Eine kleine Polemik

Wie relevant ist das Theater Basel in turbulenten Weltzeiten?

«Tartuffe oder das Schwein der Weisen»: Am Ziel vorbei inszeniert?

«Tartuffe oder das Schwein der Weisen»: Am Ziel vorbei inszeniert?

«Kulturfilz». Wann haben wir zum letzten Mal diesen Begriff in der Schweiz gehört oder gelesen? Kurze Online-Recherche: als in Bern ein Kulturverwalter mit einer Kulturverwalterin eine heikle Affäre unterhielt. Die SVP als beflissene Moralhüterin schrie, als die beiden aufflogen,«Kulturfilz!». Das ist viele Monate her. In Basel dagegen ist der Begriff in der Mottenkiste verschwunden. Die hiesige SVP schlägt sich mit hausgemachten Filzproblemen herum und lässt schon lange die Finger von kulturpolitischen Inhalten. Museen und Geld – immer einen Vorstoss wert. Aber eine richtige Theaterdebatte? War da je was nach ’68 oder nach ’80 oder nach dem Fall der grossen Ideologien?

Am 14. September eröffnet das Theater Basel seine Saison mit einem Musiktheaterstück von Luigi Nono. Immerhin musikalisch ein winziges Wagnis! Ich sehe der Spielzeit 19/20 aber mit gemischten Gefühlen entgegen. Was erwartet mich, wenn hier nicht einmal mehr der Rechte «Kulturfilz» zetert? Oder anders gefragt: Wie relevant ist unser Theater in einer Zeit, da global die gefährlichen Clowns die Politbühnen betreten haben, Flüchtlingsschiffe in Sichtweite von Tourismusdestinationen umhertreiben und die Wälder brennen? Vergangene Saison habe ich im Basler Schauspielhaus jedenfalls nichts davon gespürt, dass die Welt um uns ins Wanken geraten ist. Beziehungsweise: Ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich gesehen habe auf der Bühne.

Nachträglich haben mir immerhin die Juroren des Berliner Theatertreffens auf die Sprünge geholfen: Die Meldung, dass das Stück «Tartuffe oder das Schwein der Weisen» von Peter Licht in die deutsche Hauptstadt geladen wurde, hat mein Gedächtnis punktuell aktiviert: Ach ja, da war doch was. Genau, ein grunzendes Schwein (in einem, tatsächlich!, jüngst von einer Jury prämierten Kostüm) und so viele Satz- und Wortwiederholungen, dass ich mir den Teil nach der Pause erspart und in der Bar des «Besenstiels»eine deutlich gehaltvollere Zuflucht gefunden habe. Wenn dieses Stück eine tiefgehende Form der Kritik an Politik und/oder Gesellschaft hätte sein sollen, so hat es auf fast berührend schlechte Weise daran vorbeigezielt.

Im Ernst, liebe Theaterleute: Was habt Ihr in Zeiten Trumps, Johnsons, Salvinis und so weiter zu bieten? Natürlich, in Zeiten dieser hyperrealen Karikaturen ihrer selbst ist die künstlerische Reflexion darüber enorm schwierig geworden. Wer die neueste Staffel von «House of Cards» gesehen hat, kennt das: Eine Präsidentschaft Trump lässt sich auch von den einfallsreichsten Drehbuchschreibern nicht toppen. Die Fiktion verblasst und langweilt. Und selbstverständlich befinden wir uns in der Schweiz immer noch in «splendid isolation», recht bald wieder geschützt von zwei Dutzend brandneuen Kampffliegern.

Ist damit aber unser politisches Theater tot, das Theater als «moralische Instanz» nicht mehr existent? Diese Vorstellung will ich nicht zulassen. Ich will auf der Bühne kein reines Entertainment und keine selbstverliebten Experimente mit Bühneneffekten, die ich in den vergangenen 25 Jahren schon mehrmals gesehen zu haben glaube. Vielleicht ist es etwas vermessen, aber als Teil der ironie- und relativierfreudigen Generation X würde ich mir von Y und Z auch Handfestigkeiten wünschen, Reibungserzeugungen, kurz: künstlerische Substanz, intellektuelles Feuer. Nicht nur kleine Aufmüpfigkeiten für ein insgeheim Selbstbestätigung suchendes, urban-cooles und linksliberales Publikum.

Natürlich können mir die Einweg-Einwürfe der SVP gegen ein vermeintlich links unterwandertes Theater oder vermeintlich unpatriotische Theaterschaffende gestohlen bleiben. Und ich möchte auch keine deutschen Verhältnisse, wo AfD-Abgeordnete und andere Neonazis in schöner Regelmässigkeit die Absetzung von Regisseuren, Theaterdirektoren oder Schauspielern fordern – und das mit einem Begründungsvokabular, das an die Dreissigerjahre erinnert und erinnern will. Aber genau so schlimm und fast noch schlimmer finde ich den Zustand des Schweigens und der Stille aus Ratlosigkeit.

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Autor

Patrick Marcolli

Patrick Marcolli

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