Nach starken Gewittern schlafen vermutlich die Fische im Rhein schlecht, haben aber weniger Zahnweh und Fieber. Dann steigt nämlich im Wasser der Gehalt an Koffein und des Fieber- und Schmerzmittels Paracetamol bei der Rheinüberwachungsstelle (RÜS) in Weil an. Der Grund: Bei starkem Regen laufen die Kanalisationen über, ungeklärte Abwässer fliessen in Flüsse und Bäche. Koffein und Paracetamol, die sonst in den Kläranlagen weitgehend abgebaut würden, gelangen so in den Rhein.

Das Wasser, das bei der RÜS vorbeifliesst, stammt aus einem Einzugsgebiet mit 6,7 Millionen Einwohnern. Selbst wenn 95 Prozent des Koffeins im Körper und in Kläranlagen abgebaut werden, fliessen davon in Basel immer noch jährlich 1,8 Tonnen in Richtung Nordsee.

Das zeigt: Vieles, was an organischen Spurenstoffen im Rhein feststellbar ist, stammt nicht aus Unfällen, sondern dem alltäglichen Zivilisations-Verbrauch und medizinischen Anwendungen. Dazu gehören die jährlich über 15 Tonnen Süssstoffe, 7 Tonnen Korrosionsschutz aus Geschirrspülmitteln, 8,7 Tonnen Röntgenkontrastmittel, 1,8 Tonnen Pestizide aus der Landwirtschaft oder 18,1 Tonnen Pharmawirkstoffe. Insgesamt beträgt die jährliche Fracht an organischen Mikroverunreinigungen 110 Tonnen.

Die Pumpen stoppen

Auslöser für den Bau der RÜS war der Schweizerhalle-Brand 1986, bei dem die Chemikalien im Löschwasser das Leben im Rhein bis nach Mainz abtötete. Die 1993 eröffnete, durch die Schweiz und Baden-Württemberg finanzierte Messstation, hat zur Aufgabe, den Rhein mit 14-tägigen Proben auf langfristige Trends und mit täglichen Proben auf mögliche Havarien zu überwachen:

Bei Havarien, wenn also ein Stoff plötzlich in kritisch erhöhter Menge im Wasser auftaucht, löst das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt, das die Analysen vornimmt, je nach Konzentration eine Meldung oder einen Alarm aus. Dann können die Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen, die dem Rhein Rohwasser zur Grundwasseranreicherung entnehmen, ihre Pumpen rechtzeitig abstellen. Im Einzugsgebiet des Rheins beziehen 22 Millionen Menschen ihr Trinkwasser direkt oder indirekt aus dem Rhein.

Bereits bei 0,1 Mikrogramm Schadstoff pro Liter löst man den regionalen Alarm aus: Dann stellen die Hardwasser AG und die Industriellen Werke Basel ihre Rheinwasserpumpen unterhalb des Kraftwerks Augst respektive oberhalb der Staustufe Birsfelden ab. So schützen sie ihre Grundwasservorkommen im Hardwald und in den Langen Erlen vor Verunreinigungen.
Eigentlich ist der Beginn der Dreckfahne dann bereits an den Entnahmestellen vorbeigezogen.

Eine Studie des ETH-Wasserforschungsinstituts Eawag empfiehlt deshalb, für den Trinkwasserschutz weiter oben eine weitere Überwachungsstelle aufzubauen. Dies wird derzeit geprüft (bz vom 16. Januar). Generell gilt aber trotz der hohen Zahlen zu den Schmutzfrachten: Entkeimt man Rheinwasser bei der RÜS, so entspricht es den gesetzlichen Vorschriften für Trinkwasser.

Suche nach dem Verursacher

Hat die RÜS den Alarm ausgelöst, ist ihre Aufgabe noch nicht zu Ende: Nun geht es darum, den Verursacher zu finden und allenfalls das Leck zu stopfen. Zu diesem Zweck sind auf dem Rheingrund über dessen ganze Breite von 200 Meter fünf Entnahmestellen installiert. Ist die Schadstoff-Konzentration in den Proben aus den verschiedenen Entnahmestellen unterschiedlich, muss die Verschmutzungs-Quelle unterhalb des Kraftwerks Birsfelden liegen, denn die Zuflüsse aus der Birs, dem Birsig, der Wiese, der ARA Pro Rheno oder diversen Kühlwasser-Einleitungen sind auf dem kurzen Fliessweg bis zur RÜS nicht vollständig vermischt. Sind die Proben aus den fünf Entnahmesträngen dagegen homogen, kommt der Dreck von weiter oben.

Einerseits hat man in der RÜS eine Liste, wo mit welchen Stoffen hantiert wird. Zudem kann man anhand der aufbewahrten Wasserproben der ARAs oder Messstellen in Brugg (Aare) und Rekingen (Hochrhein) weiter eingrenzen, woher ein Stoff kam. So ist es beispielsweise 2013 gelungen, die Quelle von 80 Kilo Methadon – Schmerzmittel und Heroin-Ersatzdroge – zu finden, die beim Screening der RÜS ins Netz gegangen waren: In einem Produktionsbetrieb zwischen Brugg und Solothurn war der Stoff unbeabsichtigt ins Abwasser gelangt. Die Abläufe wurden dann so umgestellt, dass dies nicht mehr vorkommen sollte.

«Unsere Arbeit hat eine vorbeugende Wirkung, denn kein Unternehmen schätzt es, als Gewässerverschmutzer dazustehen», erklärt RÜS-Leiter Reto Dolf. Zudem führe die Überwachung dazu, dass Gesetze angepasst und Stoffe in ihrer Anwendung beschränkt werden können.