Basel
Wie sich Polo Hofer im «-tis» verewigte

Seine erste Liveplatte nahm Polo Hofer in Basel auf – kein Zufall: Basel war Polos zweite Heimat. Im Atlantis gab der Mundartrocker Heimspiele.

Marc Krebs
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Die Berner Mundartrocker (links Dänu Siegrist, Mitte Polo Hofer) feierten im Basler Atlantis Heimspiele.

Die Berner Mundartrocker (links Dänu Siegrist, Mitte Polo Hofer) feierten im Basler Atlantis Heimspiele.

Archiv Dänu Siegrist

Wenn man sich in Basel an Polo Hofer erinnert, dann ist das meist mit einem ganz spezifischen Ort verbunden: dem «Atlantis». Der Konzertclub am Klosterberg wurde für den Interlakner Sänger zu einem Heimathafen, den er in seinen verschiedenen Schaffensphasen immer wieder ansteuerte. Und das kam so:

Im Jahr 1972 machte das «Atlantis» schwierige Zeiten durch: Die Beatwelle war Geschichte, der progressive Rock auf dem Vormarsch, Kurt Seiler, der Besitzer, ratlos. Sein Versuch, das «-tis» in eine Discothek umzuwandeln, war misslungen. Was der Jugend gefiel, blieb ihm, dem alten Jazzfan, unklar.

Da bewarb sich eine neue, junge Band aus Interlaken um einen Auftritt. Seilers Programmchef Robert Juen gab ihnen eine Chance. Und landete einen Volltreffer, wie man am 31. August 1972 in der Zeitung «Music Scene» nachlesen konnte: «Man traute an jenem Wochenende seinen Augen kaum: ein voll besetztes Atlantis – fast wie zu seinen besten Zeiten. Und dies mit einer Schweizer Gruppe im Programm.»

Die Berner Band war für 100 Franken angereist, um ihren mit Mundarttexten angereicherten Acidrock im Livemekka vorzustellen. Und sie erspielte sich umgehend einen hervorragenden Ruf.

Regelmässiger Gast auf der «-tis»-Bühne: Polo Hofer.

Regelmässiger Gast auf der «-tis»-Bühne: Polo Hofer.

Archiv Dänu Siegrist

Mit ihren Gastspielen öffneten Rumpelstilz mit Polo Hofer, Hanery Amman, Küre Güdel, Sämi Jungen und Schifer Schafer dem Berner Rock die Türen. Und Basel umarmte sie, die Berner, als wären sie Lokalmatadoren.

Kein Zufall, dass sich Rumpelstilz 1977 entschieden, ein Live-Album im «-tis» aufzunehmen: Den «Goldenen Anker» in Interlaken gab es noch nicht, ebenso wenig die «Mühle Hunziken» in Rubigen. Der bedeutendste Club, auch für die Berner Szene, lag am Rheinknie.

Glücklich durfte sich schätzen, wer für sieben Franken ein Billett ergattern konnte und sich an einem der beiden November-Abende 1977 mitverewigen konnte: Liveversionen von «Kiosk» oder «Teddybär» landeten auf der Doppel-LP «Fätze u Bitze vo geschter u jitze».

Das Album, mittlerweile digital erhältlich, vermittelt auch 30 Jahre später einen Eindruck von der festlichen Stimmung und professionellen Virtuosität, die der Entertainer Hofer und seine Mitmusiker ins «-tis» zauberten.

Rumpelstilz waren die ersten, aber nicht die einzigen Berner, die in Basel Heimvorteil genossen. Auch Span traten ab 1976 im Atlantis auf, als wäre es ihr Wohnzimmer: «Kein anderer Schweizer Club bot mehrtägige Engagements, die Auftritte im ‹-tis‹ waren daher eine super Schule», erinnert sich Dänu Siegrist, heute Wahl-Basler, damals Span-Mitglied.

Hofer und Span machten von 1978 bis 1982 als «Polos SchmetterDing» gemeinsame Sache und festigten ihren Ruf als – im doppelten Sinn – Lokalhelden.

«Man hat die Berner geliebt in Basel», sagt Pink Pedrazzi, damals Mitglied der Basler Band Wondergirls. «Span oder Polo Hofer wurden stets mit offenen Armen empfangen.» «Das waren echte Stars», bestätigt auch Cla Nett von der Lazy Poker Blues Band.

Einer der letzten öffentlichen Auftritte: Polo Hofer posiert während der Enthüllungszeremonie seines Denkmals am 16. Mai 2017 im Hafen in Oberhofen am Thunersee.
32 Bilder
Die Statue wurde vom Kuenstler Inigo Gheyselinck aus einer Weisstanne aus Polo Hofers Heimatort Interlaken hergestellt. Sie wird später auf dem Schiff "Blüemlisalp" montiert.
Gezeichnet von seinen Leiden: Polo Hofer.
Polo Hofer wurde mit der Mundart-Rockband Rumpelstilz berühmt. Hier 1975 an einem Konzert.
Rumpelstilz in einer Aufnahme vom 12. April 1972. Hintere Reihe, von links nach rechts: Hanery Amman, Schifer Schafer und Milan Popovich, vorne links sitzt Polo Hofer, rechts Kuere Guedel.
Rumpelstilz auf der Bühne.
Rumpelstilz in einer Aufnahme vom 3. Februar 1977, von links nach rechts: Milan Popovich (Bass), Polo Hofer (Vocals), Hanery Amman (Piano), Schifer Schafer (Gitarre) und Kurt Guedel (Schlagzeug).
In den 80er-Jahren kam Hofer mit seiner Schmetterband auf. Bis 2004 war er mit ihr aktiv.
Ein Auftritt am Openair "Rock gegen Hass" am 20. Juni 1993 in Lengnau.
Hier signiert Hofer ein T-Shirt eines Fans.
Passioniert: Polo Hofer.
Immer wieder provozierte Polo National, wie hier an einem Konzert in Fribourg am 1. April 2000.
Polo Hofer
2015 wurde Hofer als Schweizer des Jahres ausgezeichnet.
Exotisch: Polo Hofer 2007 auf der Kleinen Scheidegg.
Hofer trug wesentlich zur Popularisierung schweizerdeutsch gesungener Rock- und Popmusik bei.
Polo und die Stars: Hier begleitet er Udo Lindenberg auf die Bühne des Wankdorfstadions in Bern (1989).
Polo Hofer wurde als Schweizer des Jahres 2015 ausgezeichnet.
Den Namen „Polo“ erhielt er als Pfadfinder von Hugo Ramseyer, dem Gründer des Zytglogge Verlags, weil Polos Eltern im „Maison Hofer“-Modegeschäft in Interlaken bereits Polohemden anboten, was damals etwas Neues war.
Über vierzig Jahre stand Polo Hofer auf der Bühne.
Am Samstag, 22. Juli, ist Polo Hofer gestorben. Seine Familie hat den Todesfall bestätigt.
Polo Hofer während eines Interviews. Die folgenden Bilder entstanden im Sargatelier seiner Frau Alice Hofer.

Einer der letzten öffentlichen Auftritte: Polo Hofer posiert während der Enthüllungszeremonie seines Denkmals am 16. Mai 2017 im Hafen in Oberhofen am Thunersee.

Keystone

Legendäre 400 Stangen Bier

Selbst die sogenannte Stilpolizei, die Musiker, welche die Auftritte anderer hinten am Tresen kritisch verfolgten und kommentierten, verstummte, wenn die professionellen, charmanten Berner auftauchten und das «-tis» in ein Tollhaus verwandelten. Niemand in der Schweiz konnte es mit ihrer Durchschlagskraft und Beliebtheit aufnehmen. «Sie waren live einfach saugut», lobt Pink Pedrazzi. «Was sie machten, war satt, musikalisch – und immer auch mit einem Augenzwinkern versehen.»

Man könnte soweit gehen und sagen, dass Polo Hofer und Span mit dem ebenso legendären Wirt Eddie Cassini gross wurden – und umgekehrt. Auf jeden Fall haben sie unzählige Nächte zusammen erlebt.

Unvergesslich jene in den 1980ern, in der ein euphorischer Polo einmal eine Freirunde für alle ausrief. Die Serviertöchter balancierten die Tabletts voller Bier mit gewohnter Professionalität und verteilten wie Jongleusen die Gläser. Ein Riesengaudi, auch für Hofer, zumindest in diesem Moment. Als ihm Cassini danach die 400 Stangen von der Gage abzog, war die Laune im Keller – aber nur für einen kurzen Moment.

Polo Hofer kehrte bis Anfang des neuen Jahrtausends immer wieder gerne auf die «-tis»-Bühne zurück.