Er ist ein wahrer Adrenalin-Junkie, sucht vor und hinter der Bühne den Kick. Lampenfieber kennt er nicht, nur die pure Vorfreude aufs Konzert. Ob traditionelle Rhythmen oder neue Musik, Hauptsache ist für ihn, Emotionen zu vermitteln. Mit dieser positiven Einstellung hat es der 32-jährige Martin Grubinger schon weit gebracht: 2013 war er «artiste étoile» beim Lucerne Festival, letztes Jahr präsentierte er sich einem Millionenpublikum beim Eurovision Songcontest. Vom Tonhalle Orchester bis zu den New York Philharmonics jettet er regelmässig um die Welt. Vor seinem Auftritt in Basel hat er einige Fragen am Telefon beantwortet.

Herr Grubinger, letzte Woche waren Sie in Leipzig, diese Woche kommen Sie nach Basel. Konnten Sie am Wochenende etwas ausspannen?

Martin Grubinger: Leider nicht. In Leipzig habe ich ein ganz anderes Schlagzeugkonzert gespielt von Kalevi Aho, einem finnischen Komponisten. In Basel spiele ich das Konzert von Tan Dun, das von der Stilrichtung, den Instrumenten und den Techniken her ganz anders ist. Da brauchte ich noch ein paar Stunden, um mich wieder damit vertraut zu machen.

Sie haben in einem Interview beschrieben, dass Sie besonders die kontrastvollen Momente schätzen: von fortissimo in ein zartes Piano. Gibt es solche Momente auch in dem Konzert von Tan Dun?

Ja sogar ganz speziell: Der erste Satz ist radikal und schroff, geradezu martialisch. Ich spiele ausschliesslich Pauken, und die Schlagzeuger im Orchester haben traditionelle, chinesische Taiku drums. Im zweiten Satz hauche ich mit weichen Schlegeln die Marimba-Töne, diese wunderschöne traditionelle chinesische Melodie wie aus dem Nichts in den Saal. Das schätze ich an dem Werk von Tan Dun, dass es so wahnsinnig vielfältig ist. Das Publikum, aber auch der Solist können so unterschiedlichste Schattierungen entdecken. Ich kann das Schlagzeug in seiner ganzen Bandbreite darstellen: vom grossen vierfachen Fortissimo ins vierfache Pianissimo.

Sie haben das Stück mit ihm gemeinsam erarbeitet?

Ja, wir haben uns in Europa getroffen, aber ich war auch bei ihm in China. Ich habe sein fantastisches Festivalzentrum in der Nähe von Schanghai besucht. Dann haben wir gemeinsam gearbeitet. Wir werden das Werk auch demnächst auf CD aufnehmen. Der Austausch ist sehr intensiv, auch weil er sich sehr genau mit den Details beschäftigt. Im ersten Satz spiele ich mit den Orchester-Schlagzeugern auf Steinen, und zwar nach vorgegeben Tonhöhen. Das will er sehr genau haben.

Mit Ihrem Percussive Planet Ensemble begeben Sie sich in andere musikalische Gefilde. Sie verbinden aussereuropäische Rhythmen wie Samba mit Mahler und Bruckner. Was bedeutet Ihnen diese Verschmelzung?

Percussive Planet ist eine Leidenschaft von mir, weil ich da mit all meinen Kollegen und Freunden, die ich schon seit Jahrzehnten kenne, zusammenspiele. Schlagzeug ist natürlich auch ein multikulturelles Instrument. Das fasziniert uns, wenn wir Gäste aus Brasilien, Burkina Faso, Venezuela dabei haben und eine ganz andere Welt kennen lernen. Diese Mischung ist speziell entstanden, weil wir letztes Jahr vom ORF als Pausen-Act für den Song Contest eingeladen wurden. Die Idee war, dass wir Österreich als Land der klassischen Musik mit all den grossen Komponisten präsentieren.

Sie sprachen von emotionaler Bandbreite. Unterscheiden sich diese Emotionen je nach Genre?

Emotion ist die Essenz für jeden Musiker, egal welche Stilrichtung. Die entscheidende Frage ist: Sind wir Musiker in der Lage, die Emotion, Leidenschaft und Begeisterung, die wir für unsere Musik empfinden, dem Publikum näher zu bringen? Schaffen wir es auch mit zeitgenössischer Musik, die vielleicht auf das Publikum im Moment ein bisschen schroff, herausfordernd oder auch ablehnend wirken kann, trotzdem, unsere Passion und die Bandbreite an Klangfarben, Rhythmen und Harmonien dem Publikum zu vermitteln?

Die klassische Musik bleibt also Ihr Hauptfeld?

Salsa, Jazz, zeitgenössische Musik – in all diesen Bereichen wird das Schlagzeug massiv eingesetzt. Die grossen Komponisten unserer Zeit Rihm, Cerha, Birtwistle setzen das Schlagzeug massiv ein, weil sie neue Möglichkeiten entdeckt haben, sich auszudrücken. Deswegen glaube ich, dass diese Einteilung in Schubladen gerade beim Schlagzeug gar nicht mehr passt. Man kann an einem Abend Werke von Xenakis und Rihm und gleichzeitig auch afrikanische Musik, Tango, afro-kubanische Musik machen.

Sie treiben viel Sport, laufen Marathon, um auf der Bühne fit zu sein. Wie wichtig ist der Ausgleich?

Nehmen wir das Beispiel Tan Dun: Der erste Satz ist unglaublich anstrengend. Und dann braucht man noch gute Energie und Ausdauer, um die Technik für das Pianissimo am Marimba im zweiten Satz aufzubringen. Man muss sehr schnell von einem Instrument zum nächsten wechseln und arbeitet viel mit der Armmuskulatur. Sport ist da Mittel zum Zweck, aber auch ein wunderschöner Ausgleich. Für mich gibt es nichts Schöneres, als in der Freizeit mit dem Fahrrad den Berg raufzufahren und das Panorama zu geniessen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Sportler und einem Musiker.

Ich sehe mehr die Gemeinsamkeiten. Sie müssen beide sehr fokussiert sein, schon im frühen Alter. Der grosse Unterschied ist, dass die Musik uns mehrere Ebenen zur Verfügung stellt. Man kann die Emotionen, die uns im Alltag beschäftigen, in der Musik ausleben.

Anders gefragt: Beim Sport geht es ums Gewinnen. Gibt es einen vergleichbaren Moment auf der Bühne?

Gewinnen weniger, aber in meinem Fall leben ja die Komponisten meistens noch. Wenn sie nach dem Konzert in die Garderobe kommen und sagen, das war schön, so habe ich mir das vorgestellt, dann ist das wie ein Gewinn. Es gibt für mich nichts Schöneres, als einen Komponisten glücklich zu machen.

Martin Grubinger in Konzert: Heute Mittwoch, 19.30 Uhr, Stadtcasino Basel; mit Sinfonieorchester Basel; Leitung: Diego Matheuz