Porträt
Wie aus einem Comic Kunst wird

Die Eröffnung der Ausstellung über Winsor McCay im Cartoonmuseum war mit einem enormen Besucherandrang ein voller Erfolg, nicht nur für Alexander Braun , sondern auch für den Helden der Ausstellung: «Little Nemo».

Simon Baur
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Alexander Braun ist ein vielseitiger Kurator.

Alexander Braun ist ein vielseitiger Kurator.

Zur Verfügung gestellt

Es ist Sommeranfang, ich sitze mit Alexander Braun im Innenhof des Hotel Rochat am Petersgraben, die Sonne kriecht langsam über die Dächer und verspricht einen freundlichen Samstag.

McCays bekannteste Serie «Little Nemo in Slumberland» begeisterte seinerzeit Millionen von amerikanischen Zeitungslesern mit einer endlosen Fülle von ungesehenen Perspektiven, surrealistischen Metamorphosen und schwerelosen Bewegungsabläufen.

Die Geschichten drehen sich um den kleinen Jungen Nemo, der während des Schlafs von König Morpheus in dessen Königreich gelockt wird, um dort der Spielgefährte seiner Tochter und Prinzessin zu werden.

Die meisten der rund 550 Folgen enden mit einer sich wiederholenden Situation: Der Junge erwacht in oder neben dem Bett aus seinen fantasievollen, ausufernden Träumen.

Obwohl McCay die Schriften Sigmund Freuds zur Traumdeutung nicht gekannt haben konnte, spielen Träume und Alpträume eine tragende Rolle in seinem Werk.

Wissenschaftlich aufgearbeitet

Auf diese neue Sichtweise psychologischer Deutung im Werk von Winsor McCay hat als erster Alexander Braun hingewiesen, ihm ist auch die Wiederentdeckung dieses grossartigen Karikaturisten zu verdanken, dessen Werk er in einer umfangreichen, rund 370 Seiten starken Publikation umfassend und wissenschaftlich aufgearbeitet hat.

Alexander Braun hat von 1985 bis 1993 Kunstgeschichte und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und an der Freien Universität Berlin studiert. 1996 promovierte er, nicht ganz untypisch, zum Werk des amerikanischen Installationskünstlers Robert Gober.

Zudem kuratiert Alexander Braun seit fünf Jahren Comic-Ausstellungen. Sein eigentlicher Beruf aber, ist der des bildenden Künstlers. In seinem Curriculum sind nicht nur zahlreiche Auszeichnungen aufgeführt, sondern auch wichtige Ausstellungsinstitute wie die Wiener Secession, die Chinati Foundation in Marfa, Texas, die Kunsthalle Bielefeld und erst im vergangenen Jahr das Kunstmuseum Bonn.

Nicht mit Kunst aufgewachsen

Dabei ist Alexander Braun überhaupt nicht mit Kunst aufgewachsen. Vielleicht besser so, denn in seiner Jugend hat er sich vor allem mit Film und Comic befasst und erst im Alter von 19 Jahren kam die Kunst dazu.

Die Zeit an der Kunstakademie ist ihm nicht in bester Erinnerung, das hat aber vermutlich damit zu tun, dass ihn eher ein intellektuelles Defizit plagte, weshalb er sich für ein Studium der Kunstgeschichte umentschied.

Ambitionen selbst Comics zu machen hatte er nie, doch gehört dem Medium seine grosse Passion und er bedauert, dass in der Kunstgeschichte diese Kunstform noch immer nicht gebührend beachtet wird.

Als im Jahre 2000 in Wien das Jubiläum der Traumdeutung von Sigmund Freud mit einer grossen Ausstellung gewürdigt wurde, eine Ausstellung, die von einer amerikanischen Kuratorin ausgerichtet wurde, da fehlten die Arbeiten von Winsor McCay gänzlich.

Einflüsse aus dem Comic

Und doch ist die Kunst Alexander Brauns nicht frei von Einflüssen aus dem Comic. Das 2003 begonnene «Retablo-Projekt» besteht aus einer Zusammenarbeit mit Votivtafel-Malern aus Mexico-City, die ihrerseits auch Elemente aus dem Comic und der Alltagskultur in ihre Bilder einbauen.

Seine seit 2005 laufende Werkgruppe «Walden» thematisiert nicht nur Henry David Thoraus gleichnamiges Buch, sondern auch in weit angelegten Recherchen und unterschiedlichen Medien das Verhältnis von Individuum und Natur.

Auf einen Stil lässt sich Alexander Brauns Werk nicht festlegen, er bedient sich vielmehr sehr unterschiedlicher Einflüsse und kombiniert diese zu einem vielschichtigen Gesamtkunstwerk, dass nicht nur intellektuell funktioniert, sondern auch immer eine sehr sinnliche Bildsprache aufweist, die, oft an Werke von Ian Hamilton Finlay, Alighiero Boetti und Max Ernst erinnert.

Am Mittwoch, 5. September, um 10 Uhr, findet eine persönliche Führung von Alexander Braun durch die McCay-Ausstellung im Cartoonmuseum statt.

Die Ausstellung Winsor McCay im Cartoonmuseum Basel ist noch bis zum 28. Oktober zu sehen. www.cartoonmuseum.ch