Flugverkehr
Weniger Lärm und 80 Destinationen: So will der EuroAirport Reisende und Nachbarn glücklich machen

Wegen der Coronakrise fielen dem EuroAirport 99,8 Prozent der Fluggäste weg. Ab Sommer soll das Geschäft wieder aufwärts gehen: 80 Destinationen kommen nach der Krise schon ins Angebot. Derweil verspricht ein neues Lärmschutzkonzept Linderung für geplagte Nachbarn.

Andreas Schwald, Zara Zatti
Merken
Drucken
Teilen
Easyjet allein will ab Basel im Sommer rund 50 Destinationen anfliegen – vorausgesetzt, die Flugzeuge sind gut ausgelastet.

Easyjet allein will ab Basel im Sommer rund 50 Destinationen anfliegen – vorausgesetzt, die Flugzeuge sind gut ausgelastet.

Kenneth Nars

Das wirkungsvollste Mittel gegen den Fluglärm vom EuroAirport war der Coronalockdown. So wenig wurde seit dem Bau des trinationelen Flughafens nicht mehr ab Basel geflogen. Doch die wirtschaftlichen Folgen sind massiv. Allein in den Krisenmonaten März, April und Mai brach der Passagierflugverkehr gegenüber der Vorjahresperiode um 99,8 Prozent ein.

Bei den Frachtflügen verhielt es sich allerdings anders. Wie Flughafendirektor Matthias Suhr am Mittwoch vor den Medien sagte, sei der Bereich Cargo einigermassen konstant geblieben und teilweise sogar gewachsen, wenn auch nicht im Bereich der Expressflüge. Dies hatte zum einen mit einem immensen Bedarf an Hygienegütern in der Schweiz und dem grenznahen Ausland zu tun – Millionen von Gesichtsmasken wurden hier umgeschlagen –, zum andern aber auch mit Sanitätsflügen. Denn die Spitäler im Elsass waren von der Coronapandemie besonders betroffen.

Trotz Sommerbetrieb bis zu 80 Prozent weniger Gäste

Doch das ist nur ein schwacher Trost. Das wirtschaftliche Wachstum verdankt der Flughafen Basel-Mulhouse vor allem dem in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Passagieraufkommen. Vergangenes Jahr wurde in diesem Bereich erneut ein Rekord verbucht: 9,1 Millionen Menschen flogen 2019 über den EAP.

Die Prognose für dieses Jahr ist ernüchternd, entsprechend sprach Direktor Suhr mehrmals von «drastischen Einbrüchen». «Das Worst-Case-Szenario sieht vor, dass wir bei den Passagierzahlen einen Verlust von bis zu 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr verzeichnen müssen», sagte Suhr. Das entspricht einer kumulierten Zahl von rund 1,9 Millionen Passagieren im 2020.

Erholung wohl erst auf 2023 hin

Entsprechend rechnet der Flughafen zurzeit mit einer langsamen Erholung nach dem Coronaschock. Der Verkehr und damit der Umsatz werden sich kaum vor 2023 auf das Niveau von vor der Krise erholen. Das sind nicht nur schlechte Nachrichten für den EAP, sondern auch für die Gastronomie und Hotellerie in der Region Basel. Sie leben zu wesentlichen Teilen vom Geschäfts- und Kongressverkehr, der via Flughafen in die Region kommt.

Sobald die Grenzöffnungen vonstatten gehen, erwartet der Flughafen wieder eine Zunahme des Verkehrs. Hoffnungen legt Flughafendirektor Suhr auf den 15. Juni, wenn die beteiligten Nationen voraussichtlich ihre Grenzen wieder öffnen wollen. Die am EAP ansässigen Fluggesellschaften streben bereits ein Sommergeschäft an. So wird EasyJet, der Platzhirsch am EAP, voraussichtlich ab Juli bis zu 50 Destinationen ab Basel anbieten. Wizzair wartet mit 13 Destinationen auf, TUIfly mit 7 und Turkish Airlines immerhin mit zwei. Weitere acht Gesellschaften werden Stand heute je eine Destination anfliegen. Dies vorbehältlich ausreichender Auslastung: So will EasyJet nur abheben, wenn die Flieger zu mindestens 60 Prozent ausgelastet seien. Buchungen könnten online bereits vorgenommen werden.

Nach den Rekorden kommt die Zeit des Sparens

Die vor allem auf der französischen Seite ansässige AirFrance hat sich zu ihrem Flugplan noch gar nicht geäussert, will aber ebenfalls den Betrieb wieder hochfahren. «Insgesamt sollen ab Sommer rund 80 Destinationen angeflogen werden», sagte Suhr. Das entspreche rund 80 Prozent des Netzes von vor der Krise. Allerdings würden die Flugfrequenzen pro Tag gegebenenfalls deutlich tiefer ausfallen als zu den guten Zeiten.

Angesichts des Stillstands und der abgespeckten Flugpläne hat sich der EuroAirport ein Sparprogramm auferlegt. Hinzu komme, dass ein Ende der Krise zurzeit nicht absehbar sei und damit zu viele Ungewissheiten bestünden, so Suhr. Das Budget wurde nun auf einen Fünftel reduziert und damit massiv angepasst, die Investitionen werden zurückgefahren, zudem gilt ein Einstellungsstopp. Auf Staatshilfe wolle der EAP, wenn immer es gehe, verzichten. Laut Direktor Suhr verfüge der Flughafen zurzeit noch über ausreichend Mittel, damit nicht darauf zurückgegriffen werden müsse.

Die Lärmschutzmassnahmen des Flughafens Mulhouse reichen den betroffenen Gemeinden nicht

Die Bewohner, die wegen dem Flughafen Mulhouse nachts nicht einschlafen können, dürften sich am Mittwoch gefreut haben. Der Flughafen gab bekannt, dass er den Lärmschutz in den späten Abendstunden ausbauen will. Neu sollen geplante Starts ab 23 Uhr verboten sein. Ausserdem sollen von 22 Uhr Abends bis sechs Uhr am Morgen nur noch Flugzeuge eingesetzt werden, die einem gewisen lärmtechnischen Standard entsprechen, also nicht zu laut sind.

Dabei sind alle Passagierflugzeuge, die am Euro-Airport verkehren, bereits vom entsprechenden Typus. Nur Frachtmaschinen gehören noch zur Kategorie, die neu zu später Stunde verboten sind, erklärt der Mediensprecher des Flughafens, Stefan Wyer. Eine weitere Massnahme ist die Rückverschiebung der Flugroute bei Abflügen nach Westen. So hatte sich die Route um einige hundert Meter nach Süden verschoben, weshalb besonders die Gemeinden Allschwil und Binnigen mit mehr Lärm leben mussten. Die Route wird schon ab dem 18. Juni wieder wie ursprünglich «über weniger dicht besiedeltes Gebiet» geführt.

Die Gemeinden sind noch nicht zufrieden

Laut Mitteilung führen die neuen Regelungen zu etwa 40 Prozent weniger Flugverkehr in der Stunde vor Mitternacht. Was weiterhin bleibt, sind Landungen sowie Abflüge mit Verspätung. Aus diesem Grund hält sich die Freude bei den Gemeinden Allschwil und Binnigen auch in Grenzen. Die beiden Gemeinden sind besonders vom Fluglärm betroffen, weshalb der Gemeinderat von Allschwil im Sommer 2019 eine Petition lanciert hat. Darin fordert er vom Regierungsrat eine Nachtflugsperre zwischen 23 und sechs Uhr.

An dieser Forderung hält die Allschwiler Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli fest. «Ich bin erfreut, aber noch nicht glücklich», sagt sie auf Anfrage. Glücklich ist sie erst, wenn ab 23 Uhr kein Flugzeug mehr fliegen darf.

In der Gemeinde Binnigen tönt es ähnlich. «Bis auf Allschwil profitieren die anderen Schweizer Gemeinden nicht von der neuen Regel», sagt der Gemeindepräsident Mike Keller. Das Problem für seine Gemeinde seien nämlich vor allem die Südanflüge bei starkem Wind. Dann müssen die Flugzeuge tiefer fliegen und es ist lauter. Für ihn gibt es zwei Optionen, womit er zufrieden wäre: Entweder die besagte Nachtflugsperre oder eine Knotenlösung, wonach die Flugzeuge nicht mehr so tief fliegen dürften. (zaz)