Umweltschutz

Wenn die Hafenpromotoren zu Naturschützern mutieren

Geplant seien auf den insgesamt 45,8 Hektaren Ersatzflächen ökologische Aufwertungsmassnahmen für Tiere und Pflanzen. (Symbolbild)

Geplant seien auf den insgesamt 45,8 Hektaren Ersatzflächen ökologische Aufwertungsmassnahmen für Tiere und Pflanzen. (Symbolbild)

Mit einem Massnahmepaket will die Logistikdrehscheibe Gateway die Unterstützung des Bundes und des Basler Stimmvolks gewinnen.

Die Brache umfasst zwanzig Hektar und liegt hinter der Autobahn an der deutschen Grenze. Früher betrieb dort die deutsche Bahn einen Rangierbahnhof, heute steht sie als Ersatzbiotop und Durchgangskorridor für seltene Pflanzen und Tiere unter erhöhtem Naturschutz.

Geht es nach den Plänen der Politik und der Speditionsbranche soll Dreiviertel der Fläche zu einer Logistikdrehscheibe umgewandel werden. Das eine Projekt sieht Containerumschlagplatz mit Bahn- und Autobahnanschluss vor, den Gateway Basel Nord. Damit verbunden ist das Projekt eines dritten Hafenbeckens, das einen speditiven Umschlag vom Schif auf den Zug ermöglichen soll.

Ende November hat die Basler Stimmbevölkerung in einer Referendumsabstimmung über einen 115-Millionen-Kredit für den Bau des Hafenbeckens zu befinden. Für die Befürworter, die am Freitag ihre Kampagne starteten, handelt es sich um eine Schicksalsabstimmung, ob der Basler Hafen eine Zukunft hat. Mehr noch: Ob die schweizerische Güterumlagerungspolitik von der Strasse auf die Schiene überhaupt realisierbar sei. Das schärfste Argument der Gegner: Das Biotop sei nicht ersetzbar.

11,5 Hektaren zerstört – 45,8 Hektarn aufgewertet

Die Frage nach möglichen Ersatzflächen ist bei der Volksabstimmung formell nicht gestellt. Ohne plausibles Konzept ist aber wohl keine Stimmenmehrheit zu erreichen. So haben die Betreiber des Gateways am Freitag auch ihr neuestes Konzept für Ersatzflächen präsentiert, das vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) akzeptiert werden muss:

  • Ein durchgängiger, mindestens sechzig Meter breiter Korridor bleibe naturbelassen, um die Durchlässigkeit für das Tierreich auf der Nord-Süd-Achse zu gewährleisten.
  • In den Langen Erlen würden 8,6 Hektar Ackerland in eine Streuobstwiese umgewandelt. Die IWB als Landbesitzer seien einvestanden und können sich für die geschenkte Naturaufwertung bedanken.
  • In der Hard Pratteln sollen 6,5 Hektar Wald aufgelichtet werden, was die Artenvielfalt födern werde. Die Bürgergemeinde Basel stellt dafür den Wald zur Verfügung.
  • Eine Fläche von 20 Hektar haben die SBB auf ihrem Rangierbahnhof Muttenz ausgeschieden, die künftig nicht mehr krautfreien Schotter aufweisen, sollen, sondern auf der eine spezielle Flora gedeihen soll. Das Entgegenkommen der SBB ist nicht uneigennützig, da sie ohnehin angehalten sind, ihr Terrains aufzuwerten und zudem über ihre Tochter SBB Cargo am Gateway beteiligt sind.
  • Weitere 10,7 Hektar Land entlang der Hafenbahn zwischen dem Birsfelder Hafen und dem Auhafen sollen ebenfalls als Wanderkorridor attraktiv gemacht werden.

Die Rechnung klingt überzeugend: Rund 11,5 Hektar an «trockenwarmem Wiesen- und Weidenstandort» (TWW) fallen dem Projekt zum Opfer; 45,8 Hektar Land werden dafür ökologisch aufgewertet. Überzeugend scheint auch eine qualitative Quantifizierung: Der Bau des Gateways und des Hafenbeckens koste 3,6 Millionen «Naturpunkte», mit den Ersatzmassnahmen würden jedoch 4,5 Millionen solcher «Naturpunkte» geschaffen.

Pro Natura ist vom Angebot nicht überzeugt

Vom Konzept überhaupt nicht überzeugt sind nach einer ersten Durchsicht die Naturschützer von Pro Natura. Markus Ritter sagt pointiert: «Die vorgeschlagenen Massnahmen zeigen gerade, dass es keine Ersatzfläche für das DB-Areal gibt.» Es sei in seiner Grösse und Lage eben einzigartig. Die Massnahmen in den Langen Erlen etwa seien ohne Belang; nicht nur sei ein ganz anderer Lebensraum betroffen sei, sondern dieser sei auch nicht mit dem DB-Areal verbunden.

Interessant ist für Pro Natur das Angebot, einen 60-Meter-Korridor unbeschadet zu belassen. Diese Idee war bereits Bestandteil in einer frühen Planungsphase. Es verschwand dann jedoch aus dem Argumentarium, um nun fünf Wochen vor der Abstimmung wieder aufzutauchen.

Dem Abstimmungskomitee, dem die kantonalen Parteipräsidenten von SVP über FDP, GLP, SP bis zu den Grünen angehören, ist die Konzentration auf das Naturschutzthema nicht recht. Lieber wollen sie über die volkswirtschaftliche Bedeutung des Hafens für den Stadtkanton reden. Oder über die Entwicklungschancen für die Klybeckinsel oder dem Wolf-Areal, die sich durch den Bau des Hafenbeckens ergeben.

Oder darüber, dass Basel in der Pflicht stehe, damit die Versorgungssicherheit der Schweiz abzusichern. Wenn auch jeweils im Wissen: Ohne Einigung bei der Naturschutzfläche gibt es weder ein Gateway noch ein Hafenbecken – unbesehen davon, wie die Volksabstimmung ausgeht.

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Autor

Christian Mensch

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