Wenn Eltern psychisch krank sind, ist dies für die Kinder ein lebenslanges Handicap. Ein Drittel der Kinder erkrankt selbst und ein weiteres Drittel erlebt die Erfahrung als permanente Bedrohung. Zur Verstörung des Kindes kommt das gesellschaftliche Tabu. Auch Kinder, die dank Resilienz (Widerstandskraft gegen die unerträgliche Situation) einer eigenen Erkrankung entgehen, drehen sich oft noch im Erwachsenenalter in einem Strudel von widersprüchlichen Gefühlen.

Leidensgeschichte mit Happy End

Silvia N. * ist Sozialpädagogin und arbeitet in einer psychosozialen Institution in Basel. Sowohl ihr Vater, ihre Mutter wie auch ihr Bruder waren krank. Die grösste Belastung stellte für sie die Mutter dar, die unter einer schweren Zwangserkrankung litt. «Alles, was von aussen kam», sagt Silvia N., «musste meine Mutter mit einem schmutzigen Lumpen abputzen. Daneben verwahrloste der Haushalt.»

Gegen aussen erlebte sich Silvia als unauffälliges, schüchternes Kind. «Schlimm war, dass ich aus Scham niemandem etwas erzählen konnte, obwohl ich die Sehnsucht hatte, in diesem Elend wahrgenommen zu werden.» Ein Dilemma bestand darin, dass Silvias Bedürfnisse und die ihrer Mutter in Widerspruch gerieten und die Tochter sich oft hart abgrenzen musste, um innerlich zu überleben.

Silvias Geschichte hat zum Glück ein Happy End. «Meine Mutter hat ihre Medikamentenabhängigkeit überwunden und ich erlebe sie seit eineinhalb Jahren erstmals als erwachsene Person, die ich lieben kann.» Aber die Erfahrungen mit einer Situation, die man lange Jahre ständig ausblenden musste, haben Silvia N. geprägt. «Ich hatte zwar nie Angst, selbst psychisch krank zu werden. Aber es ist bis heute schwierig für mich, Gefühle wie Wut und Trauer zu zeigen.»

Schuldgefühle der Mütter

Christine K.* hat eine psychische Erkrankung mit psychotischen Komponenten und arbeitet an einem angepassten Arbeitsplatz. Sie ist Mutter zweier Kinder und erlebt als intellektuell wache Person die Problematik besonders intensiv. Nachdem sie in schlimmen Phasen Stimmen hörte, die ihr befahlen, ihre Kinder zu töten, entschloss sie sich, eine Wohnung zu nehmen und sich von der Familie zu trennen. «Der Entscheid zur Trennung war eine Erlösung für mich.»

Auch dank des Verständnisses von Herrn K. nahm die Geschichte eine ungewöhnliche Wendung. Nach sieben Jahren kehrte Christine K. zu ihrer Familie zurück. «Mit der Zeit entstand eine unglaubliche Verzweiflung in mir», erinnert sich Christine K., «in meiner Wohnung zu sein, mehr für die Kinder tun zu wollen, aber nicht zu können.»

Noch heute hat sie Schuldgefühle angesichts der letzten Jahre, in denen ihre Kinder auf ein normales Familienleben verzichten mussten. «Die sieben Jahre der Trennung haben in mir eine neue Beziehung zu den Kindern und zu meinem Mann entstehen lassen.» Die Kinder haben zum Glück Humor und seelische Gesundheit, sodass sie ihre Mutter auch zum Lachen bringen können.

In der Präventionsarbeit gibt es noch viel zu tun. Pionierarbeit leistet die Stiftung Melchior mit ihrem Angebot «Begleitung für Kinder und Jugendliche mit einem psychisch kranken Elternteil.»

* Die Namen sind der Redaktion bekannt. Gespräch Aufwachsen mit psychisch kranken Eltern, im Unternehmen Mitte, Montag, 21. Mai, 19 Uhr.

Anlaufstellen: Kinder- und Jugendpsychiatrische Klinik Basel, Tel. 061 685 21 21, www.upkbs.ch. Stiftung Melchior, Tel. 061 206 97 60, www.stiftungmelchior.ch.

Help for Families, Tel. 061 386 92 15, www.help-for-families.ch. Zentrum Selbsthilfe, Tel. 061 689 90 90, www.zentrumselbsthilfe.ch