«Hyylgschichte» sind nicht zum Lachen. Der 2003 verstorbene Schriftsteller Hans Räber hatte unter dem Namen «Meier III» zahlreiche dieser traurigen Fasnachtsgeschichten publiziert. Inzwischen führt Fasnächtler und Grossrat André Auderset diese Tradition weiter. «Der Fasnächtler muss sich in den Geschichten wiederfinden und sagen können: Das hätte mir auch passieren können.»

Zwei Drittel seiner Geschichten seien wahr, die habe er «irgendwo aufgelesen», sagt Auderset. So manches Taschentuch bleibt beim Lesen nicht trocken. Trotzdem: Es gäbe melancholischere Elemente an der Fasnacht als die «Hyylgschichte», eine ganze Menge.

Februar, 1940. «Das Wetter wäre jetzt so schön dafür», sagt die Kioskfrau, während sie Schlagzeilen über Bomben und Flucht an den Mann bringt. Es gefällt den Baslern nicht, doch die Strassenfasnacht ist während des Krieges verboten. Der Lokalpresse bleibt nichts anderes übrig, als sich vor allem mit der grossen Welt zu beschäftigen – auch an den Tagen, an denen der Kalender für die kleine Welt eigentlich Morgestraich und Cortège vorgesehen hatte.

«Wenn die Welt in einem normalen Zustand sich befände, wäre in Basel Fasnacht», ruft die «National-Zeitung» ihren Lesern in Erinnerung. Als hätten diese nicht selbst bemerkt, «dass viele wunderbare Sujets unausgewertet bleiben müssen».

Die Zeitung wünscht sich mehr fasnächtlichen Geist für die Lokalpolitik, um auch in den Kriegsjahren nicht ohne Sujets auskommen zu müssen: «Wir meinen jenen Geist, der auch ernsten Dingen eine versöhnliche komische Seite abzugewinnen versucht», erklärt das Blatt.

Die Fasnacht ist nie eine Party

Diese Verschmelzung von Ernsthaftigkeit und Witz macht die Basler Fasnacht aus. Wobei die Tragödie nie zur Komödie verkommt, sondern ihren Kern bewahrt, selbst wenn Ernstes lustig wird. Dieser Kern zieht sich durch alles, was mit der Fasnacht zu tun hat. Und er hat einen Namen: Melancholie.

Lörrach, vor einer Woche. Wer hat die verrückteste Gesichtsbemalung? Wer die knalligste Perücke? Fischschuppen finden sich in den Gesichtern, Zebrastreifen, Galaxien. Die Stimmung ist ausgelassen, die Sonne scheint. Vor den Bühnen stehen sich die Zuschauer auf den Füssen herum. Sie schaukeln zu den Guggenformationen, die «Hier kommt Alex» von den «Toten Hosen» posaunen und «Giggerig» von Polo Hofer pauken. Die Strassenfasnacht hier ist eine Party. Die Heiterkeit erinnert an den 31. Juli am Basler Rheinufer, wenn sich das Publikum zu Wurst und Bier einfindet und auf das Feuerwerk wartet. Die ernste Wirklichkeit hat da keinen Platz.

Richtig verkleidet oder gar nicht

Ja, auch der Basler kann Party machen. Die ständigen FCB-Meisterfeiern sind der Beweis. Die Basler Fasnacht aber ist nie eine Party. Sie ist nie ein Fest, bei dem der Frohsinn dominiert, Ausgelassenheit Pflicht ist, das Feiern im Zentrum steht. Zumindest während der Darbietungen nicht. Gründe dafür gibt es viele. Einer ist die Aufteilung in Aktive und Passive. Die Gruppen verschmelzen nie, so will es die Tradition.

Felix Rudolf von Rohr ist ein redseliger Mensch. Er kennt auf jede Frage zur Fasnacht eine Antwort. Der ehemalige Obmann des Comités hat sich in Basel zum Fachmann schlechthin entwickelt. Er berät Studenten, die Arbeiten zum Thema verfassen, gibt Interviews zur Fasnachtsgeschichte, weibelt im Hintergrund, ist selber aktiv. Doch diese eine Frage bringt ihn ins Grübeln.

Warum ist es in Basel verpönt, auch als Zuschauer ein bisschen fasnächtlich daherzukommen? Warum geht in Basel nicht, was am Kölner Karneval üblich ist? Dass jeder, der dabei ist, auch optisch Teil des Geschehens ist und ein Spielverderber, wer Zivilist bleibt?

In Basel ist es umgekehrt. Hier ist ein Spielverderber, wer sich nicht klar einordnen lässt als Aktiver oder Passiver. Ein Verräter gar, wer das Gesicht anmalt. «Die Anonymität ist enorm wichtig, wer kostümiert ist, darf nicht erkannt werden», sagt Felix Rudolf von Rohr. Früher hätten Aktive während der Fasnacht niemals Alltagsschuhe getragen, keiner hätte je ohne Handschuhe gepfiffen.

«Auch ich nehme an der Fasnacht den Ehering ab», sagt er. Nur, wer sich ganz verkleidet, ist ein Fasnächtler. Es reicht nicht, eine Pappnase aufzusetzen wie in Köln. Hier ist es nicht das Ziel, «sich lustig zu machen».

Der Passive ist Zuschauer. Die Narren führen ein Stück auf, das Publikum ist begeistert. Wie im Theater. Die Cliquen spielen ein Sujet aus und ernten Bewunderung. Es geht um mehr als ums Feiern, dafür sind die Vorbereitungen zu intensiv. Die Fasnacht umfasst sämtliche künstlerische Disziplinen. Musik, bildende Kunst, Poesie, Literatur, Objektkunst.

Das ganze Jahr arbeiten Fasnächtler auf den grossen Moment hin, den Moment, der drei Tage dauert. Das Resultat ist eine einzige Parodie auf wahre Begebenheiten, eine Auseinandersetzung mit dem vergangenen Jahr, spielerisch, aber stets basierend auf Wahrem und darum nie nur lustig.

Die Wirklichkeit bekommt den Spiegel vorgehalten. Eine Wirklichkeit, die nur Spass macht, gibt es nur im Märchen. Guggenmusiken bringen mit ihren Rhythmen Leichtigkeit ins Geschehen. Sie gehören längst dazu. Tambouren und Pfeifer mit ihren Märschen bleiben aber das musikalische Herz.

Ohne Lust und Ausschweifungen

An der Lörracher Fasnacht treten keine Tambouren und Pfeifer auf. Vieles haben die badischen Nachbarn von Basel übernommen, sie tragen beispielsweise Schnitzelbänke vor, und dabei geht es dann durchaus ernst zu und her. Diese Ernsthaftigkeit schafft es nicht bis in die Gassen. Das wäre anders, würden sich die Guggenmusiken auch dort mit Trommel- und Pfeifergruppen vermischen. Polo Hofer wäre weiterhin «giggerig», müsste dieses Gefühl aber mit Düsterem teilen. Seine frohen Klänge würden durchbrochen von Märschen, die Söldner einst in den Krieg führten.

«Nur wenige dieser Männer kehrten zurück. Diese Trauer spürt man in den alten Schweizer Märschen», sagt Kolumnist und Fasnächtler Minu. Er glaubt aber, die Grundmelancholie an der Basler Fasnacht hänge vor allem mit deren protestantischem Ursprung zusammen: «Eine protestantische Fasnacht ist eine Fasnacht ohne Lust und Ausschweifungen, eine strenge Fasnacht – ohne nacktes Fleisch», sagt er.

Diese Ernsthaftigkeit legitimiert eine Fasnacht – mit Ausnahme des Zweiten Weltkrieges – auch, wenn die Welt aus den Fugen ist. «Gerade in schweren Zeiten braucht es den Hofnarren», sagt Felix Rudolf von Rohr. Und zitiert einen bekannten Fasnachtssatz: «Die beschti Waffe gege d’Macht, isch wenn me offe drüber lacht.»

Das sah man während des Golfkriegs 1991 in den Fasnachtsstädten entlang des Rheins anders: Mainz, Köln, Lörrach – überall wurde die Fasnacht abgesagt, es gab keine Partys, niemand malte sich Herzchen auf die Wange oder setzte sich eine rote Pappnase auf.

Nur Basel zog die Fasnacht nach heftigen Diskussionen durch. Der damalige «BaZ»-Chefredaktor Hans-Peter Platz fragte danach, was nun anders gewesen sei. «Klangen die Piccolos molliger, die Trommeln dunkler und das Gelächter verhaltener?» Wer sich trotz Krieg an der Fasnacht freute, sei kein Unmensch, sondern «ein Normalmensch, mit individuellen Verhaltensweisen».

Tränen fliessen erst am Schluss

Diese Individualität wird oft hinterfragt. Militärisch mute es an, wenn die Cliquen im Gleichschritt und mit demselben Kostüm daherkämen. Viel Individualität hat da nicht Platz. Oh doch, widerspricht einer, der es wissen muss. Laurent Gröflin ist Fasnächtler und als Regisseur für die grösste Vorfasnachtsveranstaltung, das Drummeli, verantwortlich. «So sehr die Fasnacht ein kollektiver Anlass scheint, so ist doch jeder allein unter seiner Larve, allein unter vielen.» Gröflin glaubt, dass ein Teil der fasnächtlichen Melancholie aus diesem Gegensatz entsteht.

Und wahrlich: Unter der Larve zu lächeln, ist vergebliche Liebesmüh. Mit einem bemalten Gesicht an einer Party ziemt es sich dagegen nicht, einen «Lätsch» zu ziehen.
Das schwermütigste Element, da sind sich alle Fasnächtler einig, ist aber ein anderes: «Für mich sind es die Wischmaschinen am Donnerstagmorgen», sagt André Auderset – und hat Laurent Gröflin auf seiner Seite: «An der Fasnacht ist einem der Lauf der Zeit so bewusst wie selten.»

Fasnachtsmusik-Komponist Beery Batschelet drückt es so aus: «Echte Melancholie zeigt sich besonders kurz vor und nach dem Ändstraich. Da fliessen manche Tränen nach den letzten Takten der obligaten Tagwacht – gerade auch, wenn das Publikum ‹Bravo!› grölt.» Und es still wird.