Basel

Wenn Vermeers «Mädchen mit den Perlenohrgehänge» plötzlich ein Pandabär ist

Kathrin Schärer bietet einen tierischen Rundgang durch die Kunstgeschichte – derzeit im Rahmenatelier Boss am Blumenrain. zvg/Kathrin Schärer

Kathrin Schärer bietet einen tierischen Rundgang durch die Kunstgeschichte – derzeit im Rahmenatelier Boss am Blumenrain. zvg/Kathrin Schärer

Die Illustratorin Kathrin Schärer interpretiert alte Werke der Malerei neu. Sei es Vermeer, Goya oder Michelangelo: Sie alle werden durch das Auge der Illustratorin plötzlich zu etwas anderem, etwa ein Pandabär oder ein Erdmännchen.

Wenn der Herbstwind um die Ecken pfeift und an den Fensterläden wackelt, so kann dies, anachronistisch zur Jahreszeit, ganz schöne Blüten treiben: Die Fantasie macht warme Decken zu warmem Laub; das Bett unter dem Dach, auf das die schweren Regentropfen fallen, zu einem Eichhornnest, und in all dieser Gemütlichkeit gleitet man langsam in das Traumland einer Welt, die in den Bilderbüchern von Kathrin Schärer gelebter Alltag sind.

Niemand in dieser Stadt – ausser eben sie – weiss, wie Bücher und Bilder am besten zusammenpassen, und von überall her kommen die Verlage, um nach ihren Bildern zu fragen. Und ihre Bilder schwimmen aus ihrem Atelier den Rhein hinunter direkt in jene Welten, die nicht nur Kindern gut tun, sondern sich auch vortrefflich für Politiker, Wirtschaftskapitäne, Journalisten und Grossmütter eignen.

Wie Lindgren, Kästner, Preussler

Wie es uns Astrid Lindgren, Erich Kästner und Ottfried Preussler vorgeschrieben, so zeichnet uns Kathrin Schärer eine Welt, die man nie mehr verlassen möchte. Eine Welt, die zwar Leid und Unrecht kennt und nicht alles idealisiert; eine Welt aber, in der es immer einen Ausweg gibt, der in eine Richtung weist, die man sich nie erträumt hätte. Dann beispielsweise, wenn alle Tiere eine Mutprobe ausführen müssen und der Spatz sich verweigert, die Tiere ihm aber alle beipflichten, dass Verweigerung am meisten Mut brauche.

Ein Ritt durch die Kunst

Im Schaufenster des Rahmengeschäftes von Silvia Boss am Blumenrain steht neuerdings ein Flügelaltar. Zu diesem mittelalterlichen Möbel hat Kathrin Schärer unter dem Titel «Von Musen und Mäusen» die passenden Ingredienzien beigetragen. Dabei hat sie tief in die kunsthistorische Kiste gegriffen und sich das Allerfeinste herausgepickt: Vermeer, Goya, Michelangelo und Füssli, ergänzt durch Fritz Lang, sind auf wenigen Quadratmetern vereint.

Dazu gesellen sich umziehende Hamster, aufmerksame Hirsche, interessierte Füchse, verwirrte Meerschweine und natürlich allerlei Mäuse: neugierige, mondsüchtige, lesende und Käse knabbernde. Wenn man es richtig bedenkt, ist dieser Flügelaltar zurzeit das kleinste Museum der Stadt, ein Museum für Menschen und Mäuse – und gleichzeitig lebhafter als alle Museen zusammen. Und mal ehrlich, Sie waren doch auch schon im Museum, schauten sich einen Klassiker der Kunstgeschichte an und dachten bei sich: «Hat der aber ein Mausgesicht, der sieht aus wie sein Hund, war in seinem Leben bestimmt eine lahme Ente, erinnert mich an einen Buntspecht.»

Auf solche Assoziationen kommt man auch im Flügelaltar. Jan Vermeers «Mädchen mit dem Perlenohrgehänge» ist diesmal ein Pandabär, die wild Träumende auf Johann Heinrich Füsslis «Nachtmahr» ist ein schlafender Bär, Michelangelos «Erschaffung Adams» wird von einem Erdmännchen und einigen Mäusen auf einem vorbeifliegenden, roten Ballon gespielt, der die Rolle des wallenden Gewandes Gottvaters einnimmt. Doch damit nicht genug. Die Figuren verharren nicht in ihren Rollen, sie machen sozusagen Kunst-Geschichte, in dem sie die Handlung weiterbringen.

Was tun die?

Pikst wohl das Erdmännchen alias Adam in den roten Ballon und bringt die daran hängenden Mäuse zum Absturz? Wird die kecke Maus von der grossen grünen Schlange gefressen oder erzählt sie ihr bloss von den grossen Nüssen im Dschungel? Dass die Mäuse dominieren, hat seinen Grund. Kathrin Schärer sagt: «Mäuse eignen sich vom Körperbau her gut, um sie menschlich agieren zu lassen. Sie können auf zwei Beinen stehen und haben filigrane Fingerchen, womit sie etwas in die Hände nehmen können. Da es ein kleines Tier ist, das sich vielleicht in einer Geschichte gegen ein grösseres durchsetzen muss, können sich Kinder gut mit Mäusefiguren identifizieren. Und ausserdem gefallen mir Mäuse.»

Wer weiss, vielleicht identifizieren sich die Kinder auch mit den bekannten Figuren der Kunstgeschichte. Und statt den Sonntag im Museum, vor dem Schaufenster am Blumenrain zu verbringen, wäre auch keine schlechte Idee.

Von Musen und Mäusen, bis 23. Dezember, Blumenrain 32, Basel.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1