Neugeborene bringen ihre Eltern jede Nacht um ihren Schlaf. Das ist normal. Bei vielen Kindern halten die Schwierigkeiten mit dem Schlaf allerdings mehrere Jahre an. Dies kann entwicklungsbedingt sein, oder aber neurologische, psychologische oder atmungsbedingte Ursachen haben. Ein Thema, dem sich Alexandre Datta, Spezialarzt Neurologie und Entwicklungspädiatrie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB), widmet. Am Informationsanlass von morgen will er nun besorgten Eltern aufzeigen, wie sie ihrem Kind bei Schlafproblemen helfen können.

Herr Datta, Sie widmen sich innerhalb der Schlafmedizin zwar den Kindern. Es klagen aber auch viele Erwachsene darüber, nicht gut schlafen zu können. Diese begründen den Umstand mit dem Vollmond. Wie viel geben Sie auf diesen Volksglauben?

Alexandre Datta: Bei Kindern ist die Mondsüchtigkeit selten ein Thema. Bei Erwachsenen übt der Vollmond möglicherweise einen Einfluss aus. Kann sein, dass sie während der Vollmondphase gereizter sind. Die Basis der Schlafmedizin baut aber auf die Faktoren der inneren Uhr und des Schlafdrucks auf, der sich über den Tag aufbaut und während der Erholung abnimmt. Zudem werden die Menschen von hell und dunkel sowie Aktivität und Nahrungsaufnahme beeinflusst.

Was antworten Sie Menschen, die vom Volksglauben überzeugt sind?

Ich sage Ihnen nicht, dass sie falsch liegen. Ich versuche, dem Schlafproblem auf den Grund zu gehen und zu lösen.

Gibt es einen physischen Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern, warum sie nicht schlafen können?

Der Schlaf entwickelt sich. Ein Neugeborenes hat keinen Schlaf-Rhythmus. Im Alter zwischen drei und sechs Monaten stellt sich der 24-Stunden-Rhythmus ein. In der Pubertät verschiebt sich der Schlafzyklus noch einmal. Die Jugendlichen reagieren stark auf Licht, was ihren Rhythmus beeinflusst.

In Ihrem Vortrag gehen Sie auf die neurologischen Aspekte ein, die Kinder um den Schlaf bringen. Was muss man sich darunter vorstellen?

Eine häufige neurologische Erklärung ist der Nachtschreck, der meist ab dem Alter von anderthalb Jahren auftritt. Er wird durch Wechsel vom Tief- in den Leitschlaf verursacht. Ein Kind in diesem Zustand weint, wimmert oder schlägt um sich, ohne wach zu sein. Eine im Vergleich seltenere Ursache sind nächtliche Anfälle im Rahmen einer Epilepsie. Es können auch Atemstörungen wie Atemaussetzer den Schlaf stören.

Gibt es psychische Einflüsse?

Bei Kleinkindern sind dies oft Regulationsstörungen, das Erlernen einer neuen Gewohnheit und Ablegen einer alten. Ab dem Vorschulalter kommen zudem Ängste, zum Beispiel vor Monstern, hinzu. Eine Depression kann auch ein Grund sein.

Wann müssen sich die Eltern sorgen?

Es kommt auf den Leidensdruck der Eltern an. Wenn sie in Kauf nehmen, dass sie nachts häufig geweckt werden, müssen sie nichts unternehmen. Wenn sie aber wochenlang nicht schlafen können, ist es empfehlenswert, wenn sie dies mit dem Kinderarzt besprechen.

Mit welchen Fragen eröffnen Sie bei einem Besuch Ihr Beratungsgespräch?

Wir klären die Schlafhygiene ab. Wie sieht das Bett aus, wird es tagsüber auch als Spielplatz benutzt oder ist es gar negativ besetzt. Hat das Kind genug Platz drin, ist es im Zimmer nicht zu warm? Die Regelmässigkeit des Zubettgehens sowie des Aufstehens ist wichtig. Überhaupt Rituale, die man abends mit dem Kind vornimmt. Eine Geschichte erzählen, singen.

Was können Sie als Arzt tun, wenn Sie ein auffälliges Verhalten nachts untersuchen wollen?

Wir verfügen hier im UKBB über ein Schlaflabor mit zwei Betten. Die Kinder kommen eine Nacht hierher und wir untersuchen ihr Schlafverhalten. Pro Monat übernachten neun bis zwölf Kinder mit ihren Eltern bei uns. Meistens ist nach einer Nacht klar, woran das Kind leidet.

Wie sieht ein Schlaftraining aus?

Die Eltern müssen dem Kind zum Beispiel lernen, dass sie nicht immer da sind, um das Kind in den Schlaf zu wiegen. Es muss lernen, alleine einzuschlafen. Die Eltern sollen das Kind nach dem Ritual ins Bett legen und rausgehen. Wenn es weint, wieder ins Kinderzimmer gehen, das Kind aber nicht aus dem Bett holen, sondern beruhigen und erneut hinausgehen. Mit der Zeit werden die Abstände des Rein- und Rausgehens kürzer. Ein solches Schlaftraining wird meist erst nach dem ersten Lebensjahr durchgeführt.

Würden Sie sagen, Schlafstörungen sind eine Folge unserer gesellschaftlichen Entwicklung?

Nein, Schlafstörungen hat es immer schon gegeben. Heute ist man bei diesem Thema sensibler, verschiedene Einflussfaktoren werden besser verstanden. Wenn es um Kinder geht, hat früher auch das Prinzip der Grossfamilie geholfen. Lasten konnten damals auf mehrere Familienmitglieder verteilt werden.

Informationsabend Wenn die Nacht zum Tag wird. Morgen, 19 bis 21 Uhr, Universitäts-Kinderspital, Spitalstrasse 33, Aula