Schiffsunglück
Wie konnte es überhaupt zur verhängnisvollen Kollision kommen?

Die gekenterte «Merlin» dürfte noch eine Weile im Rhein liegen bleiben – viele Fragen sind offen. Laut Experten hätte es zu diesem Unfall gar nicht kommen sollen.

Moritz Kaufmann und Eva Wieser
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Strahlt etwas Unheimliches aus: Die «Merlin» die am Montagmorgen gekentert war und dann mit der «Olympia» kollidierte.

Strahlt etwas Unheimliches aus: Die «Merlin» die am Montagmorgen gekentert war und dann mit der «Olympia» kollidierte.

Martin Töngi

Es hätte viel Schlimmeres passieren können, davon ist Nautik-Experte René Schneider überzeugt. Nach dem Schiffsunglück bleibt für den Basler Bootsschulbesitzer rätselhaft, wie es zum Unfall kommen konnte: «Was passiert ist und vor allem weshalb es zum Kentern und zur Kollision kam, ist in meinen Augen völlig unklar.» Klar ist für Schneider einzig: «Wenn alles funktioniert hätte, wäre es nicht zu diesem Unglück gekommen.»

Ob menschliches Versagen oder ein technischer Defekt zur verheerenden Situation geführt habe, könne zurzeit niemand einschätzen. Dass der hohe Wasserstand Ursache für den Unfall war, sei jedoch unwahrscheinlich. «Das Hochwasser ist für Profis nicht bedrohlich. Sie wissen, welche Vorsichtsmassnahmen einzuhalten sind», sagt Schneider.

Der Rhein habe eine eigene Dynamik. Doch wer die Bewilligung hat, in Basel ein Schiff zu führen, sei damit vertraut. «Der Sicherheitsstandard in Basel hat ein hohes Level erreicht, darum kommt es in Basel äusserst selten zu Unfällen.» Die Auswirkungen des Unglücks konnte Schneider am Dienstag von seinem Boot aus beobachten: «Sechs Schiffe mussten im Hafen von Birsfelden anlegen und auf die Weiterfahrt warten, einen derartigen Stau gibt es sonst nie.»

«Olympia» unterwegs nach Köln

Am Dienstagnachmittag konnte die Schifffahrt wieder freigegeben werden. Dies, nachdem der Bagger, der sich auf der gekenterten «Merlin» befand, hatte unter dem Schiff lokalisiert werden können. Dort stellt er keine Gefahr für die Schifffahrt dar. Allerdings ist erst eine von zwei Fahrrinnen befahrbar. Das heisst, dass die Schiffe eines nach dem anderen und per Funk gesteuert an der Unfallstelle vorbei fahren müssen.

Die Besitzerin des Personenschiffs «Olympia», welches mit dem Kiesschiff «Merlin» kollidierte, ist die in Basel ansässige Passagierschiff-Management-Firma Fleet-Pro. Sprecher Daniel Buchmüller spricht von «Glück im Unglück», dass nicht mehr passiert sei. Untersuchungen haben gezeigt, dass die «Olympia» mit einem «Kasko-Schaden» davongekommen ist. Das Schiff ist jetzt planmässig unterwegs in Zielhafen in Köln. Dort werde das Schiff in der Werft repariert.

Das Baggerschiff «Merlin» kenterte. Nun sind Schlepper eingetroffen und das Schiff wurde gesichert.
14 Bilder
Havarie auf dem Rhein
Aus dem gekenterten Schiff läuft Dieselöl aus.
Schlepper sind auf dem Weg zum Kiesschiff.
Vom Kiesschiff ist nur noch der Kiel sichtbar.
Noch ist unklar, wie viel Treibstoff aus dem gekenterten Schiff austritt.
Die Passagiere des Personenschiffs «Olympia» werden evakuiert.
Rettungskräfte sind vor Ort.
Unzählige Rettungskräfte waren im Einsatz.
Zum Glück gab es keine Verletzten. Die Sanität war trotzdem vor Ort.
Die Passagiere blieben unverletzt und sind wieder auf das Schiff zurückgekehrt. Ob es weiterfahren kann, ist noch unklar.
Das Kiesschiff «Merlin» liegt noch immer im Wasser. Der «Vogel Gryff» wird versuchen, es abzuschleppen.
Ob die Schifffahrt gesperrt werden muss, ist noch unklar. Man kann allerdings davon ausgehen.
Sanität, Polizei, Feuerwehr, Zoll und Grenzwache sind vor Ort.

Das Baggerschiff «Merlin» kenterte. Nun sind Schlepper eingetroffen und das Schiff wurde gesichert.

Kenneth Nars

Wie es zum Zusammenstoss kommen konnte, kann Buchmüller nicht sagen. «Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände», sagt er. Nun warte man den offiziellen Bericht ab. Derzeit untersucht die Polizei den Vorfall. Noch unklar ist, ob sich auch die Staatsanwaltschaft einschaltet.

«Merlin» fest im Rhein verkeilt

Solange keine Ermittlungsergebnisse vorliegen, kann über den Unfallhergang nur spekuliert werden. «Jetzt schon Urteile zu fällen, ist unmöglich, ohne jemandem etwas Unrechtes zu unterstellen», sagt Schifffahrtsexperte Schneider. Als er das Video des Unfalls sah, habe er sich sofort gefragt, wieso der Schiffsführer des Hotelschiffes «Olympia» nicht anders reagiert habe. Doch genau hier liege die Gefahr: «Erst wenn wir wissen, welche Probleme es gab, kann das Verhalten der beteiligten Personen beurteilt werden», sagt Schneider.

Versicherungstechnisch sei die Frage nach der Verantwortlichkeit ebenfalls relevant: «Wenn niemand fahrlässig handelte, wird die Versicherung für die Schäden aufkommen müssen.» Diese seien bestimmt relativ klein, wenn man sich überlege, was alles hätte passieren können. Schneider: «Es ist erstaunlich und erfreulich, dass bei einem Unfall dieses Ausmasses niemand verletzt wurde.»

Wie ein Mahnmal liegt derweil das Baggerschiff «Merlin» beim Kleinhüninger Hafen im Rhein. Es wurde so verkeilt, dass es nicht abdriften kann. Wann es abtransportiert wird, konnte Marina Kvrgic, Sprecherin der Rheinhäfen, nicht sagen. Derzeit laufen Gespräche mit der Eigentümerfirma des Schiffs. Diese Woche wird die «Merlin» aber sicher noch kieloben ihr trauriges Dasein fristen. Sozusagen als Mahnmal für das, was am Montag hätte passieren können.