Den New York Marathon laufend zeichnen? Check! Ein Porträt auf Netflix? Check! 24 Cover für das bekannte Magazin «New Yorker» illustriert, darunter auch das erste Augmented Reality-Cover? Check! Das Augmentet Cover ist so gestaltet, dass man mittels iPad darin eintauchen kann. Christoph Niemann hat schon einiges in seinem Leben illustriert – und ist noch längst nicht fertig damit.

Im Basler Cartoonmuseum eröffnet heute Abend mit «Christoph Niemann That’s How!» eine Ausstellung mit über 120 Werken des gefragtesten und einflussreichsten Illustratoren unserer Zeit. Es ist die Erste ihrer Art in der Schweiz und bietet als Retrospektive einen schönen Überblick von Niemanns Schaffen. Bis zum 29. Oktober 2017 können viele seiner ganz unterschiedlichen Werke unter die Lupe genommen werden.

Natürlich fehlen die Cover des «New Yorker» ebenso wenig wie der gezeichnete New York-Marathon oder seine berühmten Sunday Sketches, die ursprünglich für das Soziale Medium «Instagram» konzipiert wurden. Dabei werden Alltagsgegenstände durch wenige Striche zu etwas völlig anderem, wie ein Tintenglas zu einer Kamera, eine Socke zu einem Dinosaurier oder Basler Leckerli zu den Füssen der Sphinx. (Diese Illustration, hat Christoph Niemann extra für die bz gezeichnet).

Niemann, 1970 in Deutschland geboren und aufgewachsen, ging nach seinem Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste nach New York. Wie er selbst sagt, sehr unverzagt und auch etwas naiv, klopfte er da beim «New Yorker» an, und durfte dann tatsächlich sehr schnell ein Cover illustrieren. Niemann zeichnet für verschiedenste Magazine und Zeitungen, aber auch für Google oder das Museum of Modern Arts. Er illustriert Bücher, insbesondere Kinderbücher und hat zwei (Kinder-)Apps illustriert, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind.

«Die Schrauben locker machen»

In seiner Arbeit geht es Niemann sehr stark um den Betrachter selbst. Läuft man durch die Ausstellung, erkennt man in den leichten, eleganten und mitunter auch ironischen Arbeiten immer wieder Situationen, die man vielleicht schon selbst erlebt hat. So stossen seine persönlichen Geschichten auf die Geschichten seiner Betrachter und lösen damit immer wieder interessante Sichtweisen aus.

«Ich will niemanden erziehen und niemandem etwas beibringen und schon gar nicht irgendjemandem meine Sicht aufzwingen», erklärt Niemann. Es sei ihm wichtig, dass der Spass, der Aha-Moment, der in seinen Arbeiten drin ist, beim Betrachter passiert. Im Idealfall schafft er es, mit der intellektuellen Auseinandersetzung mit Inhalten das Gehirn minimal neu zu programmieren und die Schrauben locker zu machen. Er lädt sein Publikum dazu ein, vertraute Dinge in neuem Licht zu betrachten.

Zwischen Abstraktion und Detail

«Das ist ein New Yorker Taxi. Wie man sieht, ist es nicht im Dienst.» Christoph Niemann hält ein kleines gelb/weiss/schwarzes Lego-Auto in der Hand. «Wie bitte?», fragt eine Stimme aus dem Off, in der Netflix Dokumentation «Abstract – Design als Kunst». «Es ist nicht im Dienst, aber es sollte lieber besetzt sein. Ganz in schwarz und gelb sieht es besser aus», erklärt Niemann, entfernt zwei einzelne weisse Legosteine und einen schwarzen Zweierstein und ersetzt diese mit einem schwarzen Viererstein.

Diese kleine Szene, die irgendwo in der Mitte der ersten Folge von «Abstract – Design als Kunst» platziert ist, die Niemann einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat, beschreibt die Leichtigkeit und den subtilen Witz von Niemanns Arbeit wohl ziemlich gut. Diese Subtilität in Niemanns Arbeiten zeichnet sich nicht nur durch Witzigkeit aus. Eine Arbeit, die dies ganz schön herausarbeitet, und die wirklich sehenswert ist, heisst «A tribute to Maurice Sendak» und ist das illustrierte Gespräch mit Maurice Sendak mit Originalstimmen seines letzten Interviews vor seinem Tod.

«Das Publikum versteht oft viel mehr, als man denkt»

In ihren Illustrationen finden sich trotz aller Abstraktheit immer wieder Details, die dem Betrachter auf den ersten Blick gar nicht unbedingt auffallen. Sind diese geplant oder fallen Sie Ihnen spontan beim Zeichnen ein?

Christoph Niemann: Die meisten Sachen sind eigentlich geplant, da rutscht wenig per Zufall rein. Klar, beispielsweise bei «Downtown» (ein New-York-Bild, online zu sehen, Anmerkung der Redaktion), wurde ich in der Zeichnung immer kleiner und kleiner und da kam dieser Fahrradfahrer noch dazu.

"Downtown", one of two very large New York City silkscreens (118x84 cm/ 47x 33 inches). See link in bio for details.

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Das war aber eine der schönsten und interessantesten Entdeckungen der Arbeit mit Sozialen Medien: Zu erkennen, wie visuell intelligent das Publikum ist, wie viel es versteht und mitnehmen kann. Erst anhand von Kommentaren und Reaktionen habe ich realisiert, dass Dinge, die ich eher privat, als fünfte Ebene oder kleiner Spass in die Bilder eingefügt habe, vom Betrachter auch genau so verstanden werden. Das Publikum kann auch extrem abstrakte Geschichten, die an zwei Haarlinien zu einem neuen Gedankenstrang führen, erkennen und vor allem verstehen.

Der Betrachter muss sich also im besten Fall mit Ihrer Illustration auseinander setzen. Das ist dann aber auch Ihre Intention.

Genau. Ich komme ja aus dem Einzelbild. Zum Beispiel beim New Yorker Cover passiert alles auf diesem einen Bild. Aber auch da habe ich gemerkt: Die funktionieren oft nur, wenn man schon eine Weile New Yorker Leser ist. Man muss schon in der Bildkultur drin sein. Ich kann eine Geschichte machen, die aus zwanzig Bildern besteht, diese aber gleichzeitig präsentieren. Ich kann aber auch, wie bei den Sunday Sketches, wo ich jede Woche ein Bild poste, die Narration über ein Jahr hinweg aufbauen.

Man baut eine visuelle Welt auf, die man jede Woche um eine Facette bereichert. Wenn die Leser mitkommen, wird es immer interessanter. Man kann immer subtiler werden, was beim ersten Bild noch nicht klappen würde. Es ist ja auch das Tolle, wenn so ein Lernprozess entsteht, der mit einem einzelnen Werk nie machbar wäre.

Gibt es Anfragen für Illustrationen, die Sie nicht annehmen können, oder auch wollen?

Ja ganz viel. Das hat meistens was mit Zeit zu tun. Sehr selten auch mit den Inhalten. Die wichtigste Frage, die ich mir immer stellen muss: Tu ich dem Menschen der von mir etwas will, wirklich einen Gefallen? Oder denken die oder ich, dass wir uns jeweils einen Gefallen tun? Oft ist es einfach so, dass jemand meint, dass ich was bringen könnte, was ich tatsächlich aber gar nicht kann.

Wenn jemand am Anfang schon weiss, was am Ende herauskommen soll und im Text schon alles perfekt drin steht, dann brauch ich da kein Bild mehr zu machen. Dann muss ich mir schon überlegen: Kann ich am Ende die Begeisterung mit meiner Arbeit bei den Menschen auslösen, weswegen die zu mir kommen?

Gibt es nächste Projekte, die bald kommen, auf die Sie sich freuen?

Es kommt bald eine kleine Animation raus, die ich für ein Kino in New York gemacht hab. Es ist eine reine Animation, eine traurige Geschichte, nur 1 Minute, über ein Paar in der U-Bahn auf der Suche nach Liebe.