Mit jeder neuen Ausstellung im Basler Museum für Gegenwartskunst wird es offensichtlicher: Søren Grammel, der neue Leiter, macht das Haus zu einem Ort, an dem Kunsttheorie und Praxis aufeinanderprallen, sich verschränken und ergänzen, kurz: in einen fruchtbaren Dialog treten. Das ist insofern bemerkenswert, weil diese Art von Kunstvermittlung in der Basler Kunstlandschaft bisher fehlte, auf kurze und lange Sicht aber sicher der effizienteste Weg ist, dem Museum prägnantere Strukturen zu verleihen, und es zu einem Ort der Auseinandersetzung zu machen.

«One Million Years – System und Symptom» benennt Grammel seine aktuellste Ausstellung. Der erste Teil des Titels referiert auf eine Arbeit On Kawaras, die in der Ausstellung zu sehen ist. «One Million Years» stand als Titel bereits vor dem 10. Juli, dem Todestag On Kawaras, fest und soll eine Art referenzielle Ergänzung des Ausstellungsthemas und keine kitschige Anekdote sein.

Aktion und Reaktion

Immer wieder haben sich Künstler mit Systemen auseinandergesetzt. Hanne Darboven, On Kawara, auch Josef Albers sind gute Beispiele für künstlerische Theoretiker, die bestimmte Module entwickelten, in die sie ihre Kunst während Jahren und Jahrzehnten einbanden. Codes und Algorithmen, auch Muster basieren auf Systemen, wobei die schwarzen Flecken innerhalb der Konstruktionen als Symptome bezeichnet werden. Die Aussenseiter und Andersdenkenden eines politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder auch religiösen Systems werden als «Konfliktpotentiale» erkannt, für die wiederum Systeme entwickelt werden, um sie zurück in den ursprünglichen Organismus zu überführen. Der Begriff «Symptom» ist dabei nicht nur negativ konnotiert, die künstlerische Arbeit als Selbstzweck könnte durchaus als symptomatisch und damit ausserhalb eines Systems liegend, bezeichnet werden.

In zahlreichen Arbeiten in der Ausstellung wird dies sowohl theoretisch als auch praktisch erprobt. Beispielsweise in «Zone», einem 1971 entstandenen Film von Vito Acconci. Der Künstler umkreist eine auf dem Boden sitzende Katze, die aus zwei Schalen frisst und trinkt. Sein unentwegtes Umkreisen bildet eine Art Zaun, die die Katze am Weggehen hindert. Stellt sie sich ihm in den Weg, muss er die Struktur seines Systems aufgeben und zu einer Neudefinition finden. Die Arbeit veranschaulicht auf einfachste und sehr sinnliche Weise – wie übrigens auch Bruce Naumans Videoinstallation «Mapping the Studio II» – wie sich Systeme und Symptome konsequent bedingen, herausfordern und stimulieren.

Menschen und Mäuse

Von Simon Starling ist die Arbeit «autoxylopyrocycloboros» zu sehen. Zwei Bootsfahrer verheizen auf dem schottischen Loch Long ihr eigenes Boot, um damit den Dampfkessel ihres Motors zu betreiben. Man denkt an eine tödlich verlaufende Systematik, doch diese ist Teil der Ausstellungskonzeption. Aus manchen Systemen finden wir nicht selbst heraus und müssen ihnen treu bleiben, selbst wenn wir ihre Sinnlosigkeit oder zerstörerische Kraft erkennen. Vögel mag es ähnlich gehen, wenn sie sich in der «Helgoländer Winkelreuse» von Andreas Slominski gefangen sehen. Vögel werden damit gefangen, um untersucht, klassifiziert und katalogisiert zu werden. Die Vermessungen sind aus menschlicher Sicht relevant, um Veränderungen der Population, sprich die Symptome ornithologischer Systeme zu erkennen. Søren Grammels Ansatz ist ein theoretischer, doch gerade die zahlreichen Tiere und Menschen, die in den Arbeiten auftauchen und sie human und partiell natürlich auch animalisch machen, transformieren diese Ausstellung zu einem zutiefst sinnlichen Erlebnis. Nachhaltig ist sie, inspirierend und ein Spiegel unserer Zeit.

One Million Years - System und Symptom Museum für Gegenwartskunst Basel. Bis 6. April 2015.
Zur Ausstellung erscheint das Ausstellungsheft Manual No. 2.