Mitternacht. Cathy Flaviano hat Feierabend. Für einmal bleibt sie länger. Radio Basilisk feiert den dritten Geburtstag. Der Nachtmoderator und Cathy stossen darauf an. Sie sind allein im Studio und mit ihren 19 Jahren die jüngsten im Team. Es ist Wochenende. Gestandene Redaktoren haben frei. Das Telefon klingelt.

Ein Hörer berichtet von einem Brand in Schweizerhalle. Ein zweiter Anrufer. Wieder geht es um den Brand. Ohne zu wissen, was los ist, rennt Cathy zum Auto, fährt los. Kurze Zeit später hat sie ein Inferno vor sich. Sie irrt umher im Industriegebiet, sucht ein Telefon. Sirenen sind zu hören.

Es ist 1 Uhr. Der Basilisk-Jingle ertönt. Moderator Daniel Fornaro berichtet, was er offiziell erfahren konnte: ein Schwelbrand auf dem Areal der damaligen Sandoz, keine Gefahr für die Bevölkerung.

Er fragt Cathy nach ihren Eindrücken. «Es sieht dramatisch aus. Es brennt links – und inzwischen auch rechts von mir», berichtet sie aus der Telefonkabine. Sie vergleicht den Rauch mit einem Atompilz. Ein anderes Bild kommt ihr auf die Schnelle nicht in den Sinn.

Sie ist die erste Journalistin vor Ort. Und obwohl sie bald Gesellschaft von etlichen Kollegen hat, bleibt sie für einige Stunden die einzige, die live berichtet. Das damalige Radio DRS hat keinen Nachtdienst in Basel, das Fernsehen pennt noch.

Wildgewordener Feuerwehrmann

Angst hat Cathy keine. «In diesem Moment habe ich nicht daran gedacht, dass der Brand gefährlich sein könnte», sagt sie heute, 49-jährig, in leitender Funktion bei SRF 1. Seit damals ist sie beim Radio. Ein Ereignis wie jenes 1986 hat sie nie mehr erlebt. «Ich war im Feld, mittendrin, es war verrückt.» Durch die Nähe zum Geschehen hat ihr jedoch die Sicht aufs Ganze gefehlt.

Doch schon bald traf der damalige Redaktionsleiter Urs Hobi im Radiostudio ein. Er führte Cathy durch die Nacht, konfrontierte sie auf dem Sender mit seinen eigenen Recherchen zum Unglück, fragte, wie die Version der Verantwortlichen vor Ort laute.

Die Region hörte mit. Selbst die Polizei riet den Menschen via Megafon, Basilisk einzuschalten. Es sah danach aus, als ob sich auch die Behörden über den Lokalsender informierten: Während die Polizei in einer Mitteilung schrieb, nur das Gundeli-Quartier sei betroffen, gab Urs Hobi weiter, was ihm Hörer berichteten. Es stinkt überall, nicht nur im Gundeli. Hobi mahnt die Hörer, die Fenster zu schliessen. Er sagt, dass mit dem Löschwasser auch Chemikalien rheinabwärts fliessen. Die toten Fische sind jetzt kein Thema, noch nicht.

Cathy Flaviano wird derweil mit den anderen Journalisten in einen Raum gebracht. Es gibt Telefone und Würste. Die Fenster sind zu. Angst hat sie immer noch keine, zu gross ist die Anspannung. Erst, als dieser eine Feuerwehrmann zur Tür herein kommt, wird ihr mulmig. «Er sagte, die Luft sei abgestanden und öffnete die Fenster.» Sie ist fassungslos, jetzt noch. Er öffnete die Fenster, weil es nach Mensch roch. Es hätte Gift hinein strömen können.

4 Uhr. Erst jetzt löst Muttenz Alarm aus. Wer nicht schon telefonisch geweckt wurde, ist jetzt wach. Und hört Radio Basilisk.

Cathy ist seit 12 Stunden im Einsatz, seit einigen Stunden wegen des Brandes. Um 5 Uhr heisst es, man habe die Lage im Griff.

Urs Hobi will das nicht glauben. Die Trams fahren nicht, Bäcker werden aufgefordert, nicht zur Arbeit zu kommen. Hobi wirft die Frage auf, ob der Krisenstab die Sache verharmlose. Das sei nicht auszuschliessen, sagt ihm Cathy. Der Kantonsarzt habe vor Ort gesagt, es wäre unverantwortlich, bei diesen Dämpfen einzukaufen.

Polizei verteilt in aller Ruhe Bussen

Diese Nacht war die Sternstunde für den noch jungen Lokalsender – und auch für Cathy Flaviano. Auf einen Schlag kannte die Region ihren Namen, ihre Stimme. Trotzdem, sagt sie, sei danach erstaunlich wenig geschehen. Ihr Leben als Radiojournalistin sei einfach normal weitergegangen.

Die Baselbieter Polizei empfahl, Kinder nicht zur Schule zu schicken. Der Basler Erziehungsdirektor Hansruedi Striebel hingegen sagte bei Basilisk: «Es stinkt zwar no e weni...», aber es bestehe keine Gefahr. Die Schule beginne jedoch erst um 9.30 Uhr.

Zu der Zeit lag Cathy im Bett. Urs Hobi hatte sie heim geschickt. Nach einem Frühstück bei «Bachmann» entdeckte sie eine Parkbusse an der Frontscheibe. Es geht ihr damit wie mit dem Feuerwehrmann. Sie ist heute noch fassungslos, dass die Polizei Zeit für so etwas hatte. Bessere Gefühle hat sie für den Rest der Nacht: «Daran denke ich nostalgisch zurück, aber nie panisch.»