Mit der Bekanntgabe des Endes des sechsjährigen Krieges fiel die Stadt Basel in Freudentaumel. Noch am Vortag hatte sie ihren 530. Fliegeralarm erlebt. Die öffentlich verlesene Regierungsproklamation hielt dankbar fest: «Uns ist die letzte schwere Probe erspart geblieben.» Basel erlebte - wie viele andere Orte und Regionen – das Kriegsende in doppelter Weise: als Zäsur und als fliessenden Übergang.

Die Zäsur fand ihren Ausdruck im Läuten der Glocken, in der Beflaggung der Stadt, im Verkauf von Extrablättern, im Zusammenströmen der Menschen, in der ausserordentlichen Empfindung von Verbundenheit selbst unter Unbekannten. Parallel zur Verschmelzung der Menge gab es aber auch Ausschluss und Ausgrenzung gegenüber den bekannten Nazi-Sympathisanten. Am 8. Mai schloss die Politische Polizei das Deutsche Konsulat und das «Braune Haus» in der St. Alban-Vorstadt. An anderen Orten, etwa in Schaffhausen, wurden auch Schaufenster deutscher Geschäfte zertrümmert. Im Juni reichte das «Aktionskomitee für die Säuberung des Kantons Basel-Stadt» eine Volksinitiative ein, die den Entzug der Aufenthaltsbewilligung für «alle Einwohner nationalsozialistischer Gesinnung» forderte.

Das Kriegsende weckte auch auf der Seite der elsässischen Bevölkerung Verbrüderungsbedürfnisse. Eine spontan zusammengekommene Menschenmenge überrollte am 8. Mai die Grenzwächter und strömte mit Tambouren und Claironsbläsern der Sappeur-Pompiers und jungen Mädchen in Elsässer-Tracht gemischt mit französischen Kolonialsoldaten ins Basler Stadtzentrum, wo auf dem Marktplatz die Marseillaise und die schweizerische Nationalhymne gesungen und schwungvolle Reden gehalten wurden. Der Versuch, am folgenden Tag ein zweites Verbrüderungsfest, nun in St. Louis, abzuhalten, scheiterte dann aber an der Wachsamkeit der jetzt vorgewarnten Grenzbehörden.

Die elsässisch-schweizerische Grenze konnte im Kleinen Grenzverkehr seit Mitte Juni 1945 wieder passiert werden. Im folgenden Jahr kamen die Elsässer Gemüsefrauen nach siebenjährigem Unterbruch wieder nach Basel. Dies nicht nur zur Freude der Baselbieter Gemüse- und Obstproduzenten, die während des Krieges den Markt für sich alleine hatten.

Am Quatorze Juillet 1947 wurde die Tramlinie nach Huningue mit einem kleinen Fest wieder in Betrieb genommen. Auch die Linie nach Saint-Louis konnte wieder befahren werden, nachdem Kriegsschäden zum Teil unter Beizug deutscher Kriegsgefangener behoben worden waren. Erste Fühler waren von Saint-Louis bereits im November 1944 ausgestreckt worden. Die Herstellung der Verbindungen auf der Tramschiene mit der Region dauerte etwas länger als die Schaffung der Luftverbindung mit der Welt: Denn schon im April 1946 waren erste Flugzeuge auf dem neu in Betrieb genommenen binationalen Flughafen Basel-Mulhouse gestartet und gelandet. Die Schnellrealisation ging als «Miracle de Blotzheim» in die Geschichte ein. Die nötige Infrastruktur war mit Kriegsmaterial (für die Piste die gelochten Stahlbleche/pierced steel pieces) und zum Teil mit Kriegsgefangenen geschaffen worden.

Bis zur Wiederaufnahme der Kontakte mit der badischen Bevölkerung dauerte es etwas länger. Die deutsche Seite war nicht befreites, sondern besetztes Gebiet eines besiegten Landes. Im Mai 1947 erhielt die Basler Bevölkerung anlässlich des wiederbelebten Lörracher Hebelfests erstmals Gelegenheit für einen Tagesausflug. Rund 18'000 Menschen machten davon Gebrauch, um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Schon bald kamen in der entgegengesetzten Richtung die ersten berufstätigen Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus beiden Nachbargebieten, anfänglich mehr aus Südbaden als aus dem Elsass und mehr Frauen als Männer; die Frauen vor allem als Hausangestellte.

Der fliessende Übergang zeigte sich darin, dass sich das Kriegsende schon vorher ankündete und Kriegsfolgen weiterhin spürbar waren. Im Oktober 1944 war das Kraftwerk Kembs bombardiert worden, was eine Senkung des Rheinpegels um drei Meter und im weiteren die Konsequenz hatte, dass die Schiffe im Basler Hafenbecken II noch bis im Frühjahr 1946 auf dem Trockenen lagen. Auch die Rationierung von Lebensmitteln und Heizung dauerte an.

Der Krieg war zu Ende, aber die Schäden auch der Bahnhof-Bombardierung vom März 1945 waren noch nicht alle behoben. Überlebende Opfer des NS-Vernichtungsprogramms erschienen auf der Durchfahrt im Basler Bahnhof. Militärs aus der befreiten-besetzten Nachbarschaft unternahmen kleinere und grössere Ausflüge in die Stadt am Rheinknie, andere schafften es bis nach Luzern oder in die Alpen – alles willkommene Touristen. Etwas verwunderlich die Inszenierung der Friedensdemonstration vom August 1945 vor dem Käppeli-Joch, vielleicht im Hinblick auf die angekündete Schlussveranstaltung der Schweizer Armee vor dem Bundeshaus in Bern.

Was uns dieser Moment und diese Bilder lehren: Die Verflochtenheit mit der Region und mit dem europäischen Raum war eine Gegebenheit, die den damaligen Zeitgenossen eine Haltung abforderte. Die Basler Zeitungsverkäufer wünschten der ganzen Menschheit nichts weniger, als dass ihnen ein dauerhafter Friede beschert sein möge. Zurück zum Münster: Max Frisch, 35-jährig und wie viele andere wegen des Kriegs lange ohne die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen, blickte im März 1946 bei einem Basler Besuch auf den Rhein und war ergriffen vom Verlangen nach «dem Wasser, das uns verbindet mit allen Küsten der Erde» und erfasst vom «Heimweh nach der Fremde» (Tagebuch 1947).