Porträt

Wie Noah Vetsch vom Ultra-Katholik zum Pirat wurde

Der Theologe Noah Vetsch in der Predigerkirche mit der Verkündungsszene im Hintergrund. Martin Töngi

Der Theologe Noah Vetsch in der Predigerkirche mit der Verkündungsszene im Hintergrund. Martin Töngi

Noah Vetsch ging in die harte Priesterschule in Rom, besuchte Klöster, wollte Priester werden. Und bekam immer mehr Zweifel. Heute ist er als Sommelier tätig. Für ihn kein Widerspruch.

«Bravo! Montecucco! Grossartig!» Mensch, diese Masche, denken wir uns. Verteilt Lob an den Kunden. Und an den Wein. Und an die Speisen, die dazu passen. «Richtig! Rosé Champagner zu Fondue… unglaublich!»

Noah Vetsch strahlt. Die Begeisterung des Sommeliers ist echt. Er macht unübliche Witze, Instant Jokes, in der Art von «Zwei Jäger treffen sich. Beide tot.» Irgendwie zu geistreich für einen Weinverkäufer im Sousol eines grossen Warenhauses. Nach zwei Minuten fröhlicher Fachsimpelei über Nase, Abgang, Veilchen, nasse Hunde und Schlimmeres nimmt das Gespräch eine überraschende Wende. Ob er ein Theatermann sei? «Nein. Ich bin Theologe. Im Prinzip bin ich arbeitslos. Eine schwierige Geschichte, ein vergorener Abgang, sozusagen. Und jetzt habe ich diesen Gelegenheitsjob, der mir ausserordentlich gefällt.» Und sein Weinwissen? «Ja wissen Sie, in Rom und im Vatikan hat man schon eine Ahnung von Hedonismus.»

Im Priesterseminar in Rom

Vatikan? «Ich war drei Jahre im Priesterseminar, nicht direkt im Vatikan. Im Pontificum Collegium Germanicum et Hungaricum de Urbe, wie die Bezeichnung exakt lautet. Und zuvor war ich in Fribourg bei den Dominikanern.»

Später erzählt er uns seine Geschichte. «Mit 14 bin ich eines Morgens aufgewacht. Ich wusste, ich will Priester werden.» Noah Vetsch, der bis elf in Basel zur Schule ging, später in St. Gallen, verfolgt sein Ziel gradlinig. Er weilt einige Zeit im Kapuzinerkloster Schwyz und ist dort auf der Suche nach spiritueller Gemeinschaft. «Mir gefielen diese Strenge und das spartanische Leben, das Essen aus dem Blechteller.» Nach fünf Jahren ordensinterner Schule machte er die Matur und war anschliessend an der Uni Freiburg. Dort fiel er bald durch seine Leistungen und seine intellektuelle Brillanz auf, sodass er auf Empfehlung der Uni in das Priesterseminar in Rom eintreten durfte.

«Ein grosses Privileg. In meinem Eifer machte ich ein Volontariat beim Radio Vatikan. Ich musste dort aus dem Off die Reisen des damaligen Papstes Benedikt XVI. kommentieren, oder je nach dem Messen oder Audienzen von Italienisch, Latein oder Französisch auf Deutsch übersetzen. Ich war mittendrin. Und zu Beginn war es unglaublich aufregend. Zu meinem Arbeitsplatz ging es an der Schweizer Garde vorbei, die immer freundlich grüsste, vorbei an der Sixtinischen Kapelle, durch die Benediktionsaula…»

Stockkonservative Lackschuhträger

Doch schon bald beschleichen Vetsch Zweifel. «Rom und der Vatikan sind eine grosse Bühne. Lackschuhe und Gel in den Haaren waren üblich, die Arroganz teilweise unbeschreiblich. Bezüglich der Dogmatik war man stockkonservativ und zielte an den Anliegen der Menschen vorbei. Es herrschte Herzenskälte.» Innerlich beginnt Vetsch zu rebellieren.

Am Seminar schreibt er eine Arbeit mit dem Thema «Die Mystik als immanente Kraft der Kirchenreformation». Das lag nicht unbedingt auf der römischen Generallinie. In einem Praktikum in Sargans wird er mit der Realität der Priestertätigkeit konfrontiert. Die Organisation war militärisch. Die intensiven Kontakte mit den Gläubigen der Gemeinde werden überschattet von einem straffen Terminplan. Es war eine Erfahrung, die sich wiederholen sollte. Seine Zweifel wachsen.

Er will das Leben in einem Kloster kennenlernen und geht nach Würzburg. Was in Rom zu konservativ war, war im Orden in Würzburg zu liberal, zu esoterisch. Dort gab es Shakra-Massagen und Lichtkörperarbeit. Gebet und Lobpreisung hatten keinen Stellenwert. «Da herrschte ein völlig abgehobener, autoritärer Guru. «Unter Spiritualität verstehe ich etwas anderes», sagt Vetsch. Kurz: Das war wieder nichts.

Und plötzlich diese Frau...

Er nimmt nochmals einen Anlauf und engagiert sich in Rapperswil als Priesterkandidat und Seelsorger. Die Gemeinde umfasst 13 000 Mitglieder, zuständig ist gerade mal ein einziger Priester. Und Vetsch.

«Die Arbeit war enorm, die Arbeitstage, die mit einem Morgengebet um 5.30 Uhr begannen und oft spät nachts mit seelsorgerischen Gesprächen endeten, sehr lang. Nach drei Jahren war ich überarbeitet und vollkommen fertig. Ich fühlte mich von der Kirche verheizt.»

Auch für die Gemeindemitglieder sei das eine Zumutung. Die Schweizer Bischöfe hätten offensichtlich kein Konzept, dem Priestermangel zu begegnen. In diesem Zustand der Vereinsamung und Überlastung lernt er an einem Anlass, die die Kirche für die Freiwilligen-Arbeiter organisiert hatte, eine Frau kennen. Es wurde die grosse Liebe, und mit einem Schlag wusste er: Das mit dem Zölibat… daraus wird nichts. Und damit war auch klar, dass er sein Priesteramt vergessen kann. Die Kirche beanspruche für sich, im Dienst des Menschen zu stehen und vergesse dabei, dass der Mensch nicht nur aus Geist besteht, sondern auch einen Körper hat, Herz, Gefühle. Die Kirche sei nicht daran interessiert, Männer hervorzubringen. «Keine mündigen Männer jedenfalls. Sondern klerikale Knäblein», sagte er in einem Interview im Frühling.

«Doppelmoral vom Feinsten»

Und dann dieser Sexualpessimismus. Warum wird die Sexualität verdammt und warum wird der Frau etwas Teuflisches angelastet? Gleichzeitig gäbe es aber in der Kirche sexuelle Skandale, von Homosexualität während der Ausbildungszeit bis hin zu ganz düsteren Missbrauchs-Kapiteln, welche meist stillschweigend hingenommen werden: «Doppelmoral vom Feinsten.»

Der sogenannte «Sündenfall» mit Adam und Eva sei typisch: «Da wird der Eva die Schuld zugeschoben und zwar von einer Kirche, die streng hierarchisch und ausschliesslich männlich ist... Das ist unglaublich. Ich sehe es viel eher so: Der Baum der Erkenntnis bedeutet die Entlassung des Menschen in die Mündigkeit, in die Freiheit, auf sein Gewissen hören zu können. Gott ist etwas Befreiendes!»

Ob er vom katholischen Ultra zum Rebell geworden sei? «Eher zum Pirat, zum Freibeuter. Diese glaubten an Gott und waren fromm. Ich nehme aus dem Schatz der Kirche das, was unverfälscht ist. Und mache es für die heutige Zeit verständlich. Ich bekämpfe die Kirche nicht, ich will sie wachrütteln.»

Und jetzt ist er Sommelier, verkostet Weine, verkauft sie. Wie um Himmels Willen ist er dazu gekommen? Und wie weit ist das weg von seiner früher gelebten strengen Spiritualität? «Das ist vielleicht weniger weit weg, als man denkt. Gott dienen heisst der Wahrheit dienen. Es heisst auch: In Vino Veritas, im Wein liegt die Wahrheit. Masken fallen ab.» Vetsch schmunzelt. «Wir wissen übrigens, was es dort oben im Himmel gibt. Wein. So sagte Jesus doch, wir werden Wein trinken, wenn wir uns im Reich des Vaters wieder sehen.»

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