«Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet», sagt der 17-jährige Liam. Der Baselbieter hat in der Schule vom Vogel Gryff gehört und das eine oder andere ist ihm geblieben. «Es sind drei Maskierte, oder? Und einer trägt Äpfel am Gurt», sagt er. Richtig. Und weiter? «Der Vogel ist wichtig. Und der Löi.» In Basel heisst das «Lai», sonst korrekt.

Der Vogel Gryff tanzt in der „Fischerstube“

Der Vogel Gryff tanzt in der „Fischerstube“

Liam biegt in die Rheingasse ein. Es regnet. Wo sich die Leute sonst auf den Füssen herumstehen, ist es verhältnismässig leer. Tino Krattiger steht vor der «8 Bar». Er warnt den jungen Mann: «Du wirst viele alte Männer sehen. Und Grossbasler, die sich nur einmal im Jahr ins Kleinbasel verirren», sagt Mister Rheingasse. Und prompt trommelt und pfeift sich eine aus dunkel gekleideten Herren mit Hüten bestehende Clique durch die Gasse. Liam geht zum «Schafeck». Vor der Beiz tanzen die Tiere zum Sound der Tambouren. Applaus!

Treuer Heini trotzt dem Wetter

Für Tambour Thomy ist es ein spezieller Tag. Nach 22 Jahren im Spiel hört er auf zu trommeln. «Warum tust du das?», fragt ihn eine Frau am Strassenrand. Sie klingt besorgt. Er weiss nicht, das wie vielte «Warum?» das heute ist. «Es ist Zeit, dem Nachwuchs Platz zu machen», sagt Thomy. Ein wenig traurig sei er schon. «Es ist ein komisches Gefühl, zu wissen, dass meine Rolle im nächsten Jahr eine andere sein wird.»

Er wird den Vogel Gryff als Begleiter eines Tieres erleben und damit aus einer neuen Perspektive. Für das Publikum aber ändert sich nichts. Das gefällt Liam: «Ich finde es cool, dass dieser Brauch nach so langer Zeit noch gelebt wird und die Menschen Freude daran haben, obwohl es immer dasselbe ist.»

Der Schlusstanz im Merian-Saal 2018

Der Schlusstanz im Merian-Saal 2018

Der Wild Maa tanzt vor seinem Tambour Thomy, der nach 22 Jahren aufhört, im Vogel-Gryff-Spiel zu trommeln.

Davon kann Heini ein Lied singen. Der Stammgast der «Fischerstube» erlebte gerade seinen 76. Vogel Gryff. Heini ist Kleinbasler durch und durch. «Obwohl ich nur als Baby hier gelebt habe.» Die Mutter war sich zu gut fürs Kleinbasel. Heini versteht das bis heute nicht. Ihm geht es ein wenig wie dem «Schuggermyysli». «Es ist der schönste Arbeitstag im Jahr», sagt die Polizistin, die als «Schuggermyysli» bezeichnet werden will. Seit Stunden schon begleitet sie das Spiel durchs Kleinbasel. Alles lief gut. Und weil der Tag auf einen Samstag fiel, waren mehr Leute da als sonst. «Regen hält keinen Vogel-Gryff-Fan ab», sagt sie ganz in Heinis Sinn. Dieser würde seine Stube auch bei Sturm verlassen, um die Tiere tanzen zu sehen. «Der Wild Maa fährt ja auch bei jedem Wetter den Rhein hinunter.»

Da sind die Partygänger weniger hart im Nehmen. Wer jetzt in der Rheingasse unter freiem Himmel steht, ist ein Vogel Gryffler. Oder ein Raucher. Aber nicht einfach einer, der den Samstagsabend-Kick sucht. Das tut er lieber drinnen in der «8 Bar» oder im «Grenzwert», wo Sound aus den Boxen dröhnt, als wäre dies ein Samstag wie jeder andere. Es ist bald 23 Uhr, Heini hat den Becher mit seinem eingravierten Namen und dem «Wildmaa Bogg» leer getrunken und macht sich auf den Heimweg. Die Schlusstänze im Café Spitz finden auch ohne ihn statt. Ausserdem brauchen Leute ohne «Schuggermyysli»-Uniform für den Merian-Saal eines der begehrten Tickets. Liam stört es nicht, dass er kein solches besitzt, sein Weg führt ihn heut Abend noch an eine Party ohne wilde Tiere. «Cool» fand er es aber und «gern wieder!».

Das Bunteste im Merian-Saal sind die Fahnen der drei Ehrengesellschaften. Eine Frau trägt einen roten Gips am Arm, sonst dominiert dunkel. Es ist ja auch kein Faschingszelt, in dem sich die Leute versammelt haben, sondern ein ehrenwerter Raum an einem ehrenwerten Tag mit ehrenwertem Brauch.

Tränenabschied zum Geburtstag

Die Uelis springen in den Saal, sammeln nochmals kräftig Geld für einen wohltätigen Zweck, zappeln auf der Bühne, bis sie endlich beginnt, die Schlussshow. Erster Tambour spielt vor seinem Tier, zweiter, dritter. Und jedes Mal endet es in Tränen. Es ist ein emotionaler Moment, nicht nur für die Mitwirkenden. Umarmung. Und Abschied. Thomy wird nicht mehr hier stehen nächstes Jahr, nicht mehr mit der Trommel. Es ist ein Abschied und ein Neuanfang und das alles an seinem Geburtstag. Mehr Emotionen gehen nicht.

Derweil ist es draussen in der Rheingasse fast schon still. Kaum vorstellbar, dass da bei warmem Wetter die Post abgeht. Heini liegt wahrscheinlich schon im Bett und denkt an den gelungenen Tag zurück, Liam befindet sich bereits wieder im Baselbiet und das «Schuggermyysli» legt bald die Uniform ab. In der «8 Bar» läuft «Purple Rain», derweil sich die Tambouren zu «We Are The Champions» in den Armen liegen.
Bis zum nächsten Trommelschlag. 

Kleinbasler Ehrentag: Vogel Gryff, Wild Maa und Leu tanzen auf der Mittleren Brücke

Kleinbasler Ehrentag: Vogel Gryff, Wild Maa und Leu tanzen auf der Mittleren Brücke

Kaum angekommen im Kleinen Klingental wurden Vogel Gryff, Wild Maa und Leu von den Massen verschluckt. Vorläufiger Höhepunkt: Der Tanz der Ehrenzeichen der drei Kleinbasler Ehrengesellschaften vor Spielchef Andreas Lehr auf der Mittleren Brücke beim Käppelijoch.