Sitzen und lesen
Wie stellt man in einem Museum Architekturkritik aus?

«Textbau – Schweizer Architektur zur Diskussion»: Die neue Ausstellung im Architekturmuseum. Gespiegelt werden gut 40 Jahre Architekturkritik im weitesten Sinne.

Christian Fluri
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Präsentiert werden die Debatten in 15 Zeitungen, die im Museum aufliegen.

Präsentiert werden die Debatten in 15 Zeitungen, die im Museum aufliegen.

Nicole Nars-Zimmer
Schweizer Architektur zur Diskussion in einer Ausstellung.

Schweizer Architektur zur Diskussion in einer Ausstellung.

Nicole Nars-Zimmer

Wie stellt man Architekturkritik aus? Wie Debatten, die in Zeitungen und Zeitschriften geführt worden sind? Es ist eine schwer lösbare Aufgabe, die sich das Schweizerische Architekturmuseum Basel (SAM) am Steinenberg mit der Ausstellung «Textbau – Schweizer Architektur zur Diskussion» gestellt hat. Museumsdirektor Hubertus Adam und die Kuratorin Evelyn Steiner haben die Aufgabe klug gemeistert und eine Ausstellung eingerichtet, die überzeugt, für die man viel Zeit und Musse – im antiken Sinne – braucht.

Alles in Schwarz und Weiss

Das SAM präsentiert 15 exemplarische architektonische Projekte und die Debatten, die sie ausgelöst haben. Die 15 Fälle stammen aus der Schweiz und betreffen den Zeitraum zwischen 1970 und heute. Darunter sind vier Bauprojekte, die nie realisiert worden sind: das Atomkraftwerk Kaiseraugst, das neue Basler Stadt-Casino von Zaha Hadid, das Nagelhaus am Escher-Wyss-Platz in Zürich sowie die neue Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern. Und ein hier verhandeltes Architekturwerk hat sich ins Nichts aufgelöst: Das Blur Building, «die Wolke«, auf dem Neuenburgersee bei Yverdon wurde nach dem Ende der Expo02 abgerissen. Der Roche-Turm ist einer der 15 Fälle, ein anderer ist die Altstadt-Sanierung St. Alban-Tal. Ein weiterer Fall ist die Siedlung Seldwyla in Zumikon (1967–80), mit der der Architekt Rolf Keller gegen die urbane Moderne angetreten ist. Seldwyla erweist sich aus heutiger städtebaulicher Sicht als postmoderner Kitsch.

Die 15 Komplexe werden an den Wänden der grossen Räume des SAM mit Plakaten mit je einer starken Schwarz-Weiss-Fotografie des jeweiligen Ortes – gefertigt von Marcel Rickli – angekündigt. Präsentiert jedoch werden die Debatten in 15 Zeitungen, die im Museum aufliegen. Die 15 Fälle oder Bauten werden darin vorgestellt und eingeordnet. Auf den weiteren Seiten folgen je zehn wichtige Beiträge aus Tageszeitungen und Zeitschriften zum Thema. Zwar darf man die 15 Zeitungen mit nach Hause nehmen und sie dort lesen. Die Ausstellungsmacher haben aber in den beiden Räumen eine ebenso in Schwarz und Weiss gehaltene Lounge eingerichtet, die zum Lesen geradezu einlädt. Im besten Falle entwickeln sich zwischen den Besucherinnen und Besuchern selbst Architektur-Debatten. Denn Diskussionen anstossen, das ist ein Ziel dieser Ausstellung. «Architektur ist in unserem Alltag allgegenwärtig, aber eine breite öffentliche Architekturdiskussion findet kaum statt», hält Adam in unserem Gespräch fest. Die Debatte wird fast nur in Fachpublikationen geführt. Die Diskussionen drehen sich um Schattenwürfe, um die Höhe von Hochhäusern, aber kaum um architektonische Qualität. Das Grundwissen darüber fehle oft, merkt Adam an, es gehöre nicht zum Stoff, der in den schulischen Oberstufen vermittelt wird. Solches Wissen vermittelt dafür die «Textbau»-Ausstellung.

Von Kaiseraugst bis Roche-Turm

Gespiegelt werden in der Ausstellung gut 40 Jahre Architekturkritik im weitesten Sinne. Denn im ersten Fall kam es gar nie zu einer Architekturkritik. Die Debatte um das Projekt des Atomkraftwerks Kaiseraugst war eine politische und eine wissenschaftliche. Dennoch passt das berühmteste Projekt, dessen Bau verhindert worden ist, perfekt zum Ausstellungstitel «Textbau». Spannend an der historischen Aufarbeitung ist: Das Atomkraftwerk Kaiseraugst war bereits vor der Besetzung tot. Das Verbot der Flusswasserkühlung in Aare und Rhein 1971 hatte dem Projekt der damaligen Motor Columbus den Todesstoss versetzt. Das lesen wir in einem Beobachter-Artikel aus dem Jahr 2009.

Die weiteren 14 Fälle sind breit angelegt und konzentrieren sich auf die Architektur, oder sie zeigen die Vermischung von Interessenpolitik und Architekturkritik auf. Wir finden zwei Dorfsanierungen und die Altstadtsanierung im Basler St. Alban-Tal. Alle drei Beispiel weisen hohe architektonische Qualität auf. Die Sanierung St. Alban-Tal, an der Wilfried und Katharina Steib, Diener & Diener, Michael Alder und andere Architekten mitwirkten, gilt als «Vorzeigebeispiel für sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz».

Ein tristes Beispiel ist die architektonische Debatte, mit der Zaha Hadids Projekt für ein neues Stadt-Casino verhindert wurde. Die Fachleute lobten einheitlich das Siegerprojekt des internationalen Wettbewerbs und begrüssten es als ein neues Wahrzeichen Basels. Aber die Diskussion drehte sich gerade nicht um die hohe Qualität von Zaha Hadids Architektur, sondern um das Volumen oder um den Schattenwurf. Die unheilige Allianz von Grünen und SVP, die gemeinsam mit der gekündigten Pächterin Gastrag AG das Projekt bekämpfte, sorgte für die Versenkung. Es war die Allianz, die vor kurzem neue Stadtentwicklungsprojekte per Referendum bachab geschickt hat.

Stadtidee versus Zersiedelung

Der 15. Komplex thematisiert die Debatte über die Zersiedelung in der Schweiz. Spannend ist diese Geschichte, weil die zukunftsweisenden städtebaulichen Projekte dagegen gerade von Landschaftsbewahrern vehement kritisiert werden. Das war bereits 1955 so, als Max Frisch, Markus Kutter und Lucius Burckhardt forderten, eine neue Stadt zu bauen, um der «Verhäuselung» zu begegnen. Gleich erging es der Vision von Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Marcel Meili, Roger Diener, Christian Schmid und dem ETH Studio Basel von 2005. Ihre Studie gliedert das Land in fünf Kategorien: Metropolitanregionen, Städtenetze, stille Zonen, alpine Resorts und alpine Brachen. Ein konkreter Vorschlag enthält das neueste städtebauliche Manifest von 2012 der Gruppe «Krokodil». Die Gegend zwischen Kloten und Uster soll zur Glattstadt mit 400 000 Einwohnern verdichtet werden.

Dass die Landschaftsbewahrer gerade mit dem Begriff der Zergliederung gegen städtebauliche Verdichtungen antreten und so gerade wieder der «Verhäuselung» das Wort reden, ist eine für die Schweiz typische Absurdität. Mit dem Mythos einer ländlichen Schweiz wird die heutige urbane Realität verdrängt.

Auf solche Widersprüche in der öffentlichen Diskussion zu fokussieren und sie bewusst zu machen, ist ein Verdienst dieser Ausstellung – die weit über die 15 Einzelfälle hinausgeht. Denn in einem weiteren Raum äussern sich internationale Fachkräfte darüber, was sie von Architekturkritik erwarten. Differenzierte unterschiedliche Manifeste sind hier zu hören oder im Buch zu lesen, Manifeste, die die Debatte ins Theoretische weiterführen.

«Textbau» regt zu einem vertieften Denken über Architektur und Städtebau an und bewegt sich ganz auf der Höhe unserer Zeit. Dabei eröffnen uns die Fotos von Marcel Rickli einen neuen, frappierenden Blick auf Architektur und Landschaft.

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