Als Alex Ferguson im vergangenen Monat im Schottenrock sein 25-Jahr-Jubiläum auf der Manchester-United-Trainerbank feierte, gab es einen bezeichnenden Moment. Ob er wisse, wie viele Coachs die Lokalrivalen von Manchester City seit November 1986 verschlissen hätten, wurde der 69-Jährige gefragt. Ferguson verneinte. «14», kam die Antwort. «Ich wünschte, es wären 15», entgegnete Sir Alex trocken. Gelächter im Saal.

Es war typisch, dass der Schotte sich selbst zum silbernen Jubiläum lieber mit der Herausforderung der Gegenwart und seinem Konkurrenten Roberto Mancini beschäftigte, als sich für das Erreichte feiern zu lassen. Im sonst so von Nostalgie bewegten Fussball auf der Insel verweigert Ferguson konsequent den Blick nach hinten, «die Vergangenheit ist ein fremdes Land für ihn», schrieb kürzlich die «Daily Mail».

Die Wutausbrüche

Aus dem für seine Wutausbrüche von Spielern, Kollegen und der Presse gefürchteten Ehrgeizling spricht nach der historisch erfolgreichen Ewigkeit auf der Bank der Red Devils noch immer die Stimme eines von der dämonischen Wirkung des Spiels vollkommen in den Bann gezogenen Mannes. «Gewinnen ist nicht alles – es ist das Einzige, was zählt»; dieses Motto des legendären NFL-Coachs Vince Lombardi hat sich der ehemalige Gewerkschaftsführer aus dem Glasgower Werftenviertel Govan vor vielen Jahren zu eigen gemacht.

In der harten, unbarmherzigen Welt, in der er lebt, ist jede Niederlage ein kleiner Tod, und nur Siege verlängern das Lebensrecht. Das muss man nach einer Herzoperation vor sieben Jahren vielleicht sogar wörtlich verstehen. «Mein Vater ging mit 65 in Rente, ein Jahr später war er tot», hat Ferguson zuletzt sehr oft betont.

«Drei, vier Jahre» will er mindestens noch weitermachen, allein schon, um den Hausfrieden nicht zu gefährden. «Meine Frau Cathy würde mich zu Hause rausschmeissen», sagte er. Mrs Ferguson war es auch die ihn 2002 von dem Vorhaben abbrachte, sich zur Ruhe zu setzen. Sven-Göran Eriksson, der kürzlich beim Zweitligisten Leicester City gefeuerte Schwede, war als sein Nachfolger auserkoren, das wirkt heute ebenso unvorstellbar wie ein United ohne Ferguson.

Der Start am Tabellenende

Fergusons Langlebigkeit in dem von Fernsehgeldern und ausländischen Investoren immer stärker beschleunigten Sports auf der Insel hat etwas Märchenhaftes, Unwirkliches. Aber man darf das von Heisshunger nach Erfolgen befeuerte Durchhaltevermögen nicht mit seiner eigentlichen Leistung verwechseln: Er verwandelte den abgehalfterten Ex-Riesen ManUtd höchstpersönlich in eine internationale Supermacht. Und das ganz ohne finanzielles Doping durch Millionärsmäzene, wohlgemerkt. Die amerikanische Glazer-Familie, die den Klub 2005 übernahm, investierten keinen einzigen Dollar; United musste im Gegenteil um die 500 Millionen Pfund für die Schuldentilgung der Glazerschen Bankdarlehen aufbringen.

Den finanzstarken, populärsten Klub der Welt gab es am 6. November 1986 nicht einmal in den verwegensten Träumen der Treuesten. Damals wie heute waren Chelsea, Newcastle und Manchester City die schärfsten Rivalen, allerdings am anderen Ende der Tabelle. Fergusons Regentschaft begann mit einem 0:2 beim (mittlerweile in der Niederklassigkeit versunkenen) Oxford United auf dem
19. Tabellenplatz. «Ich dachte, meine Güte, da habe ich mir ja einen tollen Job ausgesucht», erinnerte er sich.

Fergie, wie ihn die Anhänger liebevoll nennen, sortierte nach für nach die alte, von Verletzungen und übermässigem Alkoholkonsum gebeutelte Garde aus und ersetzte sie mit jungen Talenten. Diesen Zaubertrick wiederholte er fünf, sechs Mal. Der ständige Umbruch ist sein Leitmotiv. Ferguson macht sich einen Spass daraus, den vermeintlichen Experten zu beweisen, dass alle vermeintlich unersetzlichen Superstars ihr Verfallsdatum haben – nur er nicht.

Rooney und Ronaldo

Jeden Tag steht er auf, bevor der Hahn kräht, spätestens um sieben Uhr früh sitzt er an seinem Schreibtisch in Carrington, Uniteds Trainingszentrum. «Es ist wunderbar, früh anzufangen», sagt er. «Ich versuche, meinen Spielern klarzumachen, wie wichtig harte Arbeit ist.» Ferguson ist sehr streng zu seinen Spielern, kann aber auch ein väterlicher Freund sein. Je nach Bedarf und Spielertyp variiert er sein «man Management».

Die Mannschaftsführung und das Gespür für den richtigen Zeitpunkt von Veränderungen sind seine grösste Stärke. Unzählige Schlüsselspieler der Gegenwart (Wayne Rooney, Cristiano Ronaldo) und Vergangenheit (Bryan Robson, David Beckham) gaben zu, dass sie ihr Glück und den Erfolg zum überwiegenden Teil dem Patron auf der Bank verdankten; einem Mann, der hinter seiner barschen, mitunter offen arroganten Aussendarstellung ein unerschöpfliches Reservoir an Einfühlungsvermögen versteckt. «Die Vorstellung, dass er Spieler andauernd zusammenfaltet, ist völlig falsch», sagte kürzlich sein ehemaliger Kapitän Gary Neville. «Man bleibt nicht 25 Jahre in einem Job, in dem man nur rumschreit.» Er ist Diktator, das schon. Aber einer der fairen Art.

Der Schmerz der Final-Niederlagen

Obwohl er es selbst nie offen zugeben würde, treibt ihn die Aussicht auf einen dritten Champions- League-Triumph an; erst recht nach den zwei frustrierenden Final-Niederlagen gegen Barcelona (2009, 2011). «Ein Klub wie United hätte den Europapokal öfter gewinnen müssen», hat er neulich gesagt, das war auch ein leiser Vorwurf an sich selbst. Umso schmerzhafter wäre ein frühes K.o. in Basel am Mittwochabend, das zweite Aus in der Gruppenphase seit 2005/06.

Eine Niederlage in der Schweiz hätte vielleicht sogar etwas Endgültiges: Sie könnte den von Sir Alex betriebenen Umbau des Rekordmeisters beschleunigen. Spieler wie Nemanja Vidic und Rio Ferdinand stehen dem Vernehmen nach auf der Kippe. Sie müssten gehen, damit die lebende Legende den nächsten Zaubertrick versuchen darf.