Bildanalyse

«Wer sind diese acht Subjekte?»

"Man kann sich nicht Nicht-Hinstellen", analysiert der Filmwissenschaftler Hansmartin Siegrist

"Man kann sich nicht Nicht-Hinstellen", analysiert der Filmwissenschaftler Hansmartin Siegrist

Für das offizielle Foto posieren die Basler Regierungsräte auf der Baustelle des Biozentrums der Universität Basel. Die bz hat das Foto vom Filmwissenschaftler Hansmartin Siegrist analysieren lassen. Sicher ist: Es wirft Fragen auf.

Stellen sie sich vor, Sie würden keine dieser abgebildeten Menschen kennen und schon gar nicht die mitgelieferte Gebrauchsanleitung zum Bild. Stellen Sie sich sogar vor, Sie würden als geschichtskundige Person, die alles um Mode und Abbildungszwänge A.D. MMXVII weiss, in hundert Jahren zur Analyse dieses Gruppenfotos befragt, das aus einer Zeitkapsel oder den den Tiefen des Internet 4.0ff aufgetaucht ist. Und sie fangen an, sich die einfachsten Fragen zu stellen:

Eine verschworene Gruppe

Wer sind diese acht Subjekte? Weshalb stellen sie sich dort so frontal hin, um wen oder was genau so frontal anzugucken anstatt sich untereinander auszutauschen? Handelt es sich um eine homogene, ja verschworene Gruppe gleichgestellter Protagonisten, die sich offensichtlich an einer – sonst menschenleeren – Baustelle im Sonntagsstaat hinstellen? Lassen sich die Unterschiede in Haltung und Position nach Status aufschlüsseln? Welche Instanz regiert überhaupt in diesem Bild und über dieses Bild?

Anders gefragt: Was sehen diese acht Personen vor sich – neben und hinter der Kamera, und wie ordnen sich diese uns unsichtbaren Bild-, Hand- und Kopfwerker selber an? Handelt es sich um eine, zwei oder noch mehr Fotografinnen und Stilisten, einen Kommunikationsdelegierten oder um ein Rudel externer Medienberater?

Spreizbeinig frontal gibt's nur im Militär

Blicken deshalb die Dame ganz links und der kahle Herr rechts seitlich aus dem Bild hinaus? Und wie gruppiert sich dieses Ensemble zur pyramidalen Dreieckskomposition, quasi zum Tetrapack, dessen Zentrum horizontal, vertikal und in der Raumtiefe von einer sich sehr symmetrisch inszenierenden Dame eingenommen wird? Eine Symmetrie, wie sie für dieses eine Mal nun nicht durch rechtwinklig gegossene Betonkulissen betont wird.

Die Natur hat uns asymmetrisch ausgestattet: wir sind Links- oder Rechtshänder mit unterschiedlich funktionierenden Hirnhälften. Nur im Militär – und manchmal auch vor der Kamera – lassen wir uns spreizbeinig frontal und aufgereiht formatieren. 

Sie müssen sich fotografieren lässen

Sonst aber herrscht der elegante Kontrapost und das freie Spiel der Hände, gewiss auch bei diesen Menschen.

Es sei denn, sie müssen sich fotografieren lassen, als Gruppe oder als Individuum. Drum bleiben letztlich, gottseidank, alle Interpreten immer aussen vor. Denn wie sagte schon der geniale Kommunikationswissenschafter Watzlawick: "You cannot not-behave". Oder hier: Man kann sich nicht Nicht-Hinstellen, und schon gar nicht als Regierungsgremium. Und das ist gut so.

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