Der Zürcher Hauptbahnhof ist gespenstig leer. Rolltreppen werden geputzt, vereinzelt stolpern Menschen durch die Bahnhofhalle. Einer hat eine Larve unter dem Arm, ein anderer eine Tasche mit einer Trommel über der Schulter. Die riesige, blaue Anzeigetafel ist bis auf zwei Züge leer. Beide fahren kurz nach 2 Uhr nach Basel. Das gibt es nur am Morgestraich.

Ein Kaffee zum Aufwachen wäre jetzt schön. «Der Bahnhof ist eigentlich zu», klärt ein Sicherheitsmitarbeiter auf. In Zürich war heute eben doch nur ein ganz normaler Montag.

«Blaggedde!», tönt es vom Perron. Fast wähnt man sich in Basel, wenn nicht unmittelbar neben dem Plaketten-Verkäufer ein anderer «Tages-Anzeiger!» rufen würde. Gegen den «Blaggedde»-Rufer hat er aber keine Chance.

Das Perron füllt sich. Die Augen der Wartenden verraten: Entweder sind sie schon lange wach oder gerade aufgestanden. Letztere essen ein Gipfeli, die anderen einen Döner. Sie warten schweigend. «Blaggedde!» – «Tagi!»

Der Extrazug kommt von Wetzikon. Die Wagen sind praktisch leer und füllen sich erst jetzt. Die SBB rechneten mit 500 bis 750 Reisenden. Im Zug hätten 750 Platz. Abgesehen vom hintersten Wagen und den Erstklass-Wagen ist der Zug bis fast auf den letzten Platz gefüllt.

Sie gähnen und dösen

Aber so richtig Stimmung mag nicht aufkommen. Vorfreude auf den Morgestraich? Fehlalarm. Stattdessen durchbricht ab und zu ein herzhaftes Gähnen die verschlafene Ruhe. Die meisten Fasnächtler sind zu müde, um miteinander zu sprechen. Sie lehnen ihre Köpfe ans Fenster oder die Schulter des Sitznachbarn und dösen. Der Zug ruckelt gleichmässig. Vor den Fenstern ziehen Lichter und Bahnhöfe vorbei.

«Blaggedde!»: Der Verkäufer vom Perron ist auch im Zug unterwegs, schwankt im fahrenden Zug von Abteil zu Abteil. Neben einer asiatischen Touristin bleibt er stehen, hält ihr den Bauchladen mit den Plaketten hin. «Blaggedde!»: Sie guckt fragend. «Blaggedde!»: Zögernd schüttelt sie den Kopf.

Kurz nach 3 Uhr hält der Zug in Basel. Die Türen öffnen sich. Endlich! Fasnacht liegt in der Luft! Und Vorfreude. Lachen und Schwatzen erfüllt die Bahnhofhalle. Die verschlafenen Fasnächtler erwachen. Ihre Augen glänzen. Sie lassen sich treiben. Auf den Centralbahnplatz und von dort in die Innenstadt, wo knapp eine Stunde später die Lichter ausgehen und die Pfeiffer den Morgestraich anstimmen.