Vor 70 Jahren
Wie Basel 1945 das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg vorbei. Für Basel ging eine schwierige Zeit der Angst und des Bangens zu Ende. Trotz der Bombardierung durch die amerikanischen Flugzeuge war die Stadt noch einmal davongekommen.

Georg Kreis
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Auch in Basel fielen Bomben, die letzten am 4. März 1945. Trotzdem: Die Stadt war noch einmal davongekommen.
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«Extrablatt!» – 1945 waren Zeitungen die wichtigste Informationsquelle.
Britischer Offizier auf Urlaub in der Freien Strasse, August 1945.
Kriegsende in Basel
Das französische 34. Regiment vor dem St. Johannstor in Basel, 28. Juni 1945.

Auch in Basel fielen Bomben, die letzten am 4. März 1945. Trotzdem: Die Stadt war noch einmal davongekommen.

Otto Wyss-Dierks

Mit der Bekanntgabe des Endes des sechsjährigen Krieges fiel die Stadt Basel in Freudentaumel. Noch am Vortag hatte sie ihren 530. Fliegeralarm erlebt. Die öffentlich verlesene Regierungsproklamation hielt dankbar fest: «Uns ist die letzte schwere Probe erspart geblieben.» Basel erlebte - wie viele andere Orte und Regionen – das Kriegsende in doppelter Weise: als Zäsur und als fliessenden Übergang.

Das Kriegsende

Am 8. Mai 1945 bestieg der 17-jährige Schüler S. Sch., nachdem er sich die Rede seines Schulrektors angehört und für den Rest des Tages freibekommen hatte, den Münsterturm und sah auf den Rhein hinab. Dabei dachte er: «So, jetzt ist der Krieg fertig.» Dann fragte er sich, was er an einem solchen Tag auf dem Münsterturm eigentlich mache. Er fasste den Entschluss, mit dem Tram zur Grenze zu fahren. Bei Kleinhüningen blickte er über die Grenze, sah aber nicht viel: Ein paar französische und deutsche Soldaten, die hin und her gingen. «Sonst war alles ruhig», stellte er fest und fügte bei: «Aber für mich war dieser Tag ein grosses Erlebnis, und für die anderen sicher auch.»

(Aus: Christof Dejung, Thomas Gull, Tanja Wirz, Landigeist und Judenstempel. Erinnerungen einer Generation 1930–1945. Zürich 2002).

Das Kriegsende weckte auch auf der Seite der elsässischen Bevölkerung Verbrüderungsbedürfnisse. Eine spontan zusammengekommene Menschenmenge überrollte am 8. Mai die Grenzwächter und strömte mit Tambouren und Claironsbläsern der Sappeur-Pompiers und jungen Mädchen in Elsässer-Tracht gemischt mit französischen Kolonialsoldaten ins Basler Stadtzentrum, wo auf dem Marktplatz die Marseillaise und die schweizerische Nationalhymne gesungen und schwungvolle Reden gehalten wurden. Der Versuch, am folgenden Tag ein zweites Verbrüderungsfest, nun in St. Louis, abzuhalten, scheiterte dann aber an der Wachsamkeit der jetzt vorgewarnten Grenzbehörden.

Die elsässisch-schweizerische Grenze konnte im Kleinen Grenzverkehr seit Mitte Juni 1945 wieder passiert werden. Im folgenden Jahr kamen die Elsässer Gemüsefrauen nach siebenjährigem Unterbruch wieder nach Basel. Dies nicht nur zur Freude der Baselbieter Gemüse- und Obstproduzenten, die während des Krieges den Markt für sich alleine hatten.

Georg Kreis Georg Kreis (*1943 in Basel) ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel und war bis Juli 2011 Leiter des Europainstituts Basel.

Georg Kreis Georg Kreis (*1943 in Basel) ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel und war bis Juli 2011 Leiter des Europainstituts Basel.

AZ

Bis zur Wiederaufnahme der Kontakte mit der badischen Bevölkerung dauerte es etwas länger. Die deutsche Seite war nicht befreites, sondern besetztes Gebiet eines besiegten Landes. Im Mai 1947 erhielt die Basler Bevölkerung anlässlich des wiederbelebten Lörracher Hebelfests erstmals Gelegenheit für einen Tagesausflug. Rund 18'000 Menschen machten davon Gebrauch, um Verwandte und Bekannte zu besuchen. Schon bald kamen in der entgegengesetzten Richtung die ersten berufstätigen Grenzgängerinnen und Grenzgänger aus beiden Nachbargebieten, anfänglich mehr aus Südbaden als aus dem Elsass und mehr Frauen als Männer; die Frauen vor allem als Hausangestellte.

Der fliessende Übergang zeigte sich darin, dass sich das Kriegsende schon vorher ankündete und Kriegsfolgen weiterhin spürbar waren. Im Oktober 1944 war das Kraftwerk Kembs bombardiert worden, was eine Senkung des Rheinpegels um drei Meter und im weiteren die Konsequenz hatte, dass die Schiffe im Basler Hafenbecken II noch bis im Frühjahr 1946 auf dem Trockenen lagen. Auch die Rationierung von Lebensmitteln und Heizung dauerte an.

Bomben in Basel Neun amerikanische Flugzeuge eines versprengten Bomberverbands warfen um 10 Uhr morgens des 4. März 1945 irrtümlicherweise auf den Hauptbahnhof und den Güterbahnhof Wolf in Basel ihre Brand- und Sprengbomben ab.

Bomben in Basel Neun amerikanische Flugzeuge eines versprengten Bomberverbands warfen um 10 Uhr morgens des 4. März 1945 irrtümlicherweise auf den Hauptbahnhof und den Güterbahnhof Wolf in Basel ihre Brand- und Sprengbomben ab.

Otto Wyss-Dierks

Was uns dieser Moment und diese Bilder lehren: Die Verflochtenheit mit der Region und mit dem europäischen Raum war eine Gegebenheit, die den damaligen Zeitgenossen eine Haltung abforderte. Die Basler Zeitungsverkäufer wünschten der ganzen Menschheit nichts weniger, als dass ihnen ein dauerhafter Friede beschert sein möge. Zurück zum Münster: Max Frisch, 35-jährig und wie viele andere wegen des Kriegs lange ohne die Möglichkeit, ins Ausland zu reisen, blickte im März 1946 bei einem Basler Besuch auf den Rhein und war ergriffen vom Verlangen nach «dem Wasser, das uns verbindet mit allen Küsten der Erde» und erfasst vom «Heimweh nach der Fremde» (Tagebuch 1947).

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