Basel
Wenn Kinder nicht mehr können: Beim schulpsychologischen Dienst häufen sich die Fälle

Verwahrloste Kinder, exzessiver Medienkonsum, traumatisierte oder psychisch erkrankte Eltern; beim Schulpsychologischen Dienst gibt es viel zu tun. Dabei ist er nicht selten mit schwerwiegenden Situationen konfrontiert.

Samanta Siegfried
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Vom Leistungsdruck bis zur Verwahrlosung: Der Schuleintritt bringt oft problematische familiäre Verhältnisse zum Vorschein.

Vom Leistungsdruck bis zur Verwahrlosung: Der Schuleintritt bringt oft problematische familiäre Verhältnisse zum Vorschein.

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Eine syrische Flüchtlingsfamilie kommt nach einer beschwerlichen Flucht in Basel an. Bald besuchen drei ihrer Kinder die Primarschule in Kleinhüningen, das vierte kommt kurz nach der Ankunft auf die Welt. Eines der Kinder hat einen schweren Herzfehler; die Mutter ist mit dem erkrankten Kind und dem Baby stark gefordert, der Vater mit der Suche nach Arbeit und Deutschkursen. Die verbleibenden zwei Kinder sind weitgehend sich selbst überlassen. In der Schule fallen sie auf, machen Stunk, befolgen die Regeln nicht. Auch kognitiv werden die beiden als schwach eingestuft. Fachleute gehen von einer Traumatisierung der Familie aus, diese will jedoch nicht darüber sprechen.

Gleiches Schulhaus, andere Geschichte: Zwei Geschwister fallen im Kindergarten auf, sie schreien laut, sobald ihnen jemand zu nahe kommt oder ihnen etwas nicht passt. Ansonsten sprechen sie kaum, sind in ihrer Entwicklung extrem verzögert und weisen motorische wie emotionale Defizite auf. Die Kontaktaufnahme mit der Familie gibt Aufschluss: Beide Eltern hatten massive Drogenprobleme, bei der Mutter wurde eine Borderline-Störung diagnostiziert. Diese zwei Geschichten, die sich so oder ähnlich zugetragen haben, erzählt Jürg Strub, seit 25 Jahren Schulpsychologe in Basel. Aktuell ist er Teamleiter des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) in der Primarschule Insel in Kleinhüningen und Mitglied in der Fachgruppe Kinderschutz, eine ­interne beratende Anlaufstelle für Kinderschutzfragen.

Zunehmende Verwahrlosung in allen Bildungsschichten

Das Angebot, das es seit 1964 in Basel-Stadt gibt, habe sich in den letzten Jahren verändert. «Zu Beginn stand vor allem das einzelne Kind im Fokus. Es ging um Abklärungen wie: Braucht es einen Übertritt in die Kleinklasse, liegt eine Behinderung vor?», sagt Strub. Erst mit der Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass man das ganze Beziehungsnetz anschauen müsse, um die Probleme zu erfassen. «Seit einigen Jahren agieren wir systemisch, also als Bindeglied zwischen Eltern, Kinder und Schule.» Immer in enger Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit, die an allen Standorten im Kanton vor Ort ist. Mitarbeitende des SPD laden Eltern von belasteten Kindern zum Gespräch ein, sofern deren Einverständnis vorliegt, machen wenn nötig weiterführende Untersuchungen oder triagieren den Fall an andere Fachstellen. Traumatisierte Kinder oder solche mit psychisch erkrankten Eltern, wie Strub es schilderte, gehören für den SPD in Basel-Stadt zunehmend zum Alltag. Verzeichnete die Stelle von 2005 bis 2015 rund 800 Anmeldungen pro Jahr, stieg die Zahl in den letzten zwei Jahren auf 1800 an. Im Bereich der schweren Kinderschutzfälle gab es mit rund hundert Fällen im letzten Jahr eine Verdoppelung gegenüber den Vorjahren. Darunter fallen schwerwiegende Formen von psychischer, physischer und sexueller Gewalt und Vernachlässigung, heisst es im aktuellen Jahresbericht der Anlaufstellen des Netzwerk Kinderschutz.

Nicht klar ist dabei oftmals, ob die Fälle vom Dunkel- ins Hellfeld rücken oder die Probleme neu entstanden sind. «Wir haben heute mit der Schulsozialarbeit und dem Schulpsychologischen Dienst sicher mehr niederschwellige Angebote und Probleme werden früher erkannt», sagt Strub. ­Allerdings haben sich gewisse Probleme «akzentuiert». So führt der SPD neben der Fachgruppe Kinderschutz seit zwei Jahren auch eine Fachgruppe für Traumaberatungen. Laut Strub vor allem eine Antwort auf die angekommenen Flüchtlingen im Jahr 2015. Auch Verwahrlosungssituationen werden häufiger beobachtet. «Da sind Kinder von schwer traumatisierten Flüchtlingsfamilien, die zu Beginn nicht in der Lage sind, adäquat zu ihren Kindern zu schauen», führt er aus. «Da sind überforderte Eltern, die ihre Kinder mit einem iPad beschäftigen und weitgehend sich selbst überlassen, was einen exzessiven Medienkonsum zur Folge haben kann. Da sind emotional verwahrloste Kinder von Eltern mit psychischen Störungen.»

Primarschule Rittergasse, nur wenige Meter vom Basler Münster entfernt: Hier arbeitet Sabine Dreyfus, sie ist seit mehr als dreissig Jahren als Schulpsychologin tätig. Auch sie kennt das Phänomen der Verwahrlosung, ­allerdings von einer anderen Seite. «Wir sprechen von einer Wohlstandsverwahrlosung», sagt Dreyfus. Damit meine sie Kinder, die bildlich gesprochen in einem Supermarkt aufwachsen. Ihnen stehe alles zur Verfügung, sie würden rund um die Uhr betreut, in der Freizeit machten sie Musik und Sport. «Ihre Tage sind bereits durchgetaktet wie die eines Erwachsenen.» Die Kehrseite davon: «Diese Kinder sind es sich gewohnt, dass ihnen alles vorgekaut wird und sie sich nichts selbstständig erarbeiten müssen.» Als Folge davon zeigten sich Verhaltensauffälligkeiten wie Unterrichtsverweigerung oder ­extreme Langeweile.

Familiäre Probleme kommen erst im Kindergarten ans Licht

Dreyfus sieht auch die Eltern in der Pflicht. «Die Erwartungshaltung der ­Eltern ist an unserem Schulstandort enorm gross.» Zum einen an die Schule, dem Kind möglichst viel Leistung abzuverlangen, mehr Hausaufgaben zu geben. Zum anderen an die eigenen Kinder: «Viele Kinder sind bereits sehr früh einem grossen Leistungsdruck der Eltern ausgesetzt.»

Es gibt noch einen anderen Grund für den Anstieg der Anmeldungen beim SPD. Eine der zentralen Aufgaben der Stelle ist es, abzuklären, ob ein Kind verhaltensauffällig ist oder aus anderen Gründen spezielle Förderung braucht. Seit Einführung des integrativen Schulsystems 2010 werden alle Kinder in der Regelklasse unterrichtet, unabhängig von ihren Voraussetzungen. Nur in Einzelfällen werden verstärkte Massnahmen gesprochen und die Kinder zeitweise in Sonderschulen unterrichtet. «Wir machen immer mehr Notfallabklärungen für verstärkte Massnahmen aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten», sagt Strub. Das schlägt sich in den Zahlen nieder: Die gesprochenen verstärkten Massnahmen stiegen im Kanton in den letzten fünf Jahren von 570 auf 720 an. Lehrpersonen machen seit Jahren darauf aufmerksam. Jean-Michel Héritier, Geschäftsleiter der freiwilligen Schulsynode Basel-Stadt, bestätigt: «Es gibt viel mehr verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler. Ich kenne kaum eine Schule, die kein Kind mit einer Autismus-Spektrums-Störung hat.» Die Ursache sieht er weniger in dem integrativen Schulsystem, sondern in der Gesellschaft, die sehr individuell aufgebaut sei. Vor allem der Druck auf die unteren Einkommensschichten nehme zu. Hinzu kämen Herausforderungen wie die Digitalisierung und Kinder, denen zu wenig Sozialkompetenzen mit auf den Weg gegeben wurden. «Bei der Mehrheit der Familien kommen die Probleme erst im Kindergarten zum Vorschein», sagt Héritier. «Dann ist es aber schon zu spät, um die Defizite auszugleichen.» Er fordert deshalb seit Jahren unter anderem mehr Frühförderung, ein dichteres Unterstützungsangebot für Eltern und sozialpädagogische Unterstützung in den Klassen. «Die Schule muss eine Antwort auf die gegenwärtige Gesellschaftsstruktur finden», sagt Héritier. «Schliesslich gestalten die Kinder sie mit.»

«Ein Kind wird aggressiv, wenn man seine Wünsche missachtet»

Alexander Grob ist Professor für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel. Im Interview spricht er darüber, was die Kinder in ihrer Entwicklung am stärksten beeinflusst.

Herr Grob, welchen Einfluss haben Eltern auf die Entwicklung des Kindes? Es gibt ja hier völlig unterschiedliche Ansichten – Kognitionswissenschafter Steven Pinker etwa sagt, dass die Entwicklung genetisch vorbestimmt ist.

Alexander Grob: Sie sprechen eine grosse Debatte in den Sozialwissenschaften und in der Humanbiologie an. Es ist in der Tat viel vorgegeben, das Potenzial und die biologischen Grundlagen eines Menschen. Aber, vergleichbar mit einem Fluss oder einem Rinnsal, gibt es viele Schwellen, Schnellen und Engpässe, welche die Laufrichtung beeinflussen können. Man unterscheidet zwischen dem als Grundlage vorgegebenen Teil, der «Nature», und den sozialen und kulturellen Einflussgrössen, der «Nurture». Zu Letzteren zählen Eltern und soziale Kontakte.

Wir haben es mit einem verhaltensauffälligen Kind zu tun. Kann man beziffern, welchen Einfluss die Gene haben und welchen das Umfeld?

Nicht in Zahlen. Aber anders als angenommen werden könnte, ist die «Nurture» in den jungen Jahren wichtiger, die «Nature» gewinnt mit zunehmendem Alter an Bedeutung. Kleine Kinder benötigen Fürsorge, Aufmerksamkeit und kontinuierliche soziale Unterstützung – von Eltern, nahen Bezugspersonen und später pädagogischen Fachpersonen. Mit zunehmendem Alter steuern sich die Kinder und Jugendlichen vermehrt selber; dabei wählen sie zu ihnen passende Entwicklungskontexte aus. Im Erwachsenenalter stabilisiert sich die Persönlichkeit. Grundlegende Veränderungen werden weniger wahrscheinlich.

Vermehrt haben es Lehrerinnen und Lehrer auch mit aggressiven Schülern zu tun. Wann werden Kinder gewaltbereit?

Ein Kind wird aggressiv, wenn man es stark bedrängt oder nicht auf seine Bedürfnisse eingeht. Wenn es realisiert, dass andere Kinder auch Bedürfnisse und Wünsche haben und dass diese Wünsche ebenso berechtigt sind wie die eigenen, packt es womöglich nicht gleich die Fäuste aus. Es braucht also Einfühlungsvermögen. Diese Fähigkeit wird erstmals in der Familie geübt und erlernt. Familien unterscheiden sich darin, wie stark sie bei unterschiedlichen Ansichten bereit sind, Lösungen auszuhandeln. Die gesellschaftliche Entwicklung trägt ihren Teil bei: Es wird in der individualisierten Gesellschaft angenommen, dass eigene Wünsche zentraler sind als jene von Mitmenschen.

Ein zunehmendes Problem stellt auch dar, dass gewisse Eltern depressiv sind. Was macht das mit einem Kind?

Wir wissen, dass ungefähr ein Drittel der Kinder von Eltern, die unter ­Depressionen und anderen schwerwiegenden psychischen Erkrankungen leiden, resilient sind, also keine Symptome zeigen. Ungefähr ein Drittel zeigt vorübergehende Verhaltensauffälligkeiten. Sie sind beispielsweise aggressiv oder stören das soziale Miteinander stark. Und ein Drittel entwickelt selber anhaltende psychische Beeinträchtigungen. Was den Ausschlag gibt, ­wissen wir nicht genau – beziehungsweise ist es eine komplexe Kombination aus verschiedenen Risikofaktoren. Und wenn man von Verhaltensauffälligkeiten spricht, muss man auch bedenken, dass nicht alle Probleme gegen aussen getragen werden. Es gibt auch jene Verhaltensauffälligkeiten, die von den Mitmenschen kaum bemerkt werden. Etwa, wenn Kinder in Angstzustände gelangen und sich gar nicht mehr in die Schule getrauen.

Viele Lehrerinnen und Lehrer nerven sich über die integrative Schule. Sie wünschen sich die Kleinklassen zurück, wo die schwierigen Schüler bis zur Schulreform separiert wurden. Würden Sie eine solche Rückkehr begrüssen?

Prinzipiell halte ich die Separation nicht für eine gute Idee. Denn, was passiert, wenn man zehn verhaltensauffällige Kinder in eine Klasse steckt? Dann ist der Fall klar. Eine Separation führt bei den Betroffenen langfristig nicht zu einer Verbesserung der sozialen Situation, weil sie keine guten Rollenmodelle in der Klasse vorfinden. Klar ist aber, dass Integration nur bis zu einem ­gewissen Schweregrad der Verhaltensauffälligkeit möglich ist. Wenn ein Kind, und da kehre ich zu den Empa­thiefähigkeiten zurück, nicht fähig ist, zu ­verstehen, dass andere Kinder andere Wünsche haben und beispielsweise lesen und schreiben lernen wollen, und unentwegt stört, ist eine Integration nicht möglich.