Gut drei Wochen sind erst verstrichen, seit Paul Blumenthal (58) telefonisch die Anfrage erhielt, ob er sich nicht als neuer Präsident des BVB-Verwaltungsrats zur Verfügung stelle. Hans-Peter Wessels (SP) machte damit wahr, was die «Schweiz am Sonntag» unschwer vorausgesehen hatte: Der Bau- und öV-Minister fragte mit Blumenthal den einzigen noch möglichen Kandidaten für dieses Amt.

Die Pointe: Bisher war die Meinung des Bahnfachmanns und Multi-Verwaltungsrats im Departement Wessels nicht gefragt.

Vor vier Jahren hatte Wessels erstmals drei Personen in den BVB-Verwaltungsrat zu delegieren: Neben dem Unternehmensberater Dominik Egli schickte er neu den Profi Blumenthal ins Gremium. Als Präsidenten portierte Wessels jedoch seinen Freund und Logistiker Martin Gudenrath. Das Aufsichtsgremium erkannte rasch, dass den BVB nach ihrer Ausgliederung eine Gesamtstrategie fehlte.

Blumenthal abgesägt

Als Delegierter des Kantons und im Auftrag, des Verwaltungsrats begann Blumenthal, eine Unternehmens- wie eine Eignerstrategie zu entwickeln. Doch dies passte Gudenrath und seinem neuen Direktor Jürg Baumgartner nicht. Mit der Begründung, ein BVB-Verwaltungsrat dürfe nicht ein zusätzliches BVB-Mandat haben, wurde Blumenthal mit Unterstützung des Departements Wessels dieser Auftrag entzogen und er mit 20 000 Franken entschädigt.

Im Anschluss beschäftigten die BVB einen externen Berater, dessen Arbeit in der Losung gipfelte, die BVB würden nun in der Champions League spielen. Eine Eignerstrategie fehlt weiterhin.

Blumenthal verhielt sich seit dieser Rückstufung passiv. Er kümmerte sich wenig um das Mandat, blieb mit kritischen Nachfragen zwar auf Distanz zur Führungsriege – allerdings auch zur Opposition, die sich gegen ein Führungsduo Gudenrath/Baumgartner aufbaute, das zunehmend selbstherrlich den Verwaltungsrat zum spärlich informierten Kopfnickergremium degradierte.

Als Kritiker positionierte sich etwa SVP-Grossrat Patrick Hafner, der mit einem engen Bezug zur BVB-Basis deren Ängste in das Führungsgremium einbrachte. Gemäss verschiedenen Beobachtern wurde er von Gudenrath schnöde abgeputzt. Eine zweite Front baute Grossrat Michael Wüthrich (Grüne) auf, der jedoch ebenfalls einen schweren Stand hatte.

Nicht immer schien klar zu sein, wann seine Einwürfe fachlich-sachlich und wann sie politisch-polemisch waren. Zudem stand er als Präsident der Verkehrskommission im Dauerclinch mit Wessels, der als Schutzherr Gudenraths wahrgenommen wurde. Zunehmend unterstützt wurde Wüthrich jedoch vom unabhängigen Dominik Egli. Der VPOD- und Personalvertreter Mario Weissenberger wiederum hielt, frisch befördert, loyal zu Gudenrath. Der Vizepräsident und CVP-Politiker Paul Rüst schliesslich blieb farblos indifferent und Hanspeter Ryser hatte als Vertreter von Baselland ohnehin wenig zu sagen.

Finanzkontrolle wird aktiv

Im Sommer eskalierte die Situation. Wessels wurde von einzelnen Verwaltungsräten ultimativ aufgefordert, sich einzumischen. Auf ihr Drängen schaltete Wessels nach einer gemeinsamen Sitzung die Finanzkontrolle ein. Mit seiner Meinung, er habe deshalb bei der Aufklärung von Anfang an eine aktive Rolle gespielt, steht Wessels ziemlich einsam da.

Dem Vernehmen nach brauchte es sogar einen zweiten Vorstoss beim Regierungsrat, um die Verzögerungstaktik von Gudenrath und Baumgartner zu unterbinden, damit die Finanzkontrolle ihre Arbeit an die Hand nehmen konnte. Wüthrich und Egli fürchteten weiter, die wahren Sachverhalte würden unter den Tisch gekehrt, und stellten der Finanzkontrolle zahlreiche Nachfragen.

Ungünstiger Zeitpunkt

Das Timing,das sich aufgrund der verzögerten Auftragsvergabe an die Finanzkontrolle ergab, hätte für das Unternehmen nicht ungünstiger ausfallen können. Vor Wochenfrist hatten innerhalb von lediglich drei Arbeitstagen der BVB-Verwaltungsrat und die Basler Regierung nicht nur über Missstände in der operativen BVB-Führung zu entscheiden, sondern auch die strategische Führung neu zu bestellen.

Wessels hatte sich bis zuletzt alle Optionen offengehalten. Mit dem frisch pensionierten Solothurner Spitaldirektor Kurt Altermatt (62), der Rechtsprofessorin Daniela Thurnherr (41) sowie mit Blumenthal hatte er mit einem neuen Delegierten-Trio vorgesorgt. Doch selbst Blumenthal wusste bis nach der Wahl durch die Regierung nicht, ob am Schluss nicht doch Gudenrath weiter BVB-Präsident bleiben sollte. Dominik Egli wurde vollständig im Unklaren gelassen und ohne Verdankung abserviert.

Verwarnung und Zielvorgaben

Blumenthal hatte sein BVB-Mandat zu distanziert ausgeübt, um zu erkennen, in welches Nest er sich mit seiner Wahl zum Präsidenten gesetzt hat. Da der Bericht der Finanzkontrolle keine arbeitsrechtliche Rechtfertigung abgab, sich per sofort von Baumgartner und seinem Vize Brunner zu trennen, plädierte er etwa für eine Lösung auf Zeit: Die Kadermitarbeiter sollten eine Verwarnung und Zielvorgaben erhalten, sodass der neue Verwaltungsrat über diese Personalie entscheiden könne. Dies passte Wessels offenkundig nicht.

Bereits am Dienstag, an der Präsentation seines neuen BVB-Präsidenten, stellte Wessels die Weiterbeschäftigung des Direktors öffentlich infrage und desavouierte damit Blumenthals ersten Entscheid in neuer Funktion. Am Mittwoch machte Wessels intern weiter Druck, worauf Blumenthal mit Baumgartner über dessen Demission zu verhandeln begann. Der Konflikt wurde hinfällig durch die neue Hiobsbotschaft, dass Baumgartner auch der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde – ein sofortiger Kündigungsgrund.

Die kritische Aufarbeitung der Rolle von Hans-Peter Wessels war damit vertagt.

Am Freitag setzte sich Wessels erneut in Szene, als er überraschend die Publikation des zuvor für vertraulich erklärten Berichts der Finanzkontrolle anordnete. Die Scheinwerfer blieben damit auf die BVB gerichtet. Für Blumenthal sähe ein echter Rückhalt durch einen Regierungsrat anders aus.