Am Montag, 19. April 1943, ist das Wetter mild in Basel. Nichts deutet darauf hin, dass in der Stadt heute Wissenschaftsgeschichte geschrieben wird. Die Schweiz hat andere Probleme, Basel sowieso. Seit die deutsche Wehrmacht im November Südfrankreich besetzt hat, ist die Schweiz komplett von den Achsenmächten umschlossen. In Basel ist jedermann klar: Die Stadt liesse sich bei einem Angriff nicht halten.

Bundespräsident der Schweiz ist seit Januar Enrico Celio (CVP, TI), der Vorsteher des Post- und Eisenbahndepartements. Er prägte das Wort von der «vorsichtigen Würde», welche die Schweiz in aussenpolitischer Hinsicht wahren solle. Befürworter nannten das «Geistige Landesverteidigung», für Kritiker war es eine «Taktik des Leisetretens».

Die Zeit der Blitzsiege ist in Nazideutschland vorbei. Anfang Februar hat die Sechste Armee Deutschlands im Kessel von Stalingrad vor den sowjetischen Truppen kapituliert. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels hat daraufhin in der Sportpalastrede den «totalen Krieg» gefordert. Angeschossene Tiere sind bekanntlich am gefährlichsten.

Pilz gegen Blutungen und gegen Migräne

An diesem Montag, 19. April 1943, bricht im Warschauer Getto ein Aufstand aus, den nur wenige der eingesperrten Juden überleben sollten. Davon weiss der Basler Chemiker Albert Hofmann allerdings nichts. Seit 1935 erforscht er die chemischen Eigenschaften des Mutterkorns. Das ist ein Pilz, der in seiner Dauerform an ein Korn erinnert und Roggen, Weizen, Hafer, Dinkel und andere Getreide befällt. Die im Mutterkorn enthaltenen Stoffe sind giftig, haben aber interessante pharmakologische Eigenschaften. So können sie Wehen anregen und wurden deshalb früh als Abtreibungsmittel eingesetzt, sie wirken gegen Migräne und können eine Blutung stillen. Der Nachteil: Die Ausgangsstoffe sind teuer.

1938 gelingt es Albert Hofmann, die Lysergsäure, einen der chemisch interessantesten Stoffe des Mutterkorns, im Labor künstlich herzustellen. Hofmanns Synthesemethode wird zur Grundlage für die Herstellung einer ganzen Reihe von Folgestoffen. Auch Hofmann selbst stellt im Labor solche abgeleiteten Verbindungen her, darunter auch das 25. Lysergsäurederivat, das Lysergsäurediäthylamid, kurz: LSD. Hofmann stellt diese Ableitung keineswegs zufällig her. Lokalkonkurrent Ciba hat mit Coramin ein erfolgreiches Kreislaufmedikament auf dem Markt. Weil Lysergsäurediäthylamid chemisch dem Wirkstoff von Coramin sehr ähnlich ist, erhofft sich Hofmann, daraus ein Konkurrenzprodukt zu Coramin herstellen zu können.

Die pharmakologischen Untersuchungen der neuen Verbindung ergeben jedoch ein enttäuschendes Ergebnis: Die Versuchstiere reagieren nur mit leichter Unruhe auf die Substanz, ihr Kreislauf scheint nicht beeinflusst zu sein. Die Pharmakologen von Sandoz schreiben LSD ab.

Im Normalfall verschwindet eine chemische Verbindung nach negativer Prüfung aus den Labors. Diesmal ist es anders. Albert Hofmann kann nie richtig erklären, warum ihn die Verbindung nicht loslässt. Eine rationale Entscheidung ist es nicht. Er sagt später, die chemische Struktur von LSD habe ihm gefallen. Sicher ist: Fünf Jahre später widmet er sich wieder der Verbindung. Am Freitag, 16. April 1943, stellt er im Labor noch einmal eine Portion LSD her.

Vielleicht hat er dabei nicht ganz sauber gearbeitet, vielleicht hat er sich vor Dämpfen zu wenig geschützt oder ist auf andere Art und Weise mit der Substanz in Berührung gekommen. Jedenfalls bricht er am Nachmittag die Arbeit ab, weil er in seiner Arbeit «durch ungewöhnliche Empfindungen gestört» wurde, wie er später schreibt. Er geht nach Hause und versinkt in einen angenehmen, rauschartigen Zustand. Im Bericht an seinen Vorgesetzten schreibt er, er habe «ununterbrochen phantastische Bilder von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel» gesehen. Hofmann ist sofort klar: Wenn schon eine unabsichtliche Berührung mit dieser Substanz eine solche Wirkung hat, muss diese Verbindung eine bis dahin nie gekannte Potenz haben.

Hofmann will es genauer wissen und entschliesst sich am Montag, 19. April 1943, zu einem Selbstversuch. Er wählt die kleinste Dosierung, von der er sich vorstellen kann, dass überhaupt eine Wirkung eintritt: 250 Mikrogramm – das sind 0,00025 Gramm. Um 16.20 Uhr schluckt er die Substanz in Form einer wässerigen Lösung. Um 17 Uhr notiert er im Laborjournal: «Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz».

Hofmann will nach Hause. Doch es ist Krieg, es gibt kaum Benzin, Lastwagen fahren mit Holzvergasern. Ein Taxi, das Hofmann nach Hause fahren könnte, gibt es nicht. So bittet der Chemiker seine Laborassistentin, ihn auf dem Fahrrad zu begleiten. Die 21 Jahre alte Frau heisst Susi Ramstein. Sie ist die Tochter von Optiker Ramstein und sollte später die erste Frau sein, die einen Selbstversuch mit LSD macht. Susi Ramstein also begleitet Hofmann auf dem Fahrrad.

Zehn Kilometer weit ist die Fahrt. Den Heimweg empfindet Hofmann als bedrohlich. Die Strasse scheint zu wogen, die Menschen nehmen verzerrte Formen an. Endlich zu Hause, lässt Hofmann seinen Hausarzt rufen und trinkt als Gegenmittel zum vermeintlichen Gift ein Glas Milch. Hofmann ist auf einem Horror-Trip. Die Welt gerät ihm aus den Fugen, sein Ich zerfällt, der Raum löst sich auf. Er ist überzeugt, sterben zu müssen und macht sich heftige Vorwürfe. Warum nur hat er so leichtsinnig gehandelt? Er denkt an seine Frau und seine drei Kinder, die gerade in Luzern sind, und hadert mit seinem Schicksal.

Der Arzt trifft ein und lässt sich von Susi Ramstein vom Selbstversuch im Labor berichten. Er untersucht Hofmann, doch medizinisch scheint mit dem verzweifelten Chemiker alles in Ordnung zu sein. Der Arzt hilft Hofmann ins Schlafzimmer und beruhigt ihn. Die beruhigende Diagnose scheint zu wirken: Die Ängste lösen sich auf, der Horror-Trip verwandelt sich in eine Traumreise. Hofmann sieht kaleidoskopartig Farben und Formen, Farbfontänen, sprühend und funkelnd und in ständigem Fluss.

Am nächsten Morgen fühlt er sich tief erholt und geistig frisch. «Ein Gefühl von Wohlbehagen und neuem Leben durchströmte mich. Das Frühstück schmeckte herrlich, ein ausserordentlicher Genuss. Als ich später in den Garten hinaustrat, in dem nach einem Frühlingsregen nun die Sonne schien, glitzerte und glänzte alles in einem frischen Licht. Die Welt war wie neu erschaffen.» Die Vorgesetzten reagieren erstaunt auf den Bericht des Chemikers. Bisher ist keine Substanz bekannt, die in so kleiner Dosierung eine so starke psychische Wirkung entfacht.

Sie ordnen eine Wiederholung der Versuche an. So begeben sich Albert Hofmann und seine Mitarbeiter auf eine ganze Reihe verordneter LSD-Trips. Susi Ramstein ist die jüngste Versuchsperson und die einzige Frau, die LSD einnimmt. Am 12. Juni bekommt sie 100 Mikrogramm der geheimnisvollen Substanz. Anders als ihr Chef fährt sie mit dem Tram nach Hause. Sie findet den Heimweg ohne Probleme. Nur die Nase des Billettkontrolleurs findet sie «ziemlich lang».

Der pharmakologische Gegensatz zum Tranquilizer

Die Fahrradfahrt von Albert Hofmann vom Sandoz-Fabrikgelände quer durch die Aussenbezirke von Basel nach Hause wird zur Legende. Seit 1984 feiern LSD-Anhänger den 19. April als «Bicycle Day». Rückblickend ist Albert Hofmann überzeugt, dass die Entdeckung von LSD kein Zufall gewesen sei. In den Vierzigerjahren hatte die Psychiatrie die Tranquilizer entdeckt. Hofmann schreibt später: Die Tranquilizer «bilden den genauen pharmakologischen Gegenpol zum LSD. Sie beruhigen, wie ihre Bezeichnung ausdrückt, und decken psychische Probleme zu, während LSD sie offenlegt und so der therapeutischen Behandlung zugänglich macht».

Man könnte auch sagen: In einer Zeit grösster Bedrohung durch Nazideutschland und die unmenschliche Kriegsmaschinerie des Zweiten Weltkriegs hat Albert Hofmann in Basel einen geistigen Fluchtweg entdeckt.