Ein paar Minuten noch, dann hebt sich der Vorhang. Jean Pierre Bitterli konzentriert sich. Er zieht sein Headset über, blickt auf das Schaltpult auf seiner kleinen Arbeitsfläche. Die Knöpfe leuchten rot, gelb und grün. Darüber sind drei Bildschirme montiert. Der Mittlere zeigt den Blick auf die Bühne, die Kamera rechts ist auf den Dirigenten gerichtet. Via die farbenen Knöpfe löst Bitterli Leuchtzeichen aus und teilt so allen Sängern und Mitarbeitern hinter der Kulisse mit, dass sie sich für den Auftritt bereit halten müssen. Die Musiker im Orchestergraben stimmen ihre Instrumente. Dann geht das Licht aus. Jetzt das Leuchtzeichen für den Vorhang – und die ersten Takte von «Otello» schweben durch den Saal.

Dank Jean Pierre Bitterli beginnt die Vorstellung pünktlich und problemlos. Er ist Inspizient am Theater Basel und sitzt während jeder Oper-, Ballett- oder Schauspielaufführung direkt neben dem Vorhang auf der Grossen Bühne. Sein Job: Er ist verantwortlich, dass jeder Sänger rechtzeitig die Bühne betritt, die Beleuchter die Scheinwerfer im richtigen Moment auf die Bühne richten oder die Techniker die Schallwand heraufziehen, damit der Chor auftreten kann. In dieser Saison tut er dies unter anderem eben bei Giuseppe Verdis «Otello».

Notizen im Klavierauszug

Bitterlis wichtigstes Arbeitsmittel ist das Notenbuch, das er auf seinem kleinen Pult liegen hat. Im Klavierauszug von «Otello» hat er sich auf jeder Seite notiert, was er wann für Leuchtzeichen geben und wen er wann ausrufen muss. Jeweils fünf Minuten vor ihren Einsätzen sollen die Sänger Bescheid bekommen. Daneben liegt der «Hakenzettel», wie er ihn nennt, auf dem er Unvorhergesehenes notiert.

An diesem Abend zum Beispiel probiert die Regieassistenz etwas Neues aus. Das Orchester beklagte sich bis anhin nach jeder Vorstellung, dass das Theaterblut von Otello, der am Ende der Oper stirbt, auf ihre Instrumente tropft. Das Bühnenbild besteht aus einem gelben Kran, der sich während der Vorstellung Richtung Publikum dreht. Otellos Tod passiert zuoberst auf dem Kranarm. Um das Tropf-Problem zu lösen, wird der Kran neu also weiter nach vorne über die Publikumsränge gefahren, erklärt Bitterli. Kurz vor Beginn kommt dann auch tatsächlich der Dirigent Giuliano Betta beim Inspizient vorbei und macht ihn noch einmal auf die Blut-Geschichte aufmerksam.

«Otello»-Regisseur Calixto Bieito ist dafür bekannt, dass in seinen Inszenierungen viel Blut fliesst. Und er sei ein Chaot, sagt Bitterli. Bei ihm müsse man bis zur letzten Minute damit rechnen, dass er noch etwas ändert. «Aber ich finde es irrsinnig, mit ihm zusammenzuarbeiten», sagt er. «Er sitzt nicht im Publikum und gibt durch das Mikrofon Anweisungen, sondern steht selber auf der Bühne.»

Ein paar Minuten nach Opernbeginn klingelt an Bitterlis Schaltpult das Telefon. Die Dame aus dem Foyer teilt ihm mit, dass vor der Türe zu spät Gekommene stehen. Bitterli muss jetzt eine günstige Szene abwarten, in der die Zuschauer in den Saal dürfen. Dann gibt er der Foyer-Dame das Gong-Zeichen für den Nacheinlass.

Immer wieder kommt eine Regieassistentin vorbei und berichtet dem 53-Jährigen, was hinter der Bühne passiert, oder trägt Wünsche vor. Einmal erzählt sie gar, eine Türe sei verschlossen gewesen, durch die der Otello-Darsteller die Bühne hätte verlassen sollen.

Nicht jedes Stück kann gefallen

Solche Szenen sind für Bitterli keine Seltenheit. Vieles bekommen die Zuschauer gar nicht mit, erzählt er. Und das, obwohl manchmal ganz schnell wichtige Entscheide gefällt werden müssen. «Wenn während der Vorstellung etwas passiert, müssen wir hier sofort reagieren.» Er als Inspizient ist die zentrale Stelle, bei ihm laufen die Fäden zusammen. «Das braucht viel Nerven.»

Und die hat er offensichtlich, denn Bitterli sitzt schon seit 22 Jahren auf dem Inspizientenstuhl neben der Bühne. Und natürlich haben ihm nicht immer alle Werke, die am Theater Basel gespielt worden sind, gefallen. «Es gab sicherlich auch Stücke, mit denen ich nicht warm wurde. Andererseits entwickle ich einen anderen Bezug zu ihnen, wenn ich lange mit ihnen arbeite. Ich lerne sie richtig kennen, und manchmal fangen sie doch an, mir zu gefallen. Wenn nicht, muss ich halt einfach auf die Zähne beissen.»

Bitterli ist bei seiner Arbeit meist auf sich alleine gestellt. Er bringt sich selber bei, wie und wo im Stück er den Protagonisten Zeichen geben kann, damit diese sie richtig deuten. Bei Opern schreibt er die Hinweise in den Klavierauszug, für Ballettaufführungen macht er eigene Notizen. «Schwierige Stellen höre ich mir zu Hause auf CD an, bevor ich in die Proben gehe.» Bitterli übt seine Inspizienten-Aufgabe am liebsten bei musikalischen Werken aus. Einerseits wegen der Atmosphäre. Andererseits: «Beim Schauspiel kann man jederzeit irgendetwas abwandeln. Aber Noten sind so, wie sie sind. Da sind Änderungen nur bedingt möglich.»

Schon mal den Faden verloren

Es gibt Momente bei Inszenierungen, die sind Bitterli, aber auch der Regieassistenz oder dem Bühnenmeister nicht ganz angenehm. Bei «Otello» zum Beispiel übernimmt ein Statist die Rolle eines Erhängten. Zwar ist dieser gut gesichert, aber ihm bei seinem Auftritt zuzusehen, ist nicht ganz einfach. Also hat der Statist mit dem Bühnenmeister verabredet, er bewege regelmässig seine Hand, um zu zeigen, dass alles in Ordnung ist.

Grundsätzlich ist «Otello» eine eher «gemütliche» Inszenierung, was das Arbeitstempo von Bitterli betrifft, wie er selber sagt. «Es ist schön, wenn ich zwischendurch mal ein paar Seiten lang eine Pause machen und dem Gesang zuhören kann.» Dass er während eines Stückes den Faden verloren hat, sei ihm schon mal passiert. «Gefährlich ist, wenn man nach der zehnten Vorstellung das Gefühl hat, man könne es, und sich ablenken lässt.» Aber: «Ich habe jedes Mal mit Herzklopfen den Einstieg in das Stück wieder gefunden.»

Vier Direktoren überlebt

So begeistert Bitterli von seinem Job ist – auch dieser hat Schattenseiten. Zum einen ist Bitterli während zehn Monaten auf Pikett. Fällt sein Inspizient-Kollege aus – sie sind am Theater Basel nur zu zweit –, muss er einspringen. Und: «Ich befinde mich im luftleeren Raum, ich habe keine Ansprechperson. Wenn etwas schiefgeht, bin immer ich schuld.» Am Anfang sei das schwer gewesen, «aber jetzt stehe ich drüber.» Die unregelmässigen Arbeitszeiten jedoch gefallen ihm: «Jeder Tag ist wieder eine neue Herausforderung. Das hält mich fit.»

In den 22 Jahren, in denen Jean Pierre Bitterli als Inspizient am Theater Basel arbeitet, hat er mit Wolfgang Zörner, Hans Peter Doll, Michael Schindhelm und dem jetzigen Georges Delnon gleich vier Intendanten miterlebt. Konkret Einfluss auf seine Arbeit haben die Wechsel nicht genommen. «Aber die neue Crew, die die Direktoren mitbringen, die Stimmung und die Arbeitsweise bekomme ich jeweils natürlich mit.» Jeder Intendant habe andere Schwerpunkte verfolgt.

Grössere Tasche für Otello

Nach zweieinhalb Stunden «Otello» fällt nun der Vorhang, die Vorstellung ist zu Ende. Nun warten die Sänger neben Jean Pierre Bitterlis Pult, bis sie zum Applaus noch einmal auf die Bühne dürfen. Die Regieassistentin gesellt sich dazu und überbringt die frohe Botschaft: Es hat geklappt! Otellos Blut ist nicht mehr in den Orchestergraben getropft. Alles klar, die Vorstellung ist optimal verlaufen. Nur das: Otello wünscht sich für die nächsten Aufführungen eine grössere Tasche in seiner Jacke, damit das Blut besser fliesst.