Ständeratswahlen 2019

Wie ticken die Basler Ständeratskandidatinnen?

Ständerats-Kandidatinnen im Dreierinterview: Patricia von Falkenstein, Eva Herzog und Gianna Hablützel-Bürki.

Eva Herzog (SP), Patricia von Falkenstein (LDP) und Gianna Hablützel-Bürki (SVP) wollen den freien Ständeratssitz von Basel-Stadt erobern. Die zehn Fragen der bz zeigen, wo die Frauen Gemeinsamkeiten haben und wo nicht.

Gleiche Rechte für Homosexuelle oder Status quo?

Herzog: Gleiche Rechte und Ehe für alle natürlich, ebenso sollte die Adoption für Homosexuelle möglich sein.

Von Falkenstein: Gleicher Meinung. Das ging nun viel zu lange. Auch bin ich dafür, dass Homosexuelle adoptieren dürfen. Und zwar nicht nur die Frauen, weil man der Annahme ist, dass die Frauen das besser machen, sondern auch Männer!

Hablützel-Bürki: Da bin ich konservativ. Wir haben bereits die eingetragene Partnerschaft, die in Rechten und Pflichten de facto einer Heirat gleichkommt. Ich bin eher dagegen, dass Homosexuelle adoptieren dürfen.

Ich bin der Ansicht, dass es für ein Kind schwierig sein dürfte in der Schule, wenn es sagen muss, dass es zwei Papis oder zwei Mamis hat. So offen ist unsere Gesellschaft heute noch nicht.

Viele Freunde oder ganz wenige?

Von Falkenstein: Ganz wenige. Natürlich hätte man am liebsten ganz viele, aber meistens hat man keine Zeit, diese Freundschaften zu pflegen. Selbst meine wenigen Freunde und Freundinnen sagen mir oft: «Sag mal, wo bist du eigentlich die ganze Zeit?»

Ich habe lieber ein paar wenige Freunde, bei denen ich mich auch mal eine Weile nicht melden muss – und wenn man sich dann trifft, ist’s trotzdem entspannt.

Hablützel-Bürki: Ist bei mir auch so. Ich habe wenige, dafür sehr gute Freunde. Auch wenn ich sie oft nicht sehe, da diese auf der ganzen Welt verteilt sind, sind wir uns doch immer sehr vertraut, wenn wir uns wieder sehen.

Von Falkenstein: Vielleicht zehn oder so? Wobei, da muss ich aufpassen, wenn ich so eine Zahl sage. Dann beginnen die Freunde zu zählen (lacht) …

Herzog: Die Zahlenfrage will ich auch nicht beantworten! Ich würde so antworten: Ich habe viele Freunde aus unterschiedlichsten Lebensphasen, aus der Schule, der Politik, von der Zeit bei der Kulturwerkstatt Kaserne. Aber es ist eine kleine Zahl von Freundinnen und Freunden, mit denen man alles teilt.

Von Falkenstein: Im Zusammenhang mit den Kindern und der Schule sind natürlich viele Freunde dazugekommen. Aber auch in der Politik. Es ist ja nicht so, dass wir dort Feinde sind, nur weil wir Konkurrenten sind.

Mein grösster Feind, wenn es um den Nationalrat geht, ist der Vater meiner Kinder (lacht). (Anm. d. Redaktion: Die Rede ist von Nationalrat Christoph Eymann).

Euro-Airport: Bahnanschluss oder 50er?

Hablützel: Bahnanschluss. Ich finde die Schiene eine gute Lösung. Dann haben wir Autofahrer wieder mehr Platz mit dem Auto (lacht).

Im Ernst: Es ist wichtig, dass wir eine gute, zeitgemässe Verbindung zum Euro-Airport haben. Als Mitglied der Regiokommission setze ich mich unter anderem auch für das Herzstück ein.

Herzog: Wir kämpfen seit Jahren für diesen Bahnanschluss, wir haben da ja auch schon einige Hürden genommen. Das Argument, wonach dieser Anschluss das Wachstum fördere, ist schlicht falsch.

Von Falkenstein: Es ist auch praktischer. Aus dem Bahnhof rauszugehen, diesen Bus zu nehmen, das ist für jemanden, der sich nicht auskennt, ja kein Zustand. Die Grünen wollen ja gar keinen Euro-Airport.

Herzog: Wenn niemand mehr fliegt und wir keinen Flughafen mehr brauchen: Dann können wir darüber diskutieren. Aber so weit sind wir nicht. Es soll auf unnützes Fliegen verzichtet werden, Fliegen soll teurer werden und die Alternativen damit attraktiver. Aber das Wachstum hängt nicht am Bahnanschluss.

Vaterschaftsurlaub oder Mutterpflicht?

Herzog: Was heisst hier «oder»? Beides! Es gibt ja auch Vaterpflichten. Und es geht darum, dass Arbeitgeber den Männern die Möglichkeit geben, diese Pflichten wahrzunehmen. In der Schweiz macht man ja immer alles gestuft.

Beim Kanton haben wir jetzt aufgestockt. Ich finde die Initiative für den Vaterschaftsurlaub von vier Wochen gut. Wenn man gleich eine Elternzeit von 38 Wochen fordert, ist das unrealistisch.

Wichtig ist einfach, dass die Väter am Anfang zu Hause bleiben können und sich eingewöhnen in das neue Leben. Langfristig kann ich mir vorstellen, dass die Männer auch 14 Wochen haben. Aber zuerst muss aufgezeigt werden, wie es finanziert wird. Das muss über die EO, die Erwerbsersatzordnung, laufen.

Von Falkenstein: Ich finde die Idee gut, wonach man den Vaterschaftsurlaub von der Elternzeit trennt. Aber die Kernfrage ist die Finanzierung. Grosse Firmen wie die Novartis können sich das leisten.

Aber es gibt sehr viele KMU, da geht das nicht so einfach. Die KMU haben momentan das Gefühl, man drücke ihnen diesen Vaterschaftsurlaub aufs Auge. Man darf bei der ganzen Diskussion die Maler- und Schreinergeschäfte nicht ausser Acht lassen, die ja auch eine Stellvertretung bezahlen müssen bei längeren Ausfällen der jungen Väter.

Aber, und das hören die Wirtschaftsverbände gar nicht gern, man sollte die Männer nicht aussen vor lassen. Es muss sich was bewegen.

Herzog: Längerer Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub ist das eine. Wichtig ist mir, dass Familien- und Erwerbsarbeit langfristig auf beide Elternteile getrennt aufgeteilt werden, da ist der Vaterschaftsurlaub ein guter Einstieg. Ich finde es ideal, wenn beide 80 Prozent arbeiten und einen Tag für die Kinder haben.

Hablützel: Ich sehe die Problematik bei der Finanzierung des Vaterschaftsurlaubs. Die grossen Firmen können sich das leisten, aber die kleineren Unternehmen kommen an ihre Grenzen.

Familiensache ist keine Staatsaufgabe und muss familienintern geregelt werden. Väter haben die Möglichkeit, bereits heute Ferientage zu beziehen, wenn die Familie Nachwuchs bekommt. Ich bin für die Beibehaltung des heutigen Systems.

Der Novartis-CEO verdient 9,9 Millionen im Jahr. Ist das zu viel oder ist er sein Geld wert?

Von Falkenstein: Es ist unbestritten, dass das viel Geld ist. Was ich nicht beurteilen kann, ist das Argument, dass es solche Löhne braucht, um wirkliche Top-Leute zu holen. Es wird ja immer der Vergleich mit dem Ausland gemacht, wo die Manager auch so viel verdienen würden.

Ich verstehe auch die Wut der Leute, die sagen: Der verdient in einem Jahr so viel wie ich in meinem ganzen Leben nicht. Aber zum Glück sind es ja nicht sehr viele, die so viel verdienen.

Hablützel-Bürki: Ich gönne es jedem, der so viel verdient. Doch es stellt sich für mich die Frage nach der Verhältnismässigkeit. Diese Zahlen sind in einer erhöhten Dimension und deshalb für viele nicht nachvollziehbar.

Herzog: Verglichen mit normalen Löhnen ist dies natürlich unerklärbar. Interessant ist ja, dass die Minder-Initiative und die Transparenz der Löhne die Manager-Gehälter in die Höhe getrieben haben.

Man orientiert sich nun einfach an den Bestverdienenden. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Menschen so viel verdienen müssten.

Von Falkenstein: Sie zahlen zumindest viel Steuern hier bei uns. Wobei man aufpassen muss, dass man nicht zu viel verlangt, das wäre gefährlich. Innerhalb der Schweiz sind sie schnell in einen steuergünstigen Kanton weggezogen.

Geld in Aktien oder unter der Matratze?

Hablützel-Bürki: Ich gehöre zum bürgerlichen Mittelstand und habe ganz traditionell ein Bankkonto. Ich spekuliere nicht.

Herzog: Ich glaube, ich habe nur eine Aktie, bei der Jobfactory. Ansonsten habe ich mein Geld auf der Bank und in unserem Haus. Und man weiss ja, dass ich ein sehr vorsichtiger Mensch bin, wenn’s um Finanzen geht.

Von Falkenstein: Am besten ist es immer noch, das Geld in Aktien anzulegen. Da lässt sich schon noch eine gewisse Rendite herausholen. Auf der Bank gibt es ja gar nichts an Zinsen. Ich selber habe Aktien, unter anderem bei ebenden Unternehmen, die hier die guten Steuerzahler sind.

Roger Federer oder Stucki Christian?

Herzog: Stucki Christian?

Von Falkenstein: Das ist der Schwingerkönig.

Herzog: Jetzt habe ich an die Beiz gedacht. Klar Roger Federer: Es ist unglaublich beeindruckend, wie lange er ein so gutes Tennis spielt, er ist ein Phänomen.

Und dann ist er auch ein sehr sympathischer Mensch. Ausser vielleicht dem Umstand, dass er nicht mehr in der Region wohnt (lacht). Ans Schwingfest gehe ich dann sicher in drei Jahren in Pratteln.

Von Falkenstein: Tennis geht immer, Schwingen eher weniger. Von Federer schaue ich praktisch jedes Spiel. Er hat auch bei OB Basel gespielt, wo ich Passiv-Mitglied bin. Seine Bescheidenheit ist beispielhaft – auch für Politiker!

Hablützel: Roger Federer ist absolut nicht abgehoben trotz seiner internationalen Grösse. Er weiss auch unsere Schweiz zu schätzen. Selbstverständlich habe ich auch das Eidgenössische und die Krönung des Königs Stucki mitverfolgt.

AKWs: Abschalten oder weiterentwickeln?

Von Falkenstein: Bisher hat man noch nicht einmal das Endlagerproblem gelöst. Wenn man die Technik weiterentwickeln könnte, sodass man diese Gefahren und Probleme nicht mehr hätte, wären CO2-freie AKWs natürlich eine Supersache. Aber davon ist man weit entfernt. Deshalb: abstellen.

Hablützel: Eigentlich wären AKWs ja die Lösung für das CO2-Problem. Bedingt durch die Nicht-Investition in die heutige Technologie bin ich für Abschalten.

Herzog: Ich bin klar für Abschalten. Es ist klar, dass die heutigen AKWs mit dem ungelösten Endlagerproblem und mit der Gefahr, die sie darstellen, nicht mehr weiterbetrieben werden können.

Die CO2-Frage finde ich eine faule Ausrede aus AKW-freundlichen Kreisen, die nun Morgenluft wittern. Aber da kann man nicht eine veraltete Technologie mit hohem Gefahrenpotenzial hervorkramen.

Frauenstreik: Nötig oder Zwängerei?

Hablützel: Zwängerei. Es braucht den Frauenstreik nicht. Es wird schon viel getan punkto Gleichstellung. Es ist unnötig, auf die Strasse zu gehen und den Verkehr lahmzulegen. Ich habe mich wirklich geärgert.

An diesem Tag waren auch Uni-Prüfungen und meine Tochter kam deswegen fast zu spät, weil der öV blockiert war. Ich bin grundsätzlich gegen Streiks, da es andere Möglichkeiten gibt, seine Anliegen kundzutun.

Herzog: Der Frauenstreik war wahnsinnig wichtig. Wenn die Betroffenen ihre Stimme nicht erheben, dann kann man immer sagen «Die Frauen wollen gar keine Änderungen». Ich habe gerade die jüngere Generation oft als zufrieden erlebt.

Sie hatte das Gefühl, es sei alles erreicht. Viele merken es erst, wenn die Kinder da sind und die Karriere ins Stocken gerät. Ich bin mir manchmal fast blöd vorgekommen, wenn ich mich für Gleichberechtigung eingesetzt habe.

Beim Frauenstreik sind mehrere Generationen auf die Strasse gegangen. Und die ersten Effekte hat man auch schon gesehen: Die weiche Frauenquote und die Lohnkontrollen wären sonst kaum durchs Parlament gekommen.

Hablützel: Viele sind einfach auf die Schienen gesessen und haben ein Bierchen getrunken. Was hat dieses Verhalten mit dem Frauenstreik zu tun? Dafür habe ich gar kein Verständnis.

Herzog: Es war eine geniale und friedliche Stimmung. Ich bin aus dem Büro gekommen, alle waren zu Fuss unterwegs, es ist kein Tram gefahren. Ich fand das super.

Von Falkenstein: Ich habe das auch so miterlebt. Auch wenn ich selber nicht am Streik war, fand ich es beeindruckend. Ich finde es gut, dass sie das gemacht haben. Es gab auch noch nie so viele Kandidatinnen bei den Wahlen.

Auch dass jetzt hier drei Frauen sitzen, ist nicht selbstverständlich. Bei der SP gab’s ja auch noch einen Mann, der gerne kandidiert hätte. (Anm. d. Redaktion: Die Rede ist von Nationalrat Beat Jans).

Die Frage ist eher, wie viele Gesetze man nun wirklich machen muss, um die in der Verfassung garantierte Gleichstellung zu erreichen.

Herzog: Das Ganze muss ja aber schon noch etwas bewirken.

Von Falkenstein: Es kommen nun aber sicher auch mehr Frauen ins Parlament, das wird zu Veränderungen führen. Aber die Frauen können schon heute ohne neue Gesetze selber viel machen, etwa indem man die Aufgaben in der Familie anders aufteilt.

Wer sagt denn, dass nur Frauen die Kinder betreuen können? Da muss sich der Staat nicht einmischen.

Hablützel: Eben, das ist doch eine private Sache zwischen den Partnern.

Herzog: Und was machen jene, bei denen die Frau einfach weniger verdient und es deshalb mehr Sinn macht, dass der Mann arbeitet?

Das ist immer noch sehr häufig der Fall. Das eine ist die Lohngleichheit, wenn zwei am gleichen Ort arbeiten, und das andere ist der Umstand, dass Berufe, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, noch immer schlechter bezahlt sind.

Der Entscheid scheitert dann oft an dieser Frage.

Hablützel: Wenn man eine Familie gründet, sollte man sich der Konsequenzen bewusst sein. Dann bleibt man beim Kind und steigt später wieder ins Berufsleben ein. Das muss jeder für sich selber entscheiden.

Organe spenden oder unversehrt bestattet werden?

Herzog: Ich bin für die Umkehr des jetzigen Systems. Wer nicht spenden will, muss aktiv Nein sagen. Ich habe selber auch keinen Spenderausweis, aber mehr aus Nachlässigkeit und weil man grundsätzlich nicht gerne über das Thema nachdenkt.

Von Falkenstein: Meine Tochter sagt auch immer, ich solle endlich einen Spenderausweis machen. Ich kann verstehen, dass das für viele ein heikles Thema ist. Aber wir müssen dringend etwas machen, damit nicht so viele Leute sterben, weil es aus Nachlässigkeit nicht genügend Spendenorgane gibt.

Es braucht auf jeden Fall eine Anpassung. Wie weit diese gehen soll, bin ich mir auch nicht sicher. Gut, dass die Diskussion im Gange ist.

Hablützel: Jeder soll selber entscheiden. Diejenigen, die das wollen, setzen sich auch explizit damit auseinander. Ich selber tue mich mit dem Gedanken schwer, dass mir nach dem Tod Organe entnommen werden.

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