Das Projekt «Living Memory» zur Papierfabrik Zwingen hat Exklusivitätsanspruch: Es ist ein zumindest regionales Novum, dass Künstler dazu aufgerufen werden, die Erinnerungen an ein Unternehmen mit ihren Mitteln wachzuhalten. Wobei anzufügen ist, dass es sich bei der vor zehn Jahren stillgelegten Papierfabrik Zwingen nicht um ein Allerweltsunternehmen handelt, sondern um eines, das mit seinen in den besten Zeiten rund 300 Mitarbeitenden das Laufental über Jahrzehnte prägte.

Derzeit ist die Papierfabrik immer noch im Nachlassverfahren, wobei es nicht mehr allzu lange dauern dürfte, bis die zahlreichen Gebäulichkeiten auf dem insgesamt 120 000 Quadratmeter grossen Gelände dem Erdboden gleichgemacht werden: Ein neuer Bebauungsplan mit Gewerbe- und Wohnbauten liegt vor, der entsprechende Teilzonenplan wurde von der Baselbieter Regierung genehmigt. Nachlassliquidator Hansjörg Rettenmund leitet «in den nächsten Wochen die Verkaufsaktivitäten ein». Das Prozedere daure bis zu einem halben Jahr. Somit ist es eigentlich fünf vor zwölf, um die Stimmung auf dem Firmengelände von sprossenden Büschen über bröckelnde Gebäudefassaden bis hin zu riesigen Fabrikhallen, deren Innenleben herausgerissen und in die halbe Welt verhökert wurde, die aber immer noch den Hauch von Wichtigkeit verströmen, einzufangen.

60 Künstler besichtigen Fabrik

Genau hier setzt der Schlossverein Zwingen mit «Living Memory» an: Er lud mittels Inseraten auf gestern Künstler ein, das Fabrikareal zu besichtigen, zu fotografieren oder zu filmen. Bis Ende November sollen sie dann Projektskizzen abgeben, wie sie sich mit der Vergangenheit der Papierfabrik auseinandersetzen respektive Zukunftsvisionen entwickeln wollen. Dazu der Schlossverein im Projektbeschrieb: «Das Ziel des Projektes ‹Living Memory Papierfabrik Zwingen› wäre erreicht, wenn es gelingt, einen dokumentarischen Blick auf das Areal zu richten, der die aktuellen Veränderungen festhält und ästhetische Ideen in eine mögliche künftige Nutzung einbringt.»

Nun, es kamen gestern 60 Künstler aus so verschiedenen Bereichen wie Malerei, Grafik, Installation oder Performance aus der halben Schweiz. Und ein ob des Grossaufmarschs sichtlich erfreuter Schlossvereins-Präsident Markus Jermann sagte bei der Begrüssung: «Unser Projekt ist Teil der Vergangenheitsbewältigung, denn wir sind der Meinung, die Geschichte der Papierfabrik muss aufgearbeitet werden.»

Die Künstler, teils mit Kindern und Hund, schwirrten übers Firmengelände aus, machten Notizen, Skizzen und Bilder und löcherten Jermann oder alt Fabrikdirektor Hermann Fabri mit Fragen. Die visuelle Gestalterin Franziska Michel aus Basel etwa meinte: «Ich habe bereits mit einem jurassischen Maler Ideen gesammelt, was wir machen könnten. Jetzt lassen wir uns von den Räumen sowie den menschlichen und maschinellen Spuren darin überraschen und recherchieren.» Und mit einem Blick nach vorne ergänzt sie, dass sie auch interessiere, was die Entwicklung in Zeiten von knappen Ressourcen, an Bedeutung verlierendem Zeitungspapier und Neuen Medien sein könnte.

Ob Michel auch zu jenen 15 Projektverfassern gehört, die von einer Jury unter Leitung der FHNW-Dozentin Barbara van der Meulen auserkoren werden, wird sich Ende Jahr weisen. Sie können dann ihre Werke – eingebettet in ein Dorffest – im nächsten August ausstellen. Doch bis dahin ist für den federführenden Schlossverein, der «Living Memory» zum 40. Geburtstag lanciert, noch ein steiniger Weg: Er muss 160'000 Franken zusammenbringen.