Brand Schweizerhalle
Wie Radiomoderatorin Cathy Flaviano auf einen Schlag bekannt wurde

Die damals 19-jährige Radiofrau Cathy Flaviano war bei der Katastrophe von Schweizerhalle die erste Journalistin vor Ort. Auf «Basilisk» hielt sie die Bevölkerung auf dem Laufenden. In ihrer Erinnerung spielt nicht unbedingt der Brand die Hauptrolle.

Martina Rutschmann
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Als Tagesverantwortliche bei Radio SRF 1 ist Cathy Flaviano auch heute noch nah am aktuellen Geschehen. Trotzdem: Seit dem Brand in Schweizerhalle hat sie nichts Vergleichbares mehr erlebt.

Als Tagesverantwortliche bei Radio SRF 1 ist Cathy Flaviano auch heute noch nah am aktuellen Geschehen. Trotzdem: Seit dem Brand in Schweizerhalle hat sie nichts Vergleichbares mehr erlebt.

Sandra Ardizzone

Mitternacht. Cathy Flaviano hat Feierabend. Für einmal bleibt sie länger. Radio Basilisk feiert den dritten Geburtstag. Der Nachtmoderator und Cathy stossen darauf an. Sie sind allein im Studio und mit ihren 19 Jahren die jüngsten im Team. Es ist Wochenende. Gestandene Redaktoren haben frei. Das Telefon klingelt.

Serie zur Brandkatastrophe

Am 1. November jährt sich das Chemieunglück bei Schweizerhalle zum 30 Mal. Die bz erinnert sich in einer losen Serie an die Katastrophe. Wir sprechen mit Leuten, die dabei waren, als es brannte. Und Spezialisten, die uns sagen, ob eine Katastrophe wie jene bei Sandoz heute noch möglich wäre.

Ein Hörer berichtet von einem Brand in Schweizerhalle. Ein zweiter Anrufer. Wieder geht es um den Brand. Ohne zu wissen, was los ist, rennt Cathy zum Auto, fährt los. Kurze Zeit später hat sie ein Inferno vor sich. Sie irrt umher im Industriegebiet, sucht ein Telefon. Sirenen sind zu hören.

Es ist 1 Uhr. Der Basilisk-Jingle ertönt. Moderator Daniel Fornaro berichtet, was er offiziell erfahren konnte: ein Schwelbrand auf dem Areal der damaligen Sandoz, keine Gefahr für die Bevölkerung.

Er fragt Cathy nach ihren Eindrücken. «Es sieht dramatisch aus. Es brennt links – und inzwischen auch rechts von mir», berichtet sie aus der Telefonkabine. Sie vergleicht den Rauch mit einem Atompilz. Ein anderes Bild kommt ihr auf die Schnelle nicht in den Sinn.

Sie ist die erste Journalistin vor Ort. Und obwohl sie bald Gesellschaft von etlichen Kollegen hat, bleibt sie für einige Stunden die einzige, die live berichtet. Das damalige Radio DRS hat keinen Nachtdienst in Basel, das Fernsehen pennt noch.

Wildgewordener Feuerwehrmann

Angst hat Cathy keine. «In diesem Moment habe ich nicht daran gedacht, dass der Brand gefährlich sein könnte», sagt sie heute, 49-jährig, in leitender Funktion bei SRF 1. Seit damals ist sie beim Radio. Ein Ereignis wie jenes 1986 hat sie nie mehr erlebt. «Ich war im Feld, mittendrin, es war verrückt.» Durch die Nähe zum Geschehen hat ihr jedoch die Sicht aufs Ganze gefehlt.

Doch schon bald traf der damalige Redaktionsleiter Urs Hobi im Radiostudio ein. Er führte Cathy durch die Nacht, konfrontierte sie auf dem Sender mit seinen eigenen Recherchen zum Unglück, fragte, wie die Version der Verantwortlichen vor Ort laute.

Die Region hörte mit. Selbst die Polizei riet den Menschen via Megafon, Basilisk einzuschalten. Es sah danach aus, als ob sich auch die Behörden über den Lokalsender informierten: Während die Polizei in einer Mitteilung schrieb, nur das Gundeli-Quartier sei betroffen, gab Urs Hobi weiter, was ihm Hörer berichteten. Es stinkt überall, nicht nur im Gundeli. Hobi mahnt die Hörer, die Fenster zu schliessen. Er sagt, dass mit dem Löschwasser auch Chemikalien rheinabwärts fliessen. Die toten Fische sind jetzt kein Thema, noch nicht.

Cathy Flaviano wird derweil mit den anderen Journalisten in einen Raum gebracht. Es gibt Telefone und Würste. Die Fenster sind zu. Angst hat sie immer noch keine, zu gross ist die Anspannung. Erst, als dieser eine Feuerwehrmann zur Tür herein kommt, wird ihr mulmig. «Er sagte, die Luft sei abgestanden und öffnete die Fenster.» Sie ist fassungslos, jetzt noch. Er öffnete die Fenster, weil es nach Mensch roch. Es hätte Gift hinein strömen können.

4 Uhr. Erst jetzt löst Muttenz Alarm aus. Wer nicht schon telefonisch geweckt wurde, ist jetzt wach. Und hört Radio Basilisk.

Cathy ist seit 12 Stunden im Einsatz, seit einigen Stunden wegen des Brandes. Um 5 Uhr heisst es, man habe die Lage im Griff.

Urs Hobi will das nicht glauben. Die Trams fahren nicht, Bäcker werden aufgefordert, nicht zur Arbeit zu kommen. Hobi wirft die Frage auf, ob der Krisenstab die Sache verharmlose. Das sei nicht auszuschliessen, sagt ihm Cathy. Der Kantonsarzt habe vor Ort gesagt, es wäre unverantwortlich, bei diesen Dämpfen einzukaufen.

Polizei verteilt in aller Ruhe Bussen

Diese Nacht war die Sternstunde für den noch jungen Lokalsender – und auch für Cathy Flaviano. Auf einen Schlag kannte die Region ihren Namen, ihre Stimme. Trotzdem, sagt sie, sei danach erstaunlich wenig geschehen. Ihr Leben als Radiojournalistin sei einfach normal weitergegangen.

Die Baselbieter Polizei empfahl, Kinder nicht zur Schule zu schicken. Der Basler Erziehungsdirektor Hansruedi Striebel hingegen sagte bei Basilisk: «Es stinkt zwar no e weni...», aber es bestehe keine Gefahr. Die Schule beginne jedoch erst um 9.30 Uhr.

Zu der Zeit lag Cathy im Bett. Urs Hobi hatte sie heim geschickt. Nach einem Frühstück bei «Bachmann» entdeckte sie eine Parkbusse an der Frontscheibe. Es geht ihr damit wie mit dem Feuerwehrmann. Sie ist heute noch fassungslos, dass die Polizei Zeit für so etwas hatte. Bessere Gefühle hat sie für den Rest der Nacht: «Daran denke ich nostalgisch zurück, aber nie panisch.»

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle
16 Bilder
 Zeitungsverkauf in Basel nach der Brandkatastrophe im Sandoz-Werk in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Mitglieder des Seuchenkommandos bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel. Ueber 8'000 Fässer enthalten den ganzen giftigen Abfall der Sandoz-Katastrophe.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Das Ortsschild von Schweizerhalle, Produktionsstandort zahlreicher Chemie- und Pharmakonzerne wie Novartis oder Ciba SC.
 Der Präsident des Basler Chemie - und Pharmakonzerns Sandoz, Marc Moret, spricht am 21. November 1986 zum ersten Mal nach der Katastrophe von Schweizerhalle zu den Medien in Basel. Moret ist zehn Jahre nach der Fusion von Sandoz und Ciba im 83. Altersjahr gestorben. Der Novartis-Ehrenpräsident starb am Freitag, 17. März 2006 nach längerer Krankheit. Moret gilt als Architekt der am 7. Maerz 1996 besiegelten Fusion von Sandoz und Ciba zur Novartis. Er hatte mit Ciba-Ehrenpräsident Louis von Planta die Fusion eingeleitet. Mit der Fusion trat Moret aus dem aktiven Berufsleben zurück. In seine Amtszeit fiel auch die dramatische Brandkatastrophe im Sandoz-Pestizidlager in Schweizerhalle vom 1. November 1986.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich ueber 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Durch das giftige Löschwasser, das in den Rhein gelangt, werden über 150 000 Aale getötet. Dieses Bild zeigt das Einsammeln der toten Aale am Rheinufer bei Iffezheim in Baden-Baden / BRD.
 Bei der Basler Chemiefirma Sandoz bricht am 1. November 1986 kurz nach Mitternacht ein Grossbrand in einer Fabrikationshalle in Schweizerhalle / BL aus. In der durch das Feuer zerstörten Lageralle befinden sich über 1000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel. Unser Bild zeigt die Löscharbeiten durch die Feuerwehr einen Tag nach dem Brand, mit der Detailansicht eines Wasserwerfers in Aktion.
 In Schutzanzuegen und mit Schutzmaske werden am 10. November 1986 bei den Aufräumarbeiten nach der Brandkatastrophe vom 1. November 1986 in Schweizerhalle nahe Basel ausgebrannte Fässer untersucht.
 Eine Menschenkette im Rahmen eines "Internationalen Rheinalarms" am 14. Dezember 1986 reicht von Basel bis in das deutsche Freiburg im Breisgau. Für eine lückenlose Kette werden über 60 000 Menschen benötigt. Am 1. November 1986 kam es in Schweizerhalle nahe Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer, dem über 1'000 Tonnen Insektizide und Pflanzenschutzmittel zum Opfer fielen.
 Sicherheitskräfte der Sandoz befoerdern nach dem Chemieunglueck im November 1986 unsanft einen Fotografen vom Firmengelände in Basel, Schweizerhalle.
 Ein weiterer Chemieunfall im Sandoz-Werk in Schweizerhalle nahe Basel am 9. Dezember 1987. Nach einer Explosion in der Freiluftanlage des Baus 924 geriet die Anlage in Brand.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der juengeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete fuer die Bevoelkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Eine Grosskundgebung, bei der Demonstranten mit einem Transparent mit der Aufschrift "bla bla bla...blabla...bla!" aufmarschieren, anlässlich des Chemieunfalls nach dem Brand vom 1. November 1986. Hierbei kam es in Schweizerhalle bei Basel in einer Lagerhalle der Firma Sandoz zu einem Grossfeuer. Der Oberlauf des Rheins war nach den Löscharbeiten biologisch nahezu tot.
 Die Brandkatastrophe von Schweizerhalle nahe der Stadt Basel in der Schweiz war ein Einschnitt in der jüngeren Geschichte der Region und der Rheinanlieger. Der Chemiebrand am 1. November 1986 bedeutete für die Bevölkerung eine Schreckensnacht und hatte Folgen bis auf die politische Ebene.
 Studenten des Konservatoriums Basel veranstalten in Basel einen Trauermarsch für den Rhein. Auf klassischen und modernen Instrumenten spielen sie Trauermusik und drüüen so ihre Gefühle über die Ereignisse um die Brandkatastrophe in Schweizerhalle aus, aufgenommen im November 1986.

25 Jahre nach der Umweltkatastrophe Schweizerhalle

Silvio Mettler/Keystone