In den repräsentativen Umfragen wurden aber auch ernstere Fragen gestellt: So fordern zum Beispiel 74,9 Prozent der Teilnehmer mehr Lohn für Altenpfleger.

Den Nationalratswahlkampf bereicherte die Umfrage mit einer brandaktuellen Zahl: 73,5 Prozent der Befragten gaben an, die Schweiz könne nicht 40 000 Flüchtlinge jährlich aufnehmen. Das Kunstprojekt mündet nun in einem Buch, das am Dienstag im Basler Christoph-Merian-Verlag erscheint. Die bz sprach mit Projektleiter Johannes Hedinger vom Künstlerduo Com&Com.

Johannes Hedinger, für Ihr Projekt stellten Sie dem Volk Fragen, die Bundesbern nicht stellen kann. Muss sich die Kunst so einmischen?

Johannes Hedinger: Ja, aber «einmischen» würde heissen, dass die Kunst ein Eindringling ist. Vielmehr müssen sich Kunst und Gesellschaft vermischen und voneinander lernen.

Was haben Sie gelernt?

Die Volksbefragung war für mich auch ein Crash-Kurs in quantitativer Sozialforschung. Einerseits waren wir auf die Wissenschafter angewiesen, damit unsere Methode nicht von Anfang an belächelt wird. Und andererseits interessierten sich die Wissenschafter für unseren künstlerischen Zugang, der ihnen neue Wege aufzeigte.

Sie brachten es zum Beispiel fertig, dass bei der Frage «Wer sagt die Wahrheit?» der Papst am meisten genannt wird. Kein Wunder, wenn die restliche Auswahl aus Sepp Blatter, Angela Merkel, Alexis Tsipras und Simonetta Sommaruga besteht.

Sie dürfen nicht vergessen, auch Barack Obama und Roger Köppel standen zur Auswahl. Es war eine spassige Frage. Die Antworten darauf sind ein Gradmesser für Integrität und Beliebtheit.

Rein demografisch war die Frage, durch welche Partei sich die Leute vertreten fühlen. 39 Prozent fühlen sich durch keine Partei vertreten.

Ja, «keine Partei» ist die mit Abstand grösste Partei. Viele finden, dass die Politiker sowieso machen, was sie wollen. Aber bei der Umfrage stellten wir fest, dass die Leute sehr wohl eine Meinung haben und auch einen Willen mitzureden – aber nur dann, wenn dieser Wille nicht von jenen Parteien vermittelt wird, durch die sich der Grossteil der Bürger nicht vertreten fühlt. Wir fragten zum Beispiel, welches Konzept die Schweiz aus dem Ausland übernehmen soll. Am meisten genannt wurde ...

... bis zu zwei Jahre Elternurlaub wie in Österreich.

Genau. Aber an der Urne, in Gesetze gepresst, würde das nie durchkommen. Die Grundmeinung deckt sich oft nicht mit dem Resultat am Ende des Abstimmungskampfs, in dem die Parteien, die Lobbyisten und die Medien ihre Maschinerie hochfahren. Mit viel Geld lässt sich fast alles orchestrieren. Bei «Point de Suisse» hingegen ist das Setting viel freier und spielerischer. So haben wir ganz andere, überraschende Antworten erhalten.

Zum Setting der Volksbefragung gehört, dass Sie einen weiter gefassten Volksbegriff verwendeten. 26 Prozent der Befragten sind Ausländer.

Das widerspiegelt den Ausländeranteil in der Bevölkerung. Der Begriff «Volksbefragung» ist letztlich auch eine Behauptung. Unser Ziel war es, möglichst viele Menschen mit interessanten, existenziellen und irritierenden Fragen zu konfrontieren. Wer den Fragebogen ausfüllt, befragt sich vor allem selber. Unser Werk geht in jedem Einzelnen weiter, das ist die Fortführung der Kunst in die Gesellschaft, eine sogenannte soziale Skulptur.

Mit dem Buch ist Ihr Projekt aber abgeschlossen?

Vorerst. Aber schon die zweite Durchführung war ursprünglich nicht geplant, das Projekt ist quasi von selbst gewachsen. Wir würden uns freuen, wenn andere die Idee neu aufgreifen. «Point de Suisse» hat auch das Projekt «Gulliver» von der Expo 1964 aufgegriffen und zu Ende geführt.

In der Debatte fragten Sie, ob die Demokratie ein Auslaufmodell sei. Wie antworten Sie selber darauf?

Für mich ist die direkte Demokratie kein Auslaufmodell. Aber man muss für sie kämpfen, damit sie nicht weiter beschnitten und nicht alles diktiert wird, zum Beispiel von der EU oder von gewissen Parteien. Die Demokratie ist ein zartes Pflänzchen. Viele vermissen sie erst, wenn sie dereinst weg ist. Eine Volksbefragung als Selbstbefragung kann hier helfen und aufzeigen, in welchem historischen Moment wir stehen und was die Bedingungen unseres Denkens und Handelns sind. Wenn wir solche Fragen auslösen können, hat «Point de Suisse» funktioniert.