Nein, reden wollten die meisten Grossräte nicht. Einzelne Parteiexponenten hatten ihnen ins Gewissen geredet: Von der ausserordentlichen Fraktionssitzung vom Montag soll möglichst wenig nach aussen dringen. Das lässt sich angesichts des heissen Themas gut nachvollziehen: Die Sozialdemokraten wollten besprechen, wie sie auf den Bericht der Geschäftsprüfungskommission reagieren sollen. Diese hat den SP-Verkehrsdirektoren Hans-Peter Wessels hart angegangen und ihm in Zusammenhang mit seiner Oberaufsicht über die Basler Verkehrsbetriebe (BVB) ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Die Sommerpause tat der Aufregung keinen Abbruch: Die Grossratssitzung von übernächster Woche verspricht Spannung.

Entsprechend gingen schon gestern innerhalb der SP die Wogen hoch. «Es war eine sehr kontroverse Diskussion», sagt ein Mitglied gegenüber der bz. In solchen Momenten offenbart sich die Meinungsvielfalt der grössten Grossratsfraktion. Insbesondere zu Beginn steckten beide Seiten nicht zurück. Auch Wessels wurde deutlich: Dass Gewerkschafterin Toya Krummenacher gefordert hatte, dem Regierungsrat das BVB-Dossier zu entziehen, goutierte er nicht. Es blieb nicht der einzige persönliche Angriff dieses Abends.

Aufseiten der Grossräte bildeten sich hingegen schnell zwei Lager. Hauptstreitpunkt stellte nicht etwa die Querelen um die BVB-Million nach Frankreich dar. «In diesem Bereich herrschte weitgehend Konsens, dass es sich um einen Formfehler handle», sagt ein Fraktionsmitglied. Die Regierungsräte seien angehalten, bis zur nächsten Grossratssitzung ein Auswegsszenario zu skizzieren. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung am kommenden Dienstag einen Nachtragskredit beim Parlament beantragen wird, der die Zahlung für die Verlängerung der Tramlinie 3 legitimiert. Das war eine der zentralen Forderungen der GPK.

Zankapfel «Avanti»

Grossen Raum im aufsehenerregenden Bericht nimmt auch das Sparprogramm «Avanti» ein, das sich die BVB-Führung auferlegt hat. In diesem Punkt ist es besonders schwierig, die beiden Flügel der Genossen auf eine Linie zu bringen. Die Linken unter den Linken sehen die Grundpfeiler ihrer Politik verletzt, denn die Zufriedenheit der Arbeitnehmer ist im Keller. «Dass die Leitung Arbeitsrechtsfälle bis vors Bundesgericht zieht und eine harte Linie mit Wettbewerbsfähigkeit begründet, regt auf», so der Ton der gewerkschaftlichen SPler. Wessels habe an der Sitzung vom Montag diesbezüglich keine Einsicht an den Tag gelegt, meint ein anderes Mitglied, vielmehr habe er – wie schon zuvor – sein Vorgehen verteidigt.

Die wirtschaftsliberalere Seite hingegen findet Anerkennung für das Vorgehen von BVB-Direktor Erich Lagler, zu dem Wessels jederzeit gestanden hat. Insbesondere die «Krankheitskultur» der Drämmler wird kritisiert, die unter anderem deshalb zustande kam, weil für Spontaneinsätze 50 Prozent mehr Lohn bezahlt wurde. So habe es einen Anreiz gegeben, blauzumachen und sich als Chauffeure gegenseitig solche kurzfristigen Aufträge zuzuschanzen. Seit Jahren ist bekannt, dass die Angestellten der BVB überdurchschnittlich oft krank sind, Lagler wollte hier den Hebel ansetzen.

«Angesichts der Brisanz des Inhalts war die Diskussion sehr gut», bilanziert SP-Präsident Pascal Pfister. Zwar habe es schon scharfe Voten gegeben, doch am Ende hätte man den Konsens gefunden, «das macht mich stolz auf diese Partei». Klar: Zu fortgeschrittener Stunde stand die SP am Scheideweg, welche Position in der Öffentlichkeit gegenüber ihrem angeschossenen Magistraten eingenommen werden soll. Hier war der Dossier-Entzug kein Thema, nun gilt es, ihm den Rücken zu stärken. Der Gegenwind der anderen Parteien dürfte in zwei Wochen genug stark sein.