Art Basel

Werke am Art Parcours: Programm versus Realität

Reto Pulfer: «Tincti», Museum der Kulturen

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Das Programm sagt: «Die immersive Installation (...) schafft eine Atmosphäre,
die zwischen wohnlich und geisterhaft schwankt.»

Die Realität sieht so aus: Auf den ersten Blick wie das Refugium eines Obdachlosen. Aber wer den netten Guard beim Eingang fragt, kriegt eine wunderbare Erklärung dieses eindrücklichen Werks – und schreitet danach mit ganz anderem Blick durch den Dachstock.

 

Paweł Althamer: «Ochse», Antikenmuseum

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Das Programm sagt: «Althamers surreale Figur entstand aus dem Interesse des Künstlers am Unterbewussten und dem Ausdruck des Immateriellen.»

Die Realität sieht so aus: Der Ochse ist sehr hübsch anzuschauen. Und man darf auf ihm reiten! Das erfreut besonders die Blogger unter den Besuchern. Schnell rauf gestiegen und Handyfoto geknipst. Und dann ab auf Instagram damit. Ausdruck des Immateriellen? Naja.

 

Laurent Grasso: «Untitled», Antikenmuseum

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Das Programm sagt: «Grasso schafft (...) Atmosphären, in denen die Grenzen unserer Wahrnehmung und unseres Wissens an der Schnittstelle heterogener Zeitlichkeiten und Geografien infrage gestellt werden.»

Die Realität sieht so aus: Der kleine Bube mit dem Ritterhelm passt perfekt zwischen die antiken Vasen. Sein Papa weilt derweil an der Unlimited – halten Sie dort Ausschau, Sie werden ihn sofort erkennen!

 

Hassan Sharif: «Copper No. 32», Erasmushaus

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Das Programm sagt: «Als emblematischer Ausdruck der Befragung von Materialität, dem Experimentieren am Rande der Absurdität und seiner Affinität zu Sprache und Schrift, ist dies ein geeigneter Ort, um diesen vielschichtigen Dialog nicht nur visuell, sondern auch in einem wörtlichen Sinne zu erweitern.»

Die Realität sieht so aus: «Was hat das genau mit Erasmus zu tun?», fragt eine Dame. Der Guard holt Luft. Wir entfernen uns rasch.

 

Dan Graham: «Dancing Circles», Münsterplatz

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Das Programm sagt: «Die Pavillons von Graham reflektieren und interagieren sowohl skulptural als auch architektonisch mit ihrer Umgebung und laden die Betrachter zur Teilnahme auf einer zeitlichen und perzeptiven Ebene ein.»

Die Realität sieht so aus: Eine tolle Skulptur für Kinder. Rein und raus und rein und raus. Dabei an die perzeptiven Ebenen denken und durch die Scheiben hindurch Grimassen schneiden.

 

Ron Terada: «You Have Left The American Sector», Schifflände

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Das Programm sagt: «Das Werk bezieht sich auf die Teilungen des politischen Territoriums in der Nachkriegszeit und auf die fortlaufenden Auswirkungen sozialer und geografischer Spaltungen.»

Die Realität sieht so aus: Eines der einzigen Werke des Parcours, das tatsächlich mitten im öffentlichen Raum steht und so in Kontakt mit der Bevölkerung kommt. Fazit nach 30 Minuten Beobachtung: Niemand bleibt stehen.

 

Matias Faldbakken: «Sketch for Tile Drawing», Sportplatz Rittergasse

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Das Programm sagt: «Faldbakkens Fliesenserie vermittelt seit jeher eine Atmosphäre der ‹staatlichen Sorge› in den Ausstellungsraum: Die gekachelten Werke verweisen auf Orte behördlicher Paranoia (...).»

Die Realität sieht so aus: Um dieses Werk zu sehen, muss man erst an einem kleinen Hallenbad vorbei. Mit etwas Glück planschen hier Schüler – weit unterhaltsamer als die bemalten Kacheln.

 

Ad Minoliti: «Cyberselva-Night», Naturhistorisches Museum

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Das Programm sagt: «Minolitis Werk, eine Begegnung von Geometrie und Sexualität, dient als Ausgangspunkt für verschiedene experimentelle Installationen, die Kunstgeschichte, Architektur, queeren Feminismus, Innenarchitektur, Animalismus und spekulative Fiktion umfassen.»

Die Realität sieht so aus: Das lustige Büsi und die psychedelischen Gemälde sind empfehlenswert – wenn man mit Kindern unterwegs ist.

 

Caitlin Keogh: «Study For Stairs For A Theater», Theaterplatz

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Das Programm sagt: «Keoghs grafische Bilder enthalten unzähliges Quellenmaterial (...). Sie interessiert sich dafür, wie die physische Auflösung den Zugang zu diesen Bildern sowohl visuell als auch konzeptionell erschwert.»

Die Realität sieht so aus: Besucher: «Ist das ein Projekt von Street-Art-Leuten?» Könnte sein. Zugänglich ist es allemal – physisch und konzeptionell. Leider macht es das wenig interessant. Naomi Gregoris

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