Coronavirus

Wenn die WG plötzlich leer steht: Gemeinsam durch die Quarantäne oder Rückzug ins Elternhaus?

Revival der Brettspiele: Diese vier Studenten haben sich ihren WG-Alltag in Quarantäne gemeinsam neu eingerichtet.

Revival der Brettspiele: Diese vier Studenten haben sich ihren WG-Alltag in Quarantäne gemeinsam neu eingerichtet.

Diese Tage stellte sich wohl in so manchen Wohngemeinschaften dieselbe Frage. Wo überstehe ich die Coronakrise am besten? Ein Blick in die Basler Studierenden-WGs zeigt: Es wurden ganz unterschiedliche Lösungen gefunden.

Während sich die eine Wohnung zur kompletten Geisterbehausung verwandelt, sitzt eine Studentin andernorts plötzlich alleine in ihrem 3-Zimmer-Appartement. Und nochmals andere meistern ihren Quarantäne-Alltag gemeinsam in der 4er-WG.

Modell 1: Der Rückzug

«Am Anfang war die Idee, einfach ein bisschen ausserhalb der Stadt zu entspannen und dann wieder zurück nach Basel zu kommen». Daraus ist für Lea jetzt aber doch nichts geworden. Die Medizin-Studentin ist seit der Schliessung der Basler Uni wieder in ihrem Elternhaus im aargauischen Rütihof – und geniesst das Leben nahe der Natur sichtlich.

Bis die Epidemie endgültig ausbrach, hatte Lea in einer 2er-WG im Kleinbasel gewohnt. Ausschlaggebend für die Entscheidung zur Heimreise ins Elternhaus war vor allem die räumliche Freiheit: «Unsere Wohnung in Basel ist etwas enger und besitzt keinen Balkon», sagt sie. Zurück im heimischen Aargau stehe ihr nicht nur ein Garten zur Verfügung; auch Wald und Natur seien viel näher. Da hin und her zu pendeln momentan nicht gerade das Schlauste wäre – auch, weil Leas Vater der sogenannten Risikogruppe zugehört – , entschied sie sich, gleich in Rütihof zu bleiben.

Dort wohnt sie nun mit ihren Eltern und ihrer Schwester, die ebenfalls für die Quarantänezeit wieder nach Hause gezogen ist: «Genau so, wie wir damals auch aufgewachsen sind», kommentiert die Studentin und lacht. Es sei schön, wieder einmal etwas mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Auch ihre WG-Mitbewohnerin Julia ist einige Tage später in ihr Elternhaus zurückgekehrt. Es wurde ihr schlicht zu langweilig allein daheim. Nun lebt sie – ebenfalls wie in alten Tagen – wieder in Leas unmittelbarer Nachbarschaft und die beiden gehen ab und an gemeinsam auf Distanz spazieren. «Ein bisschen nervig» sei für Lea nur, dass sie momentan ihren Partner nicht mehr sehen könne. Dieser hatte sich entschieden, mit seinen Mitbewohnern in Basel zu verweilen.

Modell 2: Plötzlich allein

Ein wenig einsamer gestaltet sich im Moment Natalies Leben. Die Geowissenschaftsstudentin ist die einzige von drei Mitbewohnern, die noch in ihrer Wohnung in Basel verblieben ist. Seit rund zwei Wochen lebt sie alleine in ihrer 3-Zimmer-Wohnung in der Spalen-Vorstadt. «Eigentlich geniesse ich es schon, die gesamte WG für mich zu haben. Ich verbringe gerne Zeit alleine», erzählt sie. Aber insbesondere einige Tage hintereinander in den gleichen vier Wänden zu stecken und keine sozialen Kontakte zu pflegen, drücke dann schon aufs Gemüt.

Dabei sei gar nicht von Anfang an klar gewesen, dass beide ihre Mitbewohner die Coronaquarantäne auswärts verbringen würden: Der eine Mitbewohner, stammend aus Freiburg im Breisgau, reise sowieso fast jedes Wochenende zurück in die Heimat. Als dann plötzlich alle Vorlesungen abgesagt wurden, entschied er sich, gleich einige Tage dortzubleiben.

Und nun, nach Grenzschliessungen und weiteren Verschärfungen aufgrund der rasanten Ausbreitung des Virus, habe er sich dazu entschlossen, den Aufenthalt im Deutschen auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Auch Natalies zweiter Mitbewohner verliess Basel, sobald klar wurde, dass sämtliche Vorlesungen in den virtuellen Raum verschoben würden. Dieser weilt nun bei seiner Partnerin in Zürich.

Jene Destination wird bald auch Natalies Ziel sein. Nur etwas hält sie hier noch fest: die Bachelorarbeit. Zwar könne sie den schriftlichen Teil auch zu Hause erledigen; die Laborarbeiten müsse sie aber hier fertigstellen. Wobei sie sich glücklich schätzen kann, dass dies überhaupt noch möglich ist: «Weiterhin ins Labor darf ich nur deshalb, weil ich als einzige Person noch dort arbeite», so die Studentin. Bis jetzt sei es in Ordnung, die sozialen Interaktionen derart einzuschränken. In ein, zwei Wochen sei aber wohl auch sie froh, ins Elternhaus zurückkehren zu können. Obwohl im noch grösseren Zürich liegend, sei jene Unterkunft für Social-Distancing-freundliche Spaziergänge bedeutend besser gelegen: direkt am Waldrand.

Modell 3: Weiter wie bisher

Für eine radikal andere Lösung haben sich vier Studenten in ihrer Wohnung im «Gundeli» entschieden: Sie stehen den Coronaalltag gemeinsam durch. Statt einer gespenstischen Leere ist die Liegenschaft belebter als je zuvor. Dass die vier Studenten diese spezielle Zeit zusammen bestreiten würden, war für sie früh klar: «Bereits rund eine Woche bevor die Unis überhaupt geschlossen wurden, sassen wir zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen», sagt Fabio. Er habe schon damals damit gerechnet, dass sich die Vorlagen des Bundes in den kommenden Tagen verschärfen würden. Entsprechend einigten sie sich auf eine strikte Lösung: «Wenn einer Symptome zeigt, bleiben alle zu Hause.»

Auch weiterführende Massnahmen, falls sich jemand infizieren würde, hatten sie sich ausgemalt: 24 Stunden am Tag im eigenen Zimmer, kein Kochen, keine soziale Interaktion. «Die Mahlzeiten würden wir der angesteckten Person dann wohl jeweils vor die Zimmertür legen», sagt Mitbewohner Philip und schmunzelt. Mit dem Coronavirus infiziert hat sich bisher keiner der vieren, die ursprünglich selbstauferlegte Isolation bleibt dennoch bestehen.

Seit der Bundesrat die Schliessung aller Bildungsinstitutionen verlautete, verbringen die vier Studenten fast den gesamten Tag zu Hause. Lediglich Einkaufen ist noch; und jeweils ein Spaziergang pro Tag für Körper und Geist. Eine Aufgabe, die einen besonderen Stellenwert erhalten habe, sei die Kompostentsorgung: «Ursprünglich als Bestrafung gedacht, wenn jemand sein Ämtli vergessen hat, ist es nun eher eine Belohnung», erzählt Fabio.

Der gemeinsame Alltag funktioniere bisher vor allem aufgrund der engen Freundschaft so gut: «Wir kennen uns alle schon seit Jahren und drei von uns sind gemeinsam hierher gezogen», so Philip. Dass sonst sämtliche soziale Kontakte abgeschnitten sind, lasse sich zu viert gut kompensieren: «Jetzt vertiefen wir eine Zeit lang einfach diese Freundschaften.» Bis jetzt sei es in der Quarantäne noch nicht langweilig geworden: «In einem Aktiv-Passiv-Intervall spielen wir an einem Abend ein Brett- oder Kartenspiel, am nächsten schauen wir gemeinsam einen Film oder plaudern einfach auf dem Balkon.» Und das langfristige Projekt, nach dem die vier Freunde seit Beginn der Isolation gesucht hatten, stehe seit gestern endlich auch fest: «Wir wollen nun gemeinsam ein Theaterstück einüben und filmen – ‹Biedermann und die Brandstifter›», sagt Philip, ein begeisterter Max-Frisch-Fan, stolz.

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