Wir gehen in Formation. Ein einzelner Tambour zieht an uns vorbei. Weiter vorne biegt er in den Unteren Heuberg ein. Ich schaue ihm nach. Mein Blick bleibt an den Einhörnern hängen, die am Gemsbrunnen stehen. Rrräng, wir steigen ins Nunnefirzli ein. Und schreiten bergab. Einer meiner Äste sticht mir mit jedem linken Schritt in den Bauch. Ich drücke ihn zur Seite, aber meine Trommel schiebt ihn immer wieder hoch.

Äste, Blätter, Moos und Rinde, sie hängen in diesem Jahr an unseren Körpern. Nach der letzten Fasnacht trat unser Mitglied, der Kurator Benedikt Wyss, mit der Idee hervor, die Unbaggene könnten ihren Zug an der Fasnacht 2018 vom Basler Künstler Johannes Willi gestalten lassen. Der Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen. Willi übernahm: Wir sollen uns nicht nur als Wald verkleiden. Wir sollen Bäume werden. An der Marschprobe in der Langen Erlen übten wir also neben dem neuen Repertoire und dem Gleichschritt auch das Baum-Sein. Ausserdem konnten hier viele noch Material für die Kostüme sammeln. Sturmtief Burglinde war grosszügig.

Und jetzt sind wir mittendrin. Der Tambourmajor dreht sich zu uns um. Mit dem quergelegten Stab zeigt er, dass wir anhalten sollen. Stau. Nein, doch nicht, es geht schon wieder weiter. In anderen Jahren mussten wir öfter ausweichen: Als «Wilde», die keinen Cortège laufen und den Rädäbäng nicht lesen, sind wir uns gewohnt, dynamisch durch den fasnächtlichen Taumel zu schlüpfen. Aber jetzt, wenn wir als Wald daherkommen, machen uns plötzlich alle Platz.

Den brauchen wir auch – Bäume sind ganz schön stämmig. Eine Gugge schränzt laut an uns vorbei. Durch unsere Reihen huscht ein weisser Waldgeist. Es ist Camilo Panchón: Der Künstler und Fotograf wurde aus Kolumbien mit einem Kostüm des Carnivals von Barranquilla eingeflogen, um uns drei Tage lang zu begleiten.

Wir kurven ums Hotel Basel. Der Duft von geschmolzenem Käse und Euphorie liegt in der Luft. Und über allem der Qualm, der aus unserem Requisit, dem Kupferkessel steigt. Der Zaubertrank brodelt. Die Farben um mich herum leuchten, die Piccolos trällern, die Äste wiegen schwer auf den Schultern. Die Wirbel fahren durch den Körper.

Drei Tage wie auf Ayahuasca

Alles verschwimmt ineinander. Ich treibe mit. Neben den ständig neuen Sinneseindrücken begegnen mir manche Dinge auch immer wieder: Die Laterne der Alten Garde der Pfluderi in Heuschreckenform, die anderen Bäume, die Pausen auf dem Andreasplatz und diese zauberhafte Einzelmaske – da ist sie schon wieder! Sie werden zu Konstanten meiner Fasnacht. Fast wie auf der Pflanzendroge Ayahuasca, wo die halluzinierten Kreaturen auch über mehrere Trips hinweg wiederkehren.

Unser Sujet «Ayahuasca la vista» spielt mit der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Wir Menschen haben im Verlauf der Geschichte die Natur immer mehr gebändigt, passiv gemacht. Als Gegenreaktion ist es zum Trend geworden, mit Drogentrips die Natur in uns und mit Renaturierungen auch die Landschaft um uns herum zum Leben zu erwecken. Doch hat es diese beschworene Trennung zwischen Mensch und Natur je gegeben? Vielleicht so wenig wie die zwischen Kunst und Fasnacht. Wieso zusammenführen, was nie auseinander war?

Ganz ohne Widersprüche und Gegensätze verlief denn auch unsere Sujet-Umsetzung nicht. Den einen war es zu brav. Anderen zu unpraktisch oder zu aufwendig. Weshalb soll uns jemand gestalten, der sonst nicht mit uns Fasnacht macht, meinten die Dritten? Den Vierten taten einfach die armen Pflanzen leid. Und am Schluss befürchteten wir alle, den Morgenstreich zu verschlafen: Seit wann haben Bäume Wecker? Doch tut Willis Kunst genau dies: Gegensätze und Ambivalenzen öffnen. Sie regt an und auf, um allen selbst zu überlassen, was sie daraus machen. Wie die Fasnacht. Sie ist so vielfältig, wie die Menschen und Bäume, die sie sich, mit Verlaub: «reinziehen».

Der Tod der Fasnacht

Wir machen Pause. Zeit Wurzeln zu schlagen. Später wollen wir noch eine Runde mit den Trommeln und Piccolos drehen, die Willi für uns gebastelt hat. Ich erinnere mich an unsere Yypfiff-Performance mit diesen Instrumenten am Sonntagabend in der Kunsthalle: An der ersten Fasnacht, an der diese auf der Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes steht, brachten wir sie ins Museum. Zwei Institutionen, die in der Kritik stehen, die Dinge zu töten, die sie vereinnahmen. Aber wenn die Natur wieder lebendig wird, schafft es vielleicht ja auch die Fasnacht.

Gelächter im Wald: Ein Hund hebt tatsächlich sein Bein, als er neben einem unserer Pfeifer vorbeigeht. «Yystoh!», ruft der Tambourmajor. Schon wieder.