Allein in der Pampa? Das ist nicht das, was Danjela Hüsam vorschwebt. Eine Gemeinschaft wäre ihr Traum. Irgendwo nahe des Öffentlichen Verkehrs, gern nicht allzu weit vom Bahnhof SBB entfernt. Dort möchte sie ihr etwa 30 Quadratmeter grosses Tiny House aufstellen und werktags darin wohnen. Ein umweltfreundliches Häuschen, das ganz oder teilweise autark funktioniert. Und mobil ist. Keine Kisten packen beim Umzug – gleich das ganze Haus zügeln.

Noch lebt die Innovationsmanagerin mit ihrem Partner in einer Wohnung in Bern. Das Paar musste sich für eine Stadt entscheiden; Olten kam nicht infrage. Er arbeitet in Bern, sie pendelt nach Basel. Über drei Stunden Weg – pro Tag. «Das müsste nicht sein», sagt die 47-jährige Deutsche. Und hofft auf weitere Reaktionen auf ein Inserat, das sie unter «Grundstücke» aufgegeben hat.

«Unerschlossenes Bauland oder eine Obstwiese» sucht sie zur Miete. Gern als Zwischennutzung und ohne benachbarte Mini-Häuser; die Gemeinschaft ist ein Fernziel. Genauso wie die Idee, dereinst in jeder Stadt fixe Standplätze für individuelles Wohnen zur Verfügung zu haben. Zwei Leute haben sich auf ihr Inserat gemeldet, private Grundbesitzer, deren Grundstücke in der Pampa liegen. Von beiden hat sie nach einem ersten Mailwechsel nichts mehr gehört.

Bisher keine Wohnflächen

Danjela Hüsam ahnt: «Einfach wird es nicht, eine Wohnfläche zur Pacht zu finden. Die Tiny-House-Bewegung ist in Basel und der Schweiz noch nicht angekommen.» Und wahrlich: In Basel-Stadt gibt es bisher keine offiziellen Flächen für Mini-Häuser. Die Behörden sind überfordert, wenn sie mit dieser Wohnform konfrontiert werden. Ihnen fehlt die Erfahrung: Anfragen für Mietgrundstücke sind beim Kanton bisher keine eingegangen. Und auch die privaten Grossgrundbesitzer haben bis jetzt keine Bewerbungen erhalten.

Das ändert sich bald: Der neu gegründete Verein Klein Wohn Formen hat sich zum Ziel gesetzt, «innovative Kleinwohnformen in der Schweiz bekannt zu machen, als anerkannte Wohnformen zu etablieren und vor allem juristisch zu verankern».

Allein aus der Region Basel sind dem Verein in kurzer Zeit zahlreiche Interessierte beigetreten. Über 100 Mitglieder zählt dieser nach wenigen Wochen. «Wir sind zuversichtlich, dass wir als Gruppe etwas erreichen und die politischen Situation klären können», sagt Gründungs- und Vorstandsmitglied Jonas Bischofberger aus Ettingen. Er glaubt nicht, dass potenzielle Vermieter grundsätzlich gegen diese hierzulande neue Form des Wohnens sind: «Die Zurückhaltung ist wahrscheinlich oft gross, weil die Leute nicht wissen, was erlaubt ist.» Das Vorurteil, es handle sich bei den «Wohn-Minimalisten» um Hippies, die keine Miete zahlen, mache es nicht einfacher.

Der 38-jährige Bischofberger ist Primarlehrer und Fotograf. Wie Danjela Hüsam will er legal wohnen, für Miete und Gebühren wie Strom und Wasser aufkommen. Ganz normal. Beide sind weder Waldmenschen noch Spinner.

Da kann man sich fragen: Warum suchen sie nicht einfach eine Wohnung? Irgendetwas wird sich wohl auch im engen Basel finden. Trotz hohen Mieten, Wohnungsnot, Verdrängung und Verdichtung. Danjela Hüsam und Jonas Bischofberger argumentieren ähnlich: «Wir brauchen nicht viel Platz zum Leben. Und wollen unabhängig sein.»

Bücher und Platten auf Laptop

Die Tiny-House-Bewegung entstand aus der Not. Viele US-Amerikaner konnten sich nach der Krise 2008 kein Haus mehr leisten. Als Alternative zogen sie in Mini-Häuser. Inzwischen ist die Bewegung auch in Europa angekommen, vorwiegend in Skandinavien, aber auch in Deutschland. Es gibt bereits ganze Siedlungen. Ständig werden neue Schreinereien eröffnet, die auf Tiny Houses spezialisiert sind. Das Internet ist voll von Bauanleitungsvideos.

Im Vordergrund steht oft das nachhaltige Wohnen. Es ist zu einer Art politischem Statement geworden und bildet die gesellschaftliche Entwicklung ab: Weniger ist mehr. Hinzu kommt, dass jüngere Menschen ihre Bücher und Schallplatten im Computer lagern und daher weniger Platz brauchen für materielle Dinge.

Es gibt bereits Tiny Houses in der Schweiz, im platzmässig eher weiten Mittelland beispielsweise. Im engen eingeklemmten Basel hingegen scheint die Raumnot ihren Zenit noch nicht erreicht zu haben. Oder wie ist es zu erklären, dass Tiny Houses, die sich je nach Modell auch stapeln lassen, hier – bis auf eine Containersiedlung auf dem Dreispitz-Areal – noch kein Thema sind?

Einzig die Edith Marion Stiftung betreibt mit dem Wagen-Atelier Stella ein vergleichbares Projekt auf dem Holzpark Klybeck. Wobei dort nur gearbeitet und nicht auch gewohnt wird. Entsprechend «durchwachsen» seien die Erfahrungen, sagt Ulrich Kriese von der Stiftung. «In diesem Fall steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen.» Die Stiftung sei aber offen für «experimentelle Geschichten» und treibe solche auch voran, beispielsweise in Berlin. Daher wäre man bestimmt auch hier gesprächsbereit, würden entsprechende Zwischennutzungsanfragen eingehen, sagt Kriese.

Bodenbesitzer offen und vorsichtig

Auch andere Basler Grundeigentümer zeigen sich offen: «Tiny Houses sind als Zwischennutzungen auf unseren Arealen grundsätzlich denkbar», sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli. Allerdings müsste zuerst geprüft werden, ob Wohnen dort überhaupt erlaubt wäre. Genau diese Frage kann zum Knackpunkt werden, wie Elisabeth Pestalozzi von der Christoph Merian-Stiftung aus eigener Erfahrung weiss: «Unsere Flächen mit einem potenziellen Zwischennutzungscharakter liegen in der Regel in der Industriezone. Dort darf von Gesetzes wegen nicht gewohnt werden.»

Wie es rechtlich aber grundsätzlich aussieht bei Mini-Häusern, die weder normale Häuser noch Wohnwagen sind, ist bisher ungeklärt. Entsprechend vorsichtig äussern sich Grossgrundbesitzer, die mit dem Thema in Berührung kommen könnten: «Falls die rechtlichen Grundlagen gegeben sind, ist das als Zwischennutzung eine spannende Idee», sagt beispielsweise Klaus Hubmann von der Stiftung Habitat.

Sobald der Verein Klein Wohn Formen seine Arbeit aufgenommen hat, muss auch der Staat Stellung beziehen. Die Zeichen stehen schon mal nicht schlecht: «Generell könnte das Thema aus unserer Sicht unter dem Aspekt der Verdichtung allenfalls von Interesse sein», sagt Marc Keller vom Basler Bau- und Verkehrsdepartement.

Seine Kollegin Barbara Neidhart von Immobilien Basel-Stadt wird noch etwas konkreter: «Falls im Rahmen einer Zwischennutzung bei unseren Partnern Interesse bestände und die Nutzung mit der Zonenordnung vereinbar wäre, würden wir diese Frage selbstverständlich prüfen.»