Pharmaindustrie
Wie gut würde Basel einen Wegzug von Novartis verkraften?

Basel und seine Pharmakonzerne: Das ist eine enge, aber nicht immer einfache Beziehung – nicht erst seit der Kontroverse um Daniel Vasellas Bezüge. Im Interview mit der bz spricht Wirtschaftsdirektor Christoph Brutschin (SP) über die Bedeutung der Pharma für Basel.

Hans-Martin Jehrmann
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Weibelt in Bern für Anliegen der Basler Firmen: Christoph Brutschin.

Weibelt in Bern für Anliegen der Basler Firmen: Christoph Brutschin.

Nicole Nars-Zimmer

In einem Interview hat der abgetretene Novartis-Präsident Daniel Vasella betont: «Wiegt euch nicht in allzu grosser Sicherheit! Ein Hauptsitz kann transferiert werden, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen.» Ihr Kommentar?

Christoph Brutschin: Sie meinen, ob ich diese Äusserung als Druck oder Erpressung verstehe? Nein - und Herr Vasella rennt offene Türen ein. Einerseits brauchen wir unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen: Basel-Stadt bietet seinen Unternehmen überwiegend attraktive Rahmenbedingungen. Es ist eine Realität, dass Hauptsitze und Konzernfunktionen relativ einfach verschoben werden können, ob uns das passt oder nicht. Unsere Industriegeschichte, die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber Chemie und Pharma, die Bereitschaft, Veränderungen zuzulassen, haben der Industrie bis heute allerdings sehr viel ermöglicht. Das ist etwas wert und sollte nicht vergessen werden.

Wie wichtig sind Novartis und andere grosse Pharmafirmen für Basel?

Selbstverständlich ist die Bedeutung sehr gross: als Arbeitgeberin, Auftraggeberin für das Gewerbe, Steuerzahlerin, starke Partnerin in der Forschung, als Kraftzentrum, das die Stadt wirtschaftlich, gesellschaftlich und nicht zuletzt dank Daniel Vasella auch architektonisch stark prägt. Dasselbe gilt für Roche und immer stärker für Syngenta. Solche Unternehmen in Basel zu haben, ist und bleibt ein Privileg. Die Life-Sciences-Industrie hat einen Anteil von 29,7 Prozent an der Wertschöpfung im Stadtkanton. Hinzu kommen 5 Prozent der Chemischen Industrie. In beiden Basel beträgt der Anteil 22,5 Prozent (Life-Sciences) und 5 Prozent (Chemie).

Mit anderen Worten: Das viel zitierte Klumpenrisiko ist hoch ...

Das ist relativ: Der Wertschöpfungsanteil der Finanzindustrie ist in Zürich höher als in Basel der Anteil der Life Sciences. Die Maschinen- und Werkzeugindustrie in der Ostschweiz sowie die Uhrenindustrie im Neuenburger Jura sind punkto Wertschöpfungsanteil mit der Situation in Basel vergleichbar. Wechseln wir einmal die Perspektive. In Deutschland wäre die Schweiz das fünftgrösste Bundesland: wirtschaftlich mit regionalen Schwerpunkten, insgesamt aber hervorragend diversifiziert.

Welche Folgen hätte eine Verlegung des Novartis-Hauptsitzes für Basel?

Spüren würden wir dies zuerst bei den Steuereinnahmen, später bei hochwertigen Stellen, weil wohl weitere Managementfunktionen folgen würden. Mittelfristig drohte auch der Verlust von wichtigen Teilen der Forschung. Die Schweiz muss Sorge tragen zu den Hauptsitzen der Unternehmen; wiederum nicht nur bei Novartis, sondern auch bei ausserhalb der Region domizilierten und international ausgerichteten Unternehmen. Man sollte einen möglichen Verlust allerdings auch nicht dramatischer darstellen als nötig. Ein Beispiel ist Bochum: Nokia verlässt die Stadt, Opel will dichtmachen. Dort ist man daran, neue Standbeine aufzubauen. Dies offenbar mit ersten Erfolgen.

Wie hoch wäre der finanzielle Verlust für den Kanton Basel-Stadt?

Details kann ich nicht nennen. Die Life-Sciences-Industrie trägt einen nicht unbedeutenden Teil zu den kantonalen Ertragssteuern von knapp 600 Millionen Franken bei. Ein Wegfall dieser Einnahmen wäre ein gravierendes, aber unmittelbar nicht existenzielles Problem für den Kanton. Das Problem stellt sich mittelfristig: Welche Folgen hätte der Wegfall nachgelagerter Betriebe?

In den Geschäftsleitungen, im Verwaltungsrat und im Aktionariat der grossen Pharmafirmen schwindet der Basler Einfluss. Stellt das auf Dauer ein Problem dar?

Das ist eine globale Entwicklung, die man gut oder schlecht finden kann. Ich sehe dies auch als Chance: Es gelangen dadurch neue Ideen in die Stadt. Für die Basler Regierung ist die Aufgabe natürlich anspruchsvoller, der Erklärungsbedarf gegenüber den Geschäftsleitungen dieser Firmen ist manchmal grösser. Bei einigen dieser Unternehmen befinden sich grosse Aktienpakete im Ausland. Diese Internationalität bildet sich auch im Management ab. Ich glaube aber nicht, dass der Kanton deswegen einen schlechteren Zugang zu diesen Firmen hat. Der einzige Unterschied ist die Sprache: Einige Treffen werden auf Deutsch, andere auf Englisch abgehalten.

Wie intensiv ist der Kontakt zu den Spitzen von Novartis und Roche?

Es gibt jedes Jahr ein institutionalisiertes Treffen der Gesamtregierung mit den Geschäftsleitungen dieser Firmen. In manchen Jahren bleibt es dabei, in anderen Jahren ist der Kontakt intensiver, so letztmals im Zusammenhang mit einer Stellenreduktion bei Novartis. Wichtige Ansprechpartner sind dabei immer auch die jeweiligen Standortleiter.

Was bietet Basel der Novartis und den anderen Pharma-Firmen?

In den regelmässigen Gesprächen mit den Firmen erhält der Kanton überwiegend gute bis sehr gute Noten. Stichworte: Arbeitsbewilligungen, politische und gesellschaftliche Offenheit und Toleranz, fiskalisches Umfeld, Infrastruktur, Baugenehmigungsverfahren, Einsatz für innovationsfreundliche Bedingungen auf Bundesebene sowie Lebensqualität in der trinationalen Region. Wir bieten also eine ganze Menge.

Wie kann der Kanton die Rahmenbedingungen verbessern?

Vorrangig ist eine Lösung im Steuerstreit mit der EU. Sie kritisiert unter anderem die geltende Besteuerung von gemischten Gesellschaften in der Schweiz. Meine Kollegin, Finanzdirektorin Eva Herzog, und die gesamte Regierung schenken diesem Thema grosse Beachtung. Der Steuersatz für Unternehmen ist in Basel im internationalen Vergleich attraktiv, innerhalb der Schweiz jedoch eher hoch. Daneben sehe ich es als eine wichtige Aufgabe von uns, in Bern Verständnis zu wecken für die Bedürfnisse der Basler Firmen - etwa bei der Kontingentierung von Arbeitsbewilligungen für Drittstaatenangehörige. Es gibt keine andere Schweizer Region, deren Leitindustrie derart exportorientiert ist. Wir müssen dafür sorgen, dass es keine industriefeindlichen Regulierungen gibt. Als Beispiel dienen Medikamentenzulassung und -preise.

In der Region leben immer mehr Expats - viele von ihnen sind Mitarbeitende der Pharmafirmen. Die Expats beleben die Stadt. Gleichzeitig nehmen im Volk die Ängste zu, etwa vor höheren Wohnungsmieten.

Die Bedeutung der Expats wird in der aktuellen Debatte überschätzt. Bloss knapp 10 Prozent der Beschäftigten in Basel-Stadt sind in der Life-Sciences-Branche tätig. Dass der Wertschöpfungsanteil viel höher ist, zeigt, wie produktiv die Branche ist. Gewiss hat die Zahl der Expats in Basel zugenommen. Im Vergleich zu Zürich, wo in den letzten zehn Jahren Tausende Deutsche zugezogen sind, bewegt sich die Zuwanderung von hoch qualifizierten Ausländern bei uns auf bescheidenerem Niveau. Viele Expats leben zudem im grenznahen Ausland, vor allem im Elsass. In unserer Region bewegen sich die Wohnungsmieten nach wie vor auf einem erträglichen Niveau. Wir müssen ein Auge darauf halten, dass dies so bleibt.

Sie befinden sich im Dilemma: Als Wirtschaftsdirektor sind Sie für gute Rahmenbedingungen für Novartis und Co. zuständig. In Ihrer eigenen Partei sind diese Firmen aber nicht gerade beliebt.

Ich versuche, einen Beitrag zu leisten, um wirtschaftliche Tätigkeiten hier in der Region zu ermöglichen. Die Frage ist, wie wir die Ergebnisse von wirtschaftlichem Handeln verteilen, und da teile ich die Überzeugungen meiner Partei. Eine wirtschaftliche Tätigkeit per se infrage zu stellen, halte ich hingegen für wenig sinnvoll. Wenn man sich um die Verteilung eines Kuchens streiten will, dann darf man zuvor nicht den Backofen zerstören.