Donnerstagabend, 15. November, Radio-SRF-Sendung Schnabelweid. Eine Anfrage aus dem Schwarzbubenland habe sie bekommen, erzählt die Moderatorin, von einer Dame aus Seewen. Diese will von der Mundartredaktion wissen, woher der Ausdruck «Zerläf» stamme. Ihre Grosseltern hätten ihr jeweils gesagt: «Rita, mach nid sone Zerläf». Gemeint sei damit eine Grimasse gewesen. Stammt der Ausdruck aus Seewen, oder aus dem Leimental?

Die Frage geht an Markus Gasser, SRF-Mundartexperte und Redaktor der Sendung Schnabelweid. «Nun», antwortet Gasser, «ich komme zwar aus dieser Region. Aber ich muss zugeben, ich kenne den Ausdruck nicht. Noch nie gehört.»

Eine Woche später, in der Kantine des Basler SRF-Studios auf dem Bruderholz. Wir treffen Markus Gasser zum Mittagessen. Er hat sich das vegetarische Menü bestellt und einen ruhigen Tisch ausgesucht. Noch immer fuchst es ihn, dass er dieses «Zerläf» nicht zu hundert Prozent einordnen konnte. «Das ist doch wirklich ärgerlich. Zumal ich doch im Schwarzbubenland aufgewachsen bin.»

So was passiert ihm selten: Gasser ist Sprachwissenschaftler und ein Profi darin, Wörter und Namen einzuordnen und Dialekte zu erkennen. Schon nach wenigen Sätzen errät der 51-Jährige die Herkunft der Journalistin. «Solothurn, habe ich recht?», fragt er. Stimmt. Und es überrascht. War ich doch immer der Meinung, keinen erkennbaren Dialekt zu haben. Und habe mich sogar ein bisschen geschämt dafür, in einem gefühlten Mischmasch zu reden.

«Ach», winkt Gasser meine Sorgen ab. «Einen reinen Dialekt gibt es überhaupt nicht, hat es nie gegeben.» Eigentlich sei der Ausdruck «reiner Dialekt» sowieso albern. «Was würde denn das Gegenteil bedeuten? Dass sie einen schmutzigen Dialekt reden?»

Ein Leben für die Dialekte

Und schon sind wir mittendrin im Thema: Dialekte. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Markus Gasser mit ihnen. Erst als Student und Forscher an der Universität Basel, jetzt als Redaktor der SRF-Sendung Schnabelweid. Einmal in der Woche wird die einstündige Sendung ausgestrahlt. Sie hat zum Ziel, über die Mundartkultur in der Deutschschweiz zu berichten und die Vielfalt der Dialekte aufzuzeigen. Auch Wissenschaftler kommen zu Wort und erzählen von den neusten Forschungen im Bereich Mundart.

Gasser macht seine Arbeit mit Leidenschaft. Seine Stimme wird schneller und er gestikuliert, wenn er von der Vielfalt der Dialekte in der Schweiz erzählt. «Abwechslung macht das Leben süss. Ich liebe es, die Schönheit der Sprache immer wieder neu zu entdecken.» Seine Arbeit sei ein persönlicher Glücksfall. «Das kann man gar nicht planen», so Gasser.

Planen vielleicht nicht. Aber hart verdienen. Schon als Kind beschäftigte sich Gasser mit den verschiedenen Dialekten. «Ich war immer begeistert von Mani Matter», erzählt er. «Seine Texte habe ich schon als Bub nachgesungen und so Berndeutsch gelernt.» Später studierte er an der Universität Basel Germanistik und Geschichte. Es war die ideale Grundlage für das Forschungsfeld, in das er später eher zufällig hineinschlitterte: die Flurnamenforschung.

Gasser besuchte an der Universität ein Seminar dazu, als ihn seine Heimatgemeinde Nunningen anfragte, ob er die Flurnamen in der Gemeinde aufarbeiten möchte. Gleichzeitig begann er unter der Leitung von einem seiner Professoren, im Solothurner Namenbuch mitzuarbeiten, in welchem sämtliche Orts- und Flurnamen des Kantons gesammelt und erklärt werden. Von diesem Moment an wurde er die Flurnamen nicht mehr los. «Ich wälzte wochenlang Bücher und historische Akten im Basler Staatsarchiv», erinnert er sich. «Ich hatte eine richtige Staublunge.» Seinem ehemaligen Professor Rolf Kully war Gasser schon früh aufgefallen: «Er war ein flinker, gescheiter und tüchtiger Student. Ausserdem hat er sehr präzise und gut formuliert», so Kully.

Als Ausgleich zur Arbeit im staubigen Archiv spazierte Gasser jeweils mit ortskundigen Informanten durch das Schwarzbubenland und sammelte so weitere Informationen zu den Namen in den Schwarzbuben-Gemeinden. Die Arbeit machte ihm Spass. Ihn faszinierte, wie viele verschiedene Gebiete er in seinen Forschungen verknüpfen konnte. «Flurnamen sind ein historischer Schatz. Wer sie kennt, der weiss viel über die Kultur und die lokale Geschichte eines Ortes.»

Viele Jahre blieb er dem Gebiet treu. Unter anderem arbeitete er am Band Schwarzbubenland des Solothurner Namenbuchs mit und war einer der Autoren des «Neuen Baseldeutsch Wörterbuch». Gleichzeitig unterrichtete er an der Universität Basel. Aber obwohl er viele Jahre als Wissenschaftler arbeitete: Eine wissenschaftliche Karriere reizte ihn nicht. «Da muss man schon sehr die Ellbogen ausfahren. Irgendwie war das nicht so mein Ding.»

Aus heiterem Himmel

Und dann plötzlich war er da, der Glücksfall. Und zwar in Form einer E-Mail, die in Gassers Posteingang erschien. «Lieber Herr Gasser», stand darin, «wollen Sie mein Nachfolger werden?» Geschrieben hatte die Mail Christian Schmid, der die SRF-Sendung Schnabelweid im Jahr 1991 gestartet hatte. Auf der Suche nach seinem Nachfolger schrieb Schmid mögliche Kandidaten in der ganzen Schweiz an, unter anderem auch Gasser. Der realisierte zuerst gar nicht, was diese Nachricht bedeutete. «Ich war gerade in der Schlussphase eines Projekts und steckte bis zum Hals in Arbeit», erinnert er sich und lacht. «Ich schrieb, dass ich zuerst zwei Nächte Bedenkzeit brauche.»

Als er Freunden und Familie von dem Angebot erzählte, waren diese sofort begeistert. Er zögerte aber noch – bis zu einem Besuch bei seiner Schwester. Ohne von Gassers Möglichkeit zu wissen, erzählte ihm sein Schwager, er habe kürzlich die Schnabelweid gehört und gedacht: «Das wär doch o öppis für dii!» Gasser war perplex. «So einen Zufall gibt es doch eigentlich gar nicht», ist er bis heute überzeugt. Aber es gab mitunter den Ausschlag dafür, dass er sich für die Stelle bewarb.

Kein Ende in Sicht

Auch wenn er die Sendung Schnabelweid nun schon seit sechs Jahren produziert, gehen ihm die Themen nicht aus. Er bekommt immer neue Inputs, etwa aus der Literaturszene. Dort habe die Mundart in den letzten zwei Jahrzehnten wieder an Bedeutung gewonnen: Bis in die 90er-Jahre war Mundart vor allem die Sprache von Erinnerungsromanen. Neue Kunstformen wie Poetry Slam oder Rap holten die Mundart schliesslich wieder aus der verstaubten Ecke.

Gasser gefällt es gut, wie lebendig in der Schweiz über die Mundart diskutiert wird. «Dialekte sind doch wie Fussball: Jeder ist ein Experte und hat eine Meinung dazu.» Er findet es auch spannend, wie sich Dialekte verändern. Beispielsweise gebe es heute immer mehr Leute, die einen gemischten Dialekt reden. Eine Konsequenz davon, dass Menschen mobiler sind und mehr Kontakte in andere Gebiete haben. Schlimm findet er das nicht. «Sprache verändert sich nun mal. Ohne Sprachwandel würden die Franzosen noch auf Latein kommunizieren und wir auf Althochdeutsch.»

In neuen Begriffen aus dem Englischen, die in die Alltagssprache einfliessen, sieht er keine Gefahr. «Diese ergänzen unseren Wortschatz, und verdrängen keine Wörter.» Ausserdem seien viele Begriffe aus dem Englischen Modewörter, die in einigen Jahren wieder verschwinden. «Momentan ist bei Jugendlichen das englische «dude» aktuell. «Wenn der Trend vorbei ist, sagt das keiner mehr», ist er überzeugt. Die einzige Diskussion, die er nicht mag, ist diejenige, ob ein Dialekt schön sei oder nicht. «Das ist Quatsch. Es gibt keine objektiven Kriterien, um das zu beurteilen. Also ist jeder Dialekt schön.»