das Entscheidende.» Der Kunst gehe es aber nicht um das Schockieren. Bei «L’Origine du Monde» sei es nicht um den Schockeffekt gegangen, so Emin, sondern um die Schönheit.