Basler Sexsalons

«Wie soll man mit einer Armlänge Abstand Sex haben?» – Schutzkonzept sorgt für rote Köpfe

Das licht brennt, aber die Freier fehlen. Für Sexarbeitende ist es momentan schwierig, Geld zu verdienen. (Archiv)

Das licht brennt, aber die Freier fehlen. Für Sexarbeitende ist es momentan schwierig, Geld zu verdienen. (Archiv)

Seit dem 6. Juni dürfen Bordelle wieder Kunden anwerben. Doch diese kommen nicht. Die Betreiber von Sexsalons in Basel geben dem geltenden Schutzkonzept die Schuld. Sie halten es für realitätsfremd und geschäftsschädigend. Besonders die obligatorische Angabe der Kontaktdaten scheint viele Freier abzuschrecken.

Sex gibt es nur mit Maske und mindestens einer Unterarmlänge Abstand zwischen den Köpfen der Beteiligten. Was absurd klingt, ist seit bald drei Monaten offizielle Realität im Basler Sexgewerbe. Am 6. Juni durften Bordelle, genau wie andere personenbezogene Dienstleistende, ihre Pforten wieder öffnen. Allerdings müssen auch sie sich an ein Schutzkonzept halten. Und das spüren die Betreibenden: Die Freier kommen nicht.

«Mir fehlen die Kunden», klagt Puffbesitzer Diego. In seinem Klub Edelweiss in Basel bewohnen zurzeit noch fünf Frauen ein Zimmer. Doch die Arbeit und damit auch das Einkommen bleibt aus. Den Grund dafür sieht Diego vor allem in den auferlegten Vorgaben. Diese erschwere den Frauen die Arbeit und schrecke die Kunden ab: «Wie soll man mit einer Armlänge Abstand Sex haben?, fragt er ungläubig. In seinem Puff gilt momentan eine Masken- und Handschuhpflicht beim Geschlechtsverkehr. Daneben sieht er vor allem die obligatorische Erhebung der Kontaktdaten als Problem: «Die Kunden wollen Diskretion. Dass sie jetzt ihren Namen preisgeben müssen, schreckt sie ab.»

Notgedrungene Wechsel in schlechtere Verhältnisse

Dass sich weniger Männer in ein Bordell trauen, treibe mehr Frauen auf den Strassenstrich in der Toleranzzone. Das gefährde auch die Sicherheit der Sexarbeiterinnen: «Die Bedingungen dort sind teilweise menschenunwürdig, sagt Diego.

Die Toleranzzone befindet sich an der Kreuzung Ochsengasse/Webergasse im Kleinbasel. An einem Mittwoch kurz nach dem Mittag zeigt sich dort ein bekanntes Bild. Eine Handvoll Frauen in kurzen, billigen Kleidern und ausgelatschten Flip Flops gehen die Webergasse auf und ab. Etwa gleich viele ältere Herren lungern an den Hauswänden herum und verfolgen die Frauen mit ihren Blicken. Aus einem Hauseingang kommt eine junge Frau im kurzen Leoprint-Kleid, dicht gefolgt von zwei Männern.

Der Betreiber einer Bar nimmt gerade die Stühle vor seinem Lokal vom Tisch. «Die Sicherheitsmassnahmen sind lächerlich», findet auch er. «Auf der Strasse hält sich niemand an die Vorschriften.» Er selbst betreibt ein paar Zimmer über seiner Bar. Masken, Desinfektionsmittel und Laken zum Wechseln stellt er bereit. Ob sie die Freier und Frauen tatsächlich benutzen, könne er nur schwer kontrollieren. Für die Frauen sei das Business im Moment sehr schwierig: Weil die Kunden fehlen, würden sie mit den Preisen runtergehen und Praktiken anbieten, zu denen sie sonst nicht bereit sind. Zum Beispiel Sex ohne Gummi.

Entweder Sicherheit oder Geld

Diese Befürchtung teilt Felix Neuenschwander, Leiter Prävention der Aids-Hilfe beider Basel. «Ich kann mir vorstellen, dass Sexarbeiterinnen wegen der fehlenden Kundschaft einem grösseren Druck ausgesetzt sind, Forderungen der Freier nachzugeben.» Dass zurzeit mehr Prostituierte in der Toleranzzone anschaffen würden, konnte die Aids-Hilfe in den letzten Monaten allerdings nicht feststellen.

Zwar sei der Wille der Betreibenden und Sexarbeiterinnen da, sich an die Schutzmassnahmen zu halten. Viele würden sich aber in einem Dilemma befinden: Wer sich nicht an die Regeln hält, verdient zwar besser, riskiert damit aber, von der Polizei gebüsst zu werden und sich mit dem Coronavirus anzustecken. Wer die Regeln befolgt, bleibt im besten Fall gesund, hat keine Probleme mit den Behörden, verdient aber kein oder nur wenig Geld. «Ein Teufelskreis», so Neuenschwander.

Mit Maske ist man beim Sex genügend geschützt

Problematisch sieht Neuenschwander vor allem die Kontaktdatenpflicht: Das halte die Freier wohl am meisten ab. In diesem Punkt spricht er sich für eine Anpassung der Vorgaben aus: «Sofern eine Maske getragen wird, könnte man auf die Erhebung der Kontaktdaten verzichten». Der Schutz sei mit Maske auch beim Sex gegeben, Küssen in der Branche sowieso nicht üblich.

Die Kontrolle, ob die Maske getragen wird, dürfte in dieser Branche allerdings schwierig sein. Deshalb hält der Kanton auch an der Kontakterfassung fest. Laut Angaben des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt mussten seit der Wiedereröffnung neun Erotikbetreibe vorübergehend geschlossen werden, weil das Schutzkonzept mangelhaft war. Wenn immer möglich versuche man aber, auf eine Schliessung zu verzichten.

Ein erneutes generelles Verbot des Sexgewerbes möchte Felix Neuenschwander um jeden Preis verhindern. Dann sei die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich das Geschäft in den Untergrund verschiebe. «Kommt es dann zu Gewalt gegen Sexarbeiterinnen, melden sich diese allenfalls nicht bei der Polizei. Aus Angst vor Konsequenzen.»

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