Schön wars

Wie ich als 19-Jährige auf die Welt kam

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Unsere Praktikantin packt ihre Koffer und wendet sich neuen Abenteuern zu: «Schön wars!»

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Von Hasskommentaren, affektierten Formulierungen und supertollen Kolleginnen und Kollegen.

Eines Morgens bekam ich eine Mail. Der ältere Mann schilderte mir seine gesamte Lebensgeschichte, beschrieb, wie sein Vater ihn in der Jugend wegen der langen Haare fertig gemacht hatte und wie er selbst heute über jüngere Generationen denkt. «Ich verstehe Sie Frau Meier», schrieb er als Reaktion auf meinen Kommentar, der von der Generation Gap handelte. Da wurde mir zum ersten Mal in diesen zehn Monaten bewusst, wie sehr man sich als Journalistin in die Öffentlichkeit stellt. Nicht nur in Kommentargefässen. Auch in Reportagen, in denen man eine Situation aus seinen Augen wiedergibt. Oder in Porträts, die die eigene Sicht auf einen Menschen, sein Auftreten und seine Charaktereigenschaften beschreiben.

Über die Reaktion des Mannes freute ich mich. Schön, dass ich mit meinen Texten jemanden bewegen kann, dachte ich mir.

Die Reaktionen, die auf andere Texte folgten, waren anders. Mails, die ich mir durchlas, mich wie ein sehr schlechter und böser Mensch fühlte und erst mal kurz schlucken musste. Anrufe, die ich entgegennahm, zuerst cool bleiben wollte und dann doch an meinen Chef weiterleitete.
Vor meinem Praktikum konnte ich mir nicht vorstellen, was es bedeutet, seine Person in die Öffentlichkeit zu geben. Auch fiel es mir nicht ein, dass ein grosser Teil der journalistischen Arbeit daraus besteht, etwas zu schreiben, womit betroffene Leute nicht einverstanden sind.

Irgendwie lernte ich, damit umzugehen. Irgendwie auch nicht. Heute weiss ich, wenn Kritik gerechtfertigt ist und wenn nicht. Was ich noch nicht weiss, ist, ob ich in Zukunft damit umgehen könnte, Dinge zu schreiben, die anderen Leuten nicht in den Kram passen.

Affektierte Formulierungen

Auch in einem zweiten Bereich bin ich während der zehn Monate auf die Welt gekommen. Schreibstil. Ich kam mit der Vorstellung, nun äusserst kreative und lustige Geschichten zu verfassen. Schnell lernte ich zwei Dinge: Erstens, die Leserinnen und Leser einer regionalen Tageszeitung warten nicht auf grosse Prosa und berührende Gedichte, sondern auf Fakten.

Zweitens, um wirklich gute kreative Texte schreiben zu können, braucht es eine Menge Lebenserfahrung und einen ganz kleinen Teil an affektierten Formulierungen und Fremdwörtern. Deshalb passte ich meine Sprache an, liess Wörter wie «charmant» oder Sätze wie «seine Augen blitzten amüsiert» weg und nahm Wörter wie «pikant» oder «lancieren» in meinen Wortschatz auf.

Ja, ich musste viel lernen und bin noch lange nicht fertig damit. Ich danke, all meinen lieben Kolleginen und Kollegen, die sich immer Zeit nahmen, mit mir Texte zu besprechen oder über Sätze zu diskutieren. Schön wars mit euch!

Autor

Olivia Meier

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