Es dürfte ein Standardwerk werden. Der Historiker Robert Labhardt vertieft in seinem neuen Buch «Krieg und Krise, Basel 1914 – 1918» bisher kaum erforschte Aspekte der Zeit des Ersten Weltkriegs in der Grenzstadt: die Panik bei Kriegsausbruch, die Versorgungsprobleme, das humanitäre Engagement bürgerlicher Kreise sowie die Konfrontation zwischen Arbeitern und Bürgerwehren, die im Landesstreik von 1918 eskalierte.

Als roter Faden zieht sich dabei die Fragestellung durch das Buch, was die städtische Gesellschaft in der Kriegszeit entzweit und was sie zusammengehalten hat. Bereichernd und aufschlussreich sind die Aufzeichnungen und Erinnerungen der jungen Gertrud Preiswerk (1898 – 1989), die Labhardts Analysen ergänzen. Die junge Frau stammte aus einer gut situierten Familie, ihre Herkunft widerspiegelt sich auch in ihrem Tagebuch.

Es ist eine privilegierte Sicht, die wenig über die existenziellen Probleme verrät, die im Laufe des Krieges zunehmend breitere Schichten der Bevölkerung treffen. Gleichzeitig sind die Aufzeichnungen «bemerkenswert informiert, geben sich knapp, emotionslos trocken, aber auch stilistisch träf», wie es in den einleitenden Worten heisst.

Desolate Lage der Arbeiter

Die Situation der Arbeiter war schon vor dem Krieg alles andere als rosig. So betont Labhardt, dass die Integrationsprozesse wie die Einführung des Proporzwahlrechts 1905 «in einem auffälligen Kontrast zur desolaten materiellen Lage der Arbeiterbevölkerung» standen.

Ausführlich geht der Historiker auf das wachsende Elend der Bevölkerung während des Krieges und die Arbeit der staatlichen Hilfskommission ein. Als Problem erwiesen sich die Teuerung und dass viele Familien durch die Mobilisation ihren Ernährer verloren und kaum noch den Mietzins bezahlen konnten – einen Lohnausgleich gab es keinen. «Die wirtschaftlichen Sorgen waren vorprogrammiert, da die Politik keinerlei Vorkehrungen zur Abmilderung der oft drastischen wirtschaftlichen Folgen des Aktivdienstes getroffen hatte», schreibt Labhardt.

Als Stadtkanton ohne landwirtschaftliches Hinterland war Basel bei der Verknappung von Nahrungsmitteln besonders betroffen. Labhardt zeigt dies am Beispiel der Kartoffeln auf. Schon in den ersten Kriegstagen war es aufgrund des Importstopps aus dem damals deutschen Elsass und Südbaden zu Wucherpreisen gekommen.

1917 gab es zwar eine gute Schweizer Kartoffelernte, aber im November keine Kartoffeln auf dem Markt. Grund: Die Bauern hielten ihre Kartoffeln zurück, weil sie höhere Preise als die festgelegten haben wollten. Seit dem Frühsommer 1918 hatte sich die Lebensmittelkrise immer drückender bemerkbar gemacht. Am 20. Juni nahmen in Basel zwölf- bis fünfzehntausend Teilnehmer an einer Teuerungsdemonstration der SP teil. Bei Kriegsende gab es schliesslich ein Überangebot von Kartoffeln bei zu hohen Preisen.

Hauptsorge Energieversorgung

Neben den Lebensmitteln galt die Hauptsorge der Bevölkerung der Energieversorgung. Im Buch wird diese Frage anhand der Kohle thematisiert und aus den Tagebuchaufzeichnungen eines Basler Kohlenhändlers zitiert. Die Kohleprobleme begannen Ende 1916. In der Folge kam es zu erheblichen Preissteigerungen und der Staat verfügte Rationierungen, gegen die sich das Kleingewerbe, aber auch das Küchlin-Theater wehrte.

Der Landesstreik im November 1918 war laut Labhardt Folge einer Radikalisierung der Basler Arbeiterschaft, «die zu einem guten Teil auf die Kommunikationsverweigerung der Arbeitgeber, deren verbreitete Gleichgültigkeit und Ignoranz gegenüber dem Elend der Arbeiterfamilien zurückzuführen» sei. Letzteres findet sich auch im Tagebuch von Gertrud Preiswerk, die ganz offen die Gewalt der bürgerlichen und militärischen Seite gegen den «streikenden Pöbel» thematisiert.

Labhardts Fazit: Eine einigende Klammer bestand, denn niemand wollte den Krieg im Land – insbesondere in Basel, wo man bis 1916 täglich den Kriegslärm aus dem Elsass hörte. Aber eine gesellschaftliche Solidarität unter den Bedingungen des Krieges gab es nicht. Und: «Am Ende des Ersten Weltkriegs erschien Basel sozial zerrissener denn je.» Illustriert wird das empfehlenswerte Buch mit 77 ausgesprochen spannenden historischen Abbildungen.

Robert Labhardt Krieg und Krise, Basel 1914 – 1918, 352 Seiten, 2014 Christoph Merian Verlag, Basel. 38 Franken.