Frau Fetz, die Pharmaindustrie hat eine aggressive Kampagne gegen die Senkung der Medikamentpreise in Gang gesetzt. Ist die Pharma mit dieser Strategie gut beraten?

Fetz: Wenn die Industrie jetzt so powert, erreicht Sie leider nur das Gegenteil.

Woher die Verhärtung der Fronten?

Weil die meisten Leute in Politik, Wirtschaft und in den Medien die Zusammenhänge nicht genügend kennen. Kurz gesagt: Die Schweizer Pharma macht im heimischen Markt etwa zwei Prozent ihres Umsatzes. Doch die Preise, die hier gelten, bestimmen auch die Medikamentenpreise, die im Ausland erzielt werden. Werden hier Dutzende von Millionen eingespart, so können beim Umsatz global Milliarden wegbrechen. Die schweizerische Volkswirtschaft verliert insgesamt mehr, als sie mit den staatlich gedrückten Medikamentenpreisen zu gewinnen hofft. Es ist der Pharma nicht gelungen, diesen Mechanismus zu erklären.

Weshalb?

Weil die Pharma vornehmlich an der Preisfront agiert.

Wie sollte sie sonst agieren?

Es gibt nicht nur Pharmafirmen in der Region Basel. Die Pharma bietet Tausende von Arbeitsplätzen im Wallis, in Genf, in der Innerschweiz. Heute werden die Preissenkungen lediglich als Problem der reichen Region Basel dargestellt, was so nicht stimmt.

Alles eine Frage der Kommunikation?

Nicht nur: Eine Branche, die ihren Topshots Millionengehälter zahlt, hat natürlich ein ziemlich grosses Erklärungsproblem, wenn es um die Senkung der Medikamentenpreise geht.

Ist nicht genau dieser Widerspruch zu gross, um in der Öffentlichkeit Gehör finden zu können?

Wir in der Region haben gelernt, mit diesem Widerspruch umzugehen. Ich habe überhaupt keine Veranlassung, den Lohn von Herrn Vasella zu rechtfertigen. Im Gegenteil. Doch dies ändert nichts an den volkswirtschaftlichen Auswirkungen, die etwa mit einer Preisreduktion verbunden sein können. Diese sind für die Schweiz zu gross, um sie einfach laufen zu lassen.

Als SP-Politikerin finden Sie dazu in Ihrer Fraktion wenig Verständnis.

Ungewöhnlich im politischen Setting ist sicher, dass sich auch linke regionale Politiker für die Pharma einsetzen. Aber wir wissen um die Bedeutung dieser Branche für die Schweiz. Es geht um Arbeitsplätze, um Lehrlingsplätze, um Forschungsgelder. Wir sind aber vor allem Vermittler.

Nicht Lobbyisten?

Nein. Sicher nicht. Wir politisieren für die Leute, die zum grössten Teil für relativ normale Löhne für die Pharma arbeiten. Es ist an der Industrie, das Gespräch mit den Behörden zu führen.

Lässt sich kurzfristig – nach In-Kraft- Treten der Verordnung auf Anfang Mai – noch etwas erreichen?

Diese Runde ist gelaufen, da muss man realistisch sein. Ich verstehe auch Bundesrat Alain Berset, der an seiner Entscheidung festhält. Aus seiner Sicht wurde ein Kompromiss beschlossen und diesen wird er sicher nicht rückwirkend wieder aufkündigen. In diesem Jahr wird aber nur ein Drittel der Preise neu festgelegt. Im kommenden Jahr das zweite Drittel. Und für diesen Zeitpunkt wäre es gut, wenn beide Seiten sich zu einem Kompromiss finden könnten.

Nochmals zur Eingangsfrage: Ist die Pharma gut beraten, wenn sie das Gespräch mit forscher Rhetorik versucht herbeizuzwingen?

Dazu kann ich nur sagen: Wir – Ständerat Claude Janiak und ich sowie die Basler Regierung – treten deutlich differenzierter auf. Je mehr Druck ausgeübt wird, desto schwieriger wird ein Kompromiss. Denn wenige Politiker lassen es sich gefallen, wenn sie durch das Lobbying derart öffentlich unter Druck gesetzt werden.

Haben Sie entsprechende Reaktionen?

Ich höre Parlamentarier jetzt schon sagen: «Solches Lobbying lasse ich mir nicht bieten!» Das ist kontraproduktiv.

Sie äussern aber auch Verständnis für die Pharma, die sich als von der Politik bewusst unverstanden betrachtet.

Sicher. Von den 25 Milliarden Franken in der obligatorischen Krankenversicherung ist ein gutes Fünftel auf Bundesebene direkt beeinflussbar. Fast vier Fünftel der Kosten liegen im Einflussbereich der Kantone und der Tarifpartner. Vom Fünftel, das auf nationaler Ebene reguliert wird, machen die Medikamentenpreise den Löwenanteil aus. Wer sich national möglichst einfach profilieren will, drischt am besten auf die Medikamentenpreise ein.

Die Pharma bringt dieses Argument auch vor…

...was ein schönes Beispiel für das Gesagte wäre, denn ich habe das vor der Pharme noch wenig gehört.

Nur kommt leicht der Eindruck auf, Sie wolle den Schwarzen Peter weiterschieben.

Auch das ist, was ich meine: Die Pharma kann sich nicht in der Regel in der Öffentlichkeit wenig hörbar verhalten und dann forsch auftreten, wenn eine Preissenkungsrunde läuft.

Ihr Rat an die Pharma?

Mehr Dialog, mehr Erklärung, mehr Zusammenhänge. Bis jetzt gibt es allerdings nicht viele Persönlichkeiten in dieser Branche mit der Fähigkeit, in einen guten Dialog mit der Öffentlichkeit zu treten.

Hat die Pharma fähige Manager, aber einen Mangel an Kommunikatoren?

So absolut kann ich dies nicht sagen, da ich den einen und anderen Manager kennen gelernt habe, dem eine solche Rolle absolut zuzutrauen wäre. Aber diese stehen nicht an vorderster Front. Das ist schade.