Benjamin Huggel (39), Ex-FCB-Spieler, jetzt Fussballtrainer

«Ich erinnere mich noch gut, dass die Sirenen meinen Vater an den Krieg erinnerten. Unser Radio war kaputt und daher äusserte mein Vater die Befürchtung, dass es in Fessenheim einen Reaktorunfall gab. Schliesslich war erst ein halbes Jahr vergangen seit der Katastrophe in Tschernobyl. Die Fenster bei uns zu Hause blieben geschlossen und die Schule fiel aus. Ich kroch unter die Decke und dachte, da drunter wird mir schon nichts passieren! Im Gegensatz zu vielen anderen Schülern war es für mich eine Strafe, dass die Schule ausfiel: Am Samstag stand jeweils Turnen auf dem Programm.»

Lukas Engelberger (41), Regierungsrat BS CVP

«Am 1. November 1986 war Besuchstag. Nicht irgendeiner, sondern der erste Besuchstag am Gymnasium, das für uns damals bereits im Alter von etwa elf Jahren begann. Der Gestank übertünchte den Duft der Frühstücksgetränke und meine Eltern stritten sich. «Herr Striebel sagte, das sei harmlos, die Schule findet statt, wir gehen!» – «So ein Unsinn, wie kann man nur, riech doch mal und überlege selber!»

So klang es an diesem Samstagvormittag wohl in den meisten Basler Küchen. Eine halbe Stunde später fuhren wir mit dem Tram zum Münsterplatz, wo das Humanistische Gymnasium pflichtschuldig seinen Besuchstag abhielt. Schüler-, Eltern- und Lehrerschaft erschienen pünktlich, aber in reduzierter Besetzung. Der Unterricht fand statt. Viel bekamen wir vom Schulstoff dann aber nicht mit.

Es war trotzdem ein besonders lehrreicher Vormittag: Der Rhein kann rot werden – und Behördenkommunikation in besonderen Lagen ist besonders anspruchsvoll. Ich hoffe, wir haben unsere Lektion gelernt.»

Bettina Schelker (44), Musikerin

«Die Sirenen gingen los und weckten die ganze Familie. Wir stellten das Radio an und bekamen so erste Infos zu einem angeblichen Chemieunfall bei Sandoz. Ich war damals 14 Jahre alt und zu Hause in Oberwil. Angst hatte ich nicht wirklich. Ich hatte mehr Stress mit der Tatsache, dass unser Hund dringend raus musste, es aber hiess, wir dürften das Haus nicht verlassen und müssten die Fenster schliessen. Zudem fiel die Schule aus. Ich weiss noch genau, wie es roch: nämlich nach faulen Eiern. Wir packten die wichtigsten Sachen und fuhren für die kommenden Tage in unsere Ferienwohnung in der Innerschweiz. Danach verfolgten wir das Ausmass der Katastrophe im Fernsehen und Radio. Die Bilder des rotgefärbten Rheins und der toten Fisch sind mir bis heute geblieben.»

Philipp Schoch (43), Präsident Landrat BL Grüne

«Ich war 13 Jahre alt und Sekundarschüler. Mein Vater hat mich geweckt, vermeintlich wie jeden Tag. Den Zusatz , ich müsse nicht zur Schule gehen, weil es in der Sandoz brennt, hat mich rasch sehr wach gemacht. Die Nachricht, frei zu haben, fand ich gut. Wir wohnen drei Kilometer Luftlinie vom damaligen Sandoz-Werk entfernt. Beunruhigt durch die Nachricht war ich aber gar nicht so, ich fand das Ereignis an diesem Samstag sogar spannend. Wir haben dann den halben Morgen vor dem Radio verbracht. Irgendwann war uns dann klar, dass wir auch hinaus gehen können. Unsere Familie beschloss, den schulfreien Tag zu nutzen: Also sind wir nach Oberdorf gefahren und haben dort neue Skiausrüstungen gekauft. Das fand ich echt toll!»

Conradin Cramer (37), ab 2017 Regierungsrat BS LDP

«Ich war damals sieben Jahre alt. Ich erinnere mich, dass mich das Sirenenläuten weckte, ich das Radio in der Küche hörte und meine Mutter in mein Zimmer kam. Sie erklärte mir, dass es einen grossen Brand gegeben habe und wir kein Fenster öffnen sollen. Sie war wohl sehr ruhig. Jedenfalls hatte ich keine Angst. Am Radio sagten sie, dass die Kinder in die Schule gehen können. Ich ging also ganz normal in die nahe Primarschule. Ich weiss noch, dass nur etwa ein Drittel der Kinder da war. Das fand ich spannend. Wir spielten etwas verloren im grossen Pausenhof. Beschäftigt hat uns Knirpse das alles schon – sonst würde ich mich nicht mehr an diesen Tag erinnern. Zu Hause hatten wir keinen Fernseher. Bilder vom Brand und von den toten Fischen habe ich erst viel später gesehen. Und dann auch nicht mehr vergessen.»

Kerstin Wenk (45), Grossrätin Basel-Stadt SP

«Ich war 15 Jahre alt und wohnte in Pfeffingen. Eigentlich sollte ich zur Schule nach Aesch gehen. Das Telefon lief an diesem Morgen heiss, es ging dabei um den Chemie-Unfall. Trotz den beunruhigenden Meldungen sollte die Schule in Aesch stattfinden. Meine Mutter wollte mich zu Hause behalten, sie traute der Sache nicht. Mein Vater glaubte den Beteuerungen, dass keine Gefahr besteht. Meine Mutter setzte sich durch, was ich wiederum nicht verstand. Erst, als klar war, dass auch meine Freundinnen nicht zur Schule gehen, war es für mich in Ordnung. Wir sassen am Radio und versuchten uns einen Überblick zu verschaffen. Am gleichen Nachmittag wollte ich mit meiner Freundin an die Herbstmesse gehen.

Mir war klar, dass die ganze Sache ins Wasser fallen könnte. Mein Frust war gross!

Bevor es aber zu Diskussionen kam, machte ich mich selbstständig und dickköpfig auf den Weg nach Basel in Richtung Herbstmesse. In Basel stank es nach faulen Eiern, an der Messe hatte es kaum Leute. Heute kommt mir die Erinnerung an diese etwas naive Fünfzehnjährige schon etwas eigenartig vor. Fast schäme ich mich ein wenig!»

Adrian Sieber (44), Sänger Lovebugs

«Ich kann ich mich gut an diesen Tag erinnern. Im Fricktal, wo ich aufgewachsen bin, ist Allerheiligen ein Feiertag und deshalb seit eh und je ein traditionelles Datum für die Dorfjugend, um an die Basler Herbstmesse zu pilgern. Ich war damals 14 Jahre alt und hatte mich schon seit Tagen darauf gefreut. Als es dann am Morgen im Radio hiess, man dürfe in Basel die Häuser nicht verlassen, war ich stinksauer. Ausgerechnet an meinem schulfreien Tag musste das Unglück geschehen! Umso grösser war die Erleichterung, als im Laufe des Morgens die Entwarnung kam und meine Kollegen und ich trotzdem in den Zug Richtung Stadt steigen konnten. So wenige Menschen wie an diesem 1. November hatte es seither wohl nie mehr an der Herbstmesse. Der Gestank war seltsam undefinierbar und die Stimmung sehr bedrückend. Das hat uns freilich nicht daran gehindert, unser gesamtes Taschengeld in Bahnfahrten, Hot-Dogs und Schoggibananen zu investieren.»

Tobit Schäfer (36), Grossrat Basel-Stadt SP

«Als es in Schweizerhalle brannte, war ich sechs Jahre alt und lebte mit meiner Familie im St. Johann nahe der Grenze. Zuerst nahmen wir den Gestank wahr, der über die Lüftung im Badezimmer in die Wohnung drang. Die Sirenen hörten wir nicht, aber zwei Freundinnen meiner Eltern riefen frühmorgens an: Sie warnten uns und wir schalteten das Radio ein. Als klar wurde, dass für uns keine unmittelbare Gefahr bestand, brach meine Mutter auf in die Psychiatrischen Universitätskliniken, um bei der Betreuung der Patienten zu helfen, obwohl sie keinen Dienst hatte. Trotz der Empfehlung, zu Hause zu bleiben, durfte mein Kindergartenfreund noch gleichentags mit seiner Familie an den Rhein spazieren gehen. Er beeindruckte mich danach mit seinen Geschichten von rotem Wasser und toten Fischen. Eine Woche später nahmen meine Eltern mich und meinen Bruder mit an die grosse Demonstration, aber ich wurde enttäuscht – ich hatte mir den Rhein in intensivstem Rot vorgestellt.»

Tobit Schäfers Vater trägt seinen jüngeren Bruder Elias an der Demonstration auf den Schultern. Tobit ist im unteren rechten Bildrand zu sehen.

Tobit Schäfers Vater trägt seinen jüngeren Bruder Elias an der Demonstration auf den Schultern. Tobit ist im unteren rechten Bildrand zu sehen.

Baschi Dürr (39), Regierungsrat BS FDP

«Ich war damals knapp 10 Jahre alt und habe morgens von meinen Eltern vom Brand erfahren. Wenn ich mich recht entsinne, war nicht ganz klar, ob die Schule stattfindet oder nicht. Wir standen auf der Strasse und es roch nach verbrannten Bratwürsten. Angst hatte ich keine. Dieser Morgen in Basel war aber speziell - und man vergisst ihn nicht.»