Unsere kleine Stadt
Wie Heidi Mück Baschi Dürr abwählte

Der in Liestal aufgewachsene, in Basel lebende Autor ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
Daniel Wiener
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Der Erdrutsch zu Gunsten von Keller kam fast ausschliesslich durch eine massive Fahnenflucht der traditionellen SP-Wählerschaft zu Stande. Diese liess Heidi Mück im Regen stehen und sorgte im Gegenzug dafür, dass Keller Dürr überflügelte.

Der Erdrutsch zu Gunsten von Keller kam fast ausschliesslich durch eine massive Fahnenflucht der traditionellen SP-Wählerschaft zu Stande. Diese liess Heidi Mück im Regen stehen und sorgte im Gegenzug dafür, dass Keller Dürr überflügelte.

Nicole Nars-Zimmer

Ein kaum beachtetes, aber äusserst erstaunliches Resultat des zweiten Regierungsrats-Wahlgangs in Basel-Stadt ist das Abschneiden von Esther Keller bei der Wahl ins Regierungspräsidium. Die Grünliberale, die jetzt Baudirektorin wird, war eigentlich als Kandidatin für das Präsidialdepartement angetreten. Dafür erhielt sie im zweiten Wahlgang jedoch nur 7'728 Stimmen! Als Regierungsrätin verbuchte sie hingegen vier Mal mehr Stimmen, nämlich 28'710.

Dieses seltsame Verdikt des Volkes lässt tief blicken, besonders in die Seele der SP-Wählerinnen und -Wähler. Ein paar Fakten: Bei der Präsidiumswahl entschieden sich 24'511 Personen oder 44% für den Linken Beat Jans. 21'143 Personen oder 38% wählten rechts, also Stephanie Eymann. Die Mittekandidatin Esther Keller kam auf 14%. Die restlichen 4% entfielen auf Splittergruppen. Noch selten hat ein Wahlgang die Mehrheitsverhältnisse im Kanton so plakativ und transparent abgebildet.

Noch spannender wird das Resultat unter Berücksichtigung des parallelen, zweiten Wahlgangs für den Regierungsrat. Das Spitzenresultat machte hier Stephanie Eymann mit fast 32'000 Stimmen. Zwei Drittel ihrer Fans, nämlich rund 21'000 kreuzten sie auch als Präsidentin an. Ohne das «last minute» Eingreifen von Beat Jans, der sie um gut 3000 Stimmen überrundete, hätte Eymann ihren Traumjob ergattert: Sie wäre im Präsidial- und nicht im Polizeidepartement gelandet.

Doch wer sind die rund 19'000 Wählerinnen und Wähler, die Esther Keller bei ihrer erfolgreichen Regierungsratskandidatur unterstützten, sie aber nicht zur Präsidentin küren wollten? Aus dem bürgerlichen Lager kamen sie nur vereinzelt. Dessen eiserne Disziplin dokumentieren der Eymann’sche Triumph und das sehr anständige Resultat von Baschi Dürr.

Der Erdrutsch zu Gunsten von Keller kam fast ausschliesslich durch eine massive Fahnenflucht der traditionellen SP-Wählerschaft zu Stande. Diese liess Heidi Mück im Regen stehen und sorgte im Gegenzug dafür, dass Keller Dürr überflügelte. So totalisierte Heidi Mück gerundete 21'000 Stimmen, etwa 6'000 weniger als Dürr und 7'500 weniger als Keller. Mücks klar linke Positionen und ihr kämpferischer Stil missfielen offenbar einer grossen Zahl von sozialdemokratisch Wählenden. Pikant ist die Vorstellung, was passiert wäre, wenn anstelle einer Basta-Politikerin eine gemässigte Grüne ins Rennen gestiegen wäre: Die Zahl der abtrünnigen Linken wäre zweifellos geschrumpft, was eine Verlagerung von Grünliberal Richtung Grün zur Folge gehabt hätte. Schon mit acht Prozent (oder 1'500) Stimmen weniger, hätte Keller gegen Dürr den Kürzeren gezogen, ohne dass die Grüne Kandidatin gewählt worden wäre.

So verfehlte die Rechte äusserst knapp eine Regierungsmehrheit, vielleicht gar wegen ihrer heftigen Kampagne gegen Mück. Gleichzeitig revanchierte sich Mück – ohne selbst zu reüssieren – für ihre Niederlage gegen Dürr im zweiten Wahlgang von 2016. Es war paradoxerweise ihre pointierte Kandidatur, die gemässigt Linkswählende in Scharen zu Esther Keller trieb und damit ein Waterloo von Links-Grün verhinderte. Ihrem Kandidatenmangel haben die Grünen zu verdanken, dass die Mehrheit der Regierung, wenn auch nicht mehr klar links, so doch unvermindert links-grün geblieben ist und nicht vollends nach rechts kippte.