Wunder von Basel

Werner Düggelin zum Neunzigsten: Die Lebenselixiere des grossen Verzauberers

In Zürich infizierte er sich mit dem Theatervirus. Am Theater Basel steigerte Werner Düggelin den Anteil der Jungen auf 33 Prozent.

In Zürich infizierte er sich mit dem Theatervirus. Am Theater Basel steigerte Werner Düggelin den Anteil der Jungen auf 33 Prozent.

Der grosse Theatermann und Schöpfer des «Wunders von Basel», Werner Düggelin, wird 90. Eine Wiederbegegnung in sieben Stationen.

Wir treffen uns im schönen Rollerhof am Basler Münsterplatz. «Das ist das einzige Gespräch, das ich wahrnehme», betont Werner Düggelin gleich zu Beginn, «alles andere habe ich abgesagt.» Er mag kein Aufheben um seinen Geburtstag. «Ich hab ja bereits alles gesagt.» Klar, die sieben fetten Jahre der Ära Düggelin von 68 bis 75, als das Theater ausstrahlte in die ganze Stadt, sind legendär. Heute interessiert uns aber vor allem auch der Privatmann, seine Prägungen, Vorlieben und Abneigungen.

Und schon legt er selber los: «Haben Sie das gesehen am letzten Samstag im Feuilleton der NZZ?» Düggelin überkommt ein wahrhaft heiliger Zorn: «Eine Unverschämtheit ist das! Über fünf Seiten wird da der Kunstfälscher Beltracchi abgefeiert mit seinen ganz miserablen Engeln. Kitschige Bardamen mit Flügeln. Furchtbar. Dieser Hochstapler ist nur begabt im Nachahmen. Das ist das Gegenteil von Kunst – ohne jede Eigeninspiration.» – Wunderbar, wir sind gleich mittendrin. Der leidenschaftliche Kulturmensch, wie er leibt und lebt. 90 Jahre und kein bisschen leise.

1. Was soll ich werden?

Kunst war dem Sohn eines Schreiners ja nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Und doch wurde aus ihm diese durch und durch künstlerische Persönlichkeit, die auch andere damit anzustecken weiss. Wie das? «Ich weiss es nicht», sagt Düggelin. «Ich wusste ja lange nicht, was ich überhaupt werden will. Und als ich mal meinen Vater fragte, sagte er: ‹Suche nie einen Beruf; warte, bis einer zu dir kommt› – und genau das ist passiert. Dieser Satz war wichtiger für mich als eine halbe Bibliothek.»

Als Jugendlicher fliegt Düggelin aus zwei Internaten raus. Zuerst aus der Klosterschule in Engelberg: Er konnte während der dreitägigen Exerzitien mit striktem Schweigegebot nicht aufs Maul hocken. Und auf einem Ausflug in die Berge kam er auf die schöne Idee, zu behaupten, er könne auch übers Wasser gehen wie Jesus. Und dann auch der Rauswurf aus dem Internat im appenzellischen Trogen. «In Engelberg habe ich die Lust am Rebellentum entdeckt.»

Die Vorlesungen an der Uni langweilen ihn; über einen Aushilfsjob als Beleuchter am Zürcher Schauspielhaus infiziert er sich auf einen Schlag mit dem Theatervirus. Es wird eine Karriere draus, die ihn auf alle wichtigen Bühnen im deutschsprachigen Raum führt und zu den grossen Stoffen der Weltliteratur: Shakespeare, Molière, Büchner, Ibsen, Strindberg, Tschechow, Beckett, Camus. Der junge Shooting-Star kann sich Bühnen und Stoffe aussuchen.

2. Was, wenn nicht Theater?

Werner Düggelin, was wären Sie geworden, wenn es keine Theater gäbe? Es kommt wie aus der Pistole geschossen: «Wanderprediger.» Und als ich ungläubig lache: «Ein politischer natürlich. Wenn ich nochmals ganz jung wäre, würde ich eine radikale Partei für Freiheit und Gerechtigkeit gründen.»
Der Künstler, der in seinem Werk nie platt politisch ist, sondern immer mehr poetisch und spielerisch, mit einem grossen Herz für Träumer und Spinner, ist privat ein durch und durch politischer Mensch, der an den Übeln dieser Welt leidet. «Die Welt ist schrecklich, das Leben ist schön», ist als durchaus typischer Ausspruch von ihm überliefert. Helden der Jetztzeit, die er bewundert, sind für ihn die «Ärzte ohne Grenzen».

3. Was soll man lesen?

Man sieht förmlich, wie das Auge des Viellesers beim Nachdenken über seine Bibliothek gleitet. «Als Erstes: Ich freue mich auf alles, was ich noch nicht gelesen habe.» Im Moment entdecke er gerade James Baldwin wieder neu. «Ein absolutes Lieblingsbuch ist für mich Flauberts letztes und bestes: «Bouvard et Pécuchet». Ohne das wäre ‹Warten auf Godot› nie geschrieben worden.» Und ein weiteres würde er glatt zur Pflichtlektüre an allen Schulen erklären: «Über die Natur der Dinge» des römischen Dichters und Denkers Lukrez. «Er hat eine wunderbare Lebenshaltung, er nimmt den Menschen das Schlimmste, was es gibt, die Angst.»

4. Seine Lieblingsstädte?

Paris, Parma, Palenque – vielleicht ist die Alliteration kein Zufall. Paris, wo er sechs Jahre gelebt hat, ist zweifellos seine grosse Liebe. Da kommt so vieles zusammen, was ihm lebenswichtig ist. Kunst, Kultur, Savoir vivre. Mit Parma verbindet ihn, neben der Schönheit und heiteren Lockerheit der Stadt, ein spirituelles Erlebnis. Da gibt es im Dom eine Christus-Darstellung, die ihn tief berührt und zu einem Ritual inspiriert: «Solange ich reisen konnte, bin ich da jährlich hingefahren. Es ist vielleicht seltsam: Ich bin ja nicht nur areligiös, sondern richtig anti-religiös, aber gläubig.» – Nach der anstrengenden Direktionszeit in Basel ist Düggelin 1975 für längere Zeit durch Mexiko gereist. Die Begegnung mit der archaischen Maya-Kultur in Palenque hat ihn da stark beeindruckt.

Auch New York, wo er der Kunst wegen regelmässig zu Besuch war, gehört zu seinen Lieblingsstädten. Aber seit Bush dem Jüngeren hat er die USA gemieden. Und selbst wenn er Engelsflügel besässe, brächte ihn auch jetzt keine Macht in das Land mit diesem «schrecklichen» Präsidenten. Dass ihn heute das Alter an grösseren Reisen hindert, gehört zu den schmerzlichen Einschränkungen für den sesshaften Nomaden. «Ich kann ja leider den Arzt nicht im Koffer mitnehmen.»

5. Das Wunder von Basel

Die Ära Düggelin von 1968 bis 1975 ist sagenumwoben. Wer es nicht erlebt hat, hält es vielleicht für eine Legende. Wie soll man es bezeugen, ohne pathetisch zu werden? Vielleicht doch mit Selbsterlebtem?

Dügg, wie ihn alle nennen, die ihn kennen, kommt mit seiner Crew zu den Germanisten an die Uni und präsentiert uns jungen Studenten seine Konzeption für den «Woyzeck», den er gerade plant. Er stellt echte Fragen, will unsere Meinungen wissen, wir fühlen uns ernstgenommen und natürlich auch geschmeichelt. «Mit welcher Szene soll man bei diesem Fragment beginnen?», fragt er uns. Eben ist eine textkritische Büchner-Ausgabe erschienen, welche die Szene «Freies Feld» als erste ausweist. «Das will ich nicht», sagt Dügg entschieden, «denn die Halluzinationen Woyzecks in dieser Szene machen ihn sonst für die Zuschauer gleich zu einem Verrückten – und das ist er nicht.»

Mit einem Satz sind wir bei der Grundproblematik des Stücks, den milieubedingten Abhängigkeiten der geschundenen Kreatur – und bei einem Grundthema von Düggs Theaterarbeit generell: seiner künstlerischen Parteinahme für die «Verrückten» dieser Welt, die Spinner und Träumer, die Fantasiebegabten und Unangepassten, die noch anderes sehen und erleben als die (schein-)rationalen Logiken der Herrschaftsapparate.

Dügg wird so zu einem Theaterdirektor zum Anfassen, wie es ihn vorher und nachher nie mehr gegeben hat in Basel. Er ist ein Verzauberer. Überall legt er so seine Zündschnüre ins Dickicht der Stadt, vernetzt Menschen und Institutionen, die noch gar nicht wussten, wie wunderbar sie zusammenpassten. Er bindet so viele Schweizer Autoren ans Haus, wie das seither nie mehr der Fall war. Er lässt Theaterplakate aushängen: «Jeans erlaubt. Haarspray verboten.» Die Stadt wird von einem Theaterfieber erfasst. Wer irgendwie beweglich ist, will das nicht verpassen. In der Ära Düggelin steigt der Anteil der Jungen im Theater von 0,3 auf beachtliche 33 Prozent.

Dügg ist aber der Erste, der abwinkt, wenn man das alles als sein Verdienst darstellt. «Das war ein wunderbares Team – und es war 1968, wo so vieles in Bewegung kam!» Man hat ihm nach Basel immer wieder grosse Häuser angeboten, in Berlin und Hamburg und dreimal auch das Zürcher Schauspielhaus. «Aber ich wusste, was wir in Basel erlebt haben, das ist nicht zu wiederholen. Und klar, es war eine der schönsten und verrücktesten Zeiten meines Lebens.»

6. Die Kunst der Leichtigkeit

Seinen eigenen Regiestil hat Düggelin erst nach der Basler Zeit voll ausgebildet. Es ist der Weg der klugen Reduktion, des Kammerspiels, der hoch sinnlichen Abstraktion, der schwebenden Leichtigkeit und Balance. Eine tiefe Abscheu vor Firlefanz und eine grosse Unabhängigkeit von allem Modischen prägt ihn. Seine Affinitäten zur bildenden Kunst und zur Musik sind unverkennbar. Seine Sprachrhythmen und -melodien werden bis ins Feinste austariert. Es gibt wenige Regisseure, welche die Sprache so beim Wort nehmen und aushorchen wie er. Er hat das absolute Sprachgehör. Kein falscher Ton entgeht ihm.

Vor einem Jahr erst hatte seine letzte Regiearbeit Premiere, Büchners «Lenz» am Zürcher Schauspielhaus. Da schliessen sich gleich mehrere Kreise. Jetzt hat er alles von Büchner, einem seiner Herzensautoren, auf die Bühne gebracht. Und wieder hat bei ihm dieser überbegabte und hypersensible Schriftsteller Lenz nichts von einem Wahnsinnigen, sondern ist Zeuge diffizilerer Daseins- und Wahrnehmungsschichten.

7. Wie bleibt man so agil?

Und das über fast ein Jahrhundert hinweg? «Ganz einfach», sagt der grosse Theatermann, «mit Neugier und Fantasie.» Sie sind sein Lebenselixier. Verbunden mit einer tiefen Menschenliebe, und einer grossen Lust und Gabe, die Widersprüche des Lebens für die Kunst produktiv zu machen.

Was sich der Jubilar am meisten wünscht, ist weiterhin so lange wie möglich unabhängig zu sein. Am heutigen 7. Dezember gleitet Werner Düggelin gelassen in sein zehntes Dezennium. Unsere herzlichen Glückwünsche gehen hoch zur Basler Augustinergasse auf dem Münsterhügel. Unten neigt der Rhein sein Knie – und wir neigen uns fröhlich mit.

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