Eine goldene Engelsstatue steht erhaben in der Ecke, kleine Bilder mit geflügelten Menschen hängen an den Wänden: In Dieter Meiers Wohnung weht ein barock anmutender Wind. Vor drei Jahren hatte der 65-Jährige wohl seinen ganz persönlichen Schutzengel: Er überlebte einen schweren Autounfall. Eine glückvolle Zeit folgte danach trotzdem nicht: Der Tod des Vaters und andere familiäre Probleme, gepaart mit dem hohen Arbeitspensum des Buchhalters, waren zu viel für Meier.

«Ich stürzte in ein schweres Burnout», erzählt er, «mein Leben fühlte sich an wie ein tiefer Brunnen. Weit unten war ich und sah oben einen winzig kleinen Ausgang.» Wider Erwarten schaffte es Meier, nach oben zu klettern. «Das verdanke ich meiner Schwester, einem guten Freund und» – der Mann mit der Brille zeigt zur Zimmerdecke – «dem da oben.»

Waisenhaus statt Auto und Telefon

Aus dem Tief startete Meier in ein neues Leben. «Heute weiss ich, was wichtig ist», sagt er bestimmt: «Ich möchte anderen helfen. Und ich wünsche mir weniger Egoismus auf dieser Welt.» Mit dem Ziel, ein Waisenhaus zu eröffnen, reiste er im März 2011 zum ersten Mal nach Ghana. Sein damaliger einheimischer Chauffeur wurde zum heutigen Manager des Heimes «A heart for orphans in Ghana», das im April dieses Jahres eröffnet wurde. Knapp 20 000 Franken hat Meier für seinen Traum zusammengespart und dafür sein Auto und seine antiken Möbel verkauft. Sogar seinen Telefonanschluss hat er gekündet. «Ende Monat ist jeweils kein Geld mehr da», erzählt er, «ich gebe alles aus für die Mieten, Löhne und Spielsachen.» Letztere kauft Meier in Brockenhäusern und bringt sie zusammen mit Dekorationsartikeln und Säcken voll Reis nach Ghana. «Im Juli reise ich zum sechsten Mal dorthin», sagt er. Dann huscht ein Lächeln über seine Lippen und er fügt an: «In ein bis zwei Jahren wandere ich aus. Ich bin so glücklich dort, mehr brauche ich gar nicht.»

Nach anfänglicher Unsicherheit sprudelt Meier mittlerweile vor Offenheit. «Die Mentalität der Ghanaer ist so erfrischend, sie sind so herzlich und offen.» Genau das fehlt ihm in der Schweiz. «Alle reden von der Armut in Afrika und haben Mitleid, aber niemand unternimmt etwas», ärgert er sich. «Dabei braucht es nur ein wenig Mut.»

In Ghana kein Sprachfehler

Mut hat Meier, dessen Vorbilder Mutter Theresa und Schauspieler und Stiftungsgründer Karlheinz Böhm sind, zu Genüge. Ebenso eine sensible Seite. «Letztes Jahr habe ich ein Flüchtlingslager in einem Steinbruch besucht, das an der Grenze zur Elfenbeinküste liegt», erzählt er. «Als ich dieses Elend sah, habe ich zuerst einmal eine halbe Stunde geweint.»

Dass es dem Mann mit dem Helfersyndrom in Ghana besser geht als in der Schweiz, zeigt sein sprachlicher Zustand. Meier hatte mit drei Jahren ein traumatisches Erlebnis. «Am Weihnachtsabend legte ich eine Puppe auf den Ofen. Die Vorhänge und der Weihnachtsbaum fingen Feuer.» Seither leidet er an einem Sprachfehler und stottert. «Wenn ich in den Ferien bin, geht das weg», sagt er. Und in Ghana? «Dann sowieso.» Strahlend beginnt Meier, von seinen Wünschen zu erzählen: Nebst dem Ausbau seines Waisenhauses wäre das zum Beispiel eine Rutschbahn oder eine Schaukel für die Kinder. «Die würden ausflippen», ist er sich sicher.