Basel
Wie viel Normalität darf’s denn sein? – in der Innenstadt standen die Menschen teilweise dicht an dicht

Corona hin oder her: Am Wochenende war in der Basler Innenstadt viel los. Ganz wohl dabei war es aber längst nicht allen. Ein Augenschein.

Tanja Bangerter
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So präsentierte sich die Innenstadt – hier die Freie Strasse – am Wochenende.

So präsentierte sich die Innenstadt – hier die Freie Strasse – am Wochenende.

Roland Schmid

Ob die Basler der fehlenden Herbstmesse und dem abgesagten Weihnachtsmarkt mit blosser Anwesenheit Tribut zollen wollen? Ein konstanter Strom aus Passanten schlängelt sich am spätherbstlichen Samstag die Freie Strasse hinab. Einige halten eine Tüte Marroni in der einen, die Maske in der anderen Hand. Die Stimmung gleicht einem verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten. Wer einen Blick über die Grenzen wagt, weiss: Im Dreiländereck sind die lockeren Basler Corona-Massnahmen ein Sonderfall.

«Hier setzt man auf Eigenverantwortung – ob das gut geht?», verweist ein gebürtiger Engländer. Zwei Lörracherinnen gönnen sich inmitten der passierenden Shopper einen Cupcake. «Bei uns sind alle Restaurants zu», sagt eine der beiden – um sogleich über den unkonventionellen Weg zu schwärmen, den man in Basel einschlage. Kurz nach drei Uhr nachmittags, Spalenberg. Sämtliche Tische einer Traditionsbar sind besetzt. Es wird gelacht, in die Sonne geblinzelt. «Gute Gesundheit!», ruft ein Gast einem befreundeten Elternpaar zu. Sie fahren im Kinderwagen einen Lindt-Weihnachtskalender spazieren – der eigentliche Grund ihres Besuchs, sagen die beiden etwas kleinlaut. «Es ist zu voll», geben sie zu Bedenken.

Roland Schmid

Etwas ambivalent, sei die Masse an Menschen angesichts der steigenden Fallzahlen schon, meint ein Basler – und fügt nachdenklich an: «Und doch sind wir auch hier.» Das Riesenrad habe gelockt, ihn, aber auch seine Frau und das Töchterchen. Angst hätten sie keine, sagt ein älteres Ehepaar. Beide tragen FFP2-Masken, das sind die mit Partikelfilter.

«Ich find’s schön: Endlich ein Stück Normalität»

Erstaunlich stark bevölkert sei es, meint eine junge Mutter, die sich in gebührendem Abstand zur Freien Strasse am Marktplatz platziert. Ein junges Paar nagt je an Nussgipfeln – die Maske unters Kinn geklemmt. «Etwas unwohl ist mir in der Masse schon», meint er. Sie entgegnet: «Ich finde es schön – endlich wieder ein Stück Normalität.»

Auch von offizieller Seite her hegt man gemischte Gefühle. «Es freut uns, dass das Geschäft wieder läuft», sagt Pro-Innerstadt-Geschäftsführer Mathias F. Böhm am Sonntag zur bz. Er verstehe die Leute, die versuchen würden, «in der Abnormalität ein normales Leben zu führen.» Dennoch gelte es, sich wenn möglich gut zu verteilen. Böhm lobt das mehrheitliche Einhalten der Maskenpflicht: «Unser höchstes Gut ist es, dass keine weiteren Massnahmen ergriffen werden.»

Roland Schmid

Gesundheitsdirektor Engelberger mahnt zur Vorsicht

Es gelte nun, die Zahlen zu senken, warnte Lukas Engelberger mit Nachdruck.

Es gelte nun, die Zahlen zu senken, warnte Lukas Engelberger mit Nachdruck.

Kenneth Nars

Vor diesen warnte Lukas Engelberger bereits vor dem Wochenende: «Die Baslerinnen und Basler müssen an ihrer Disziplin arbeiten», appellierte der Basler Gesundheitsdirektor am Mittwoch an der Video-Konferenz des Kantons. Es gelte nun, die Zahlen zu senken, warnte Engelberger mit Nachdruck (bz berichtete).

Ein Passant sagt: «Hoffentlich muss es nicht zuerst Zustände wie in Genf geben, damit die Situation ernst genommen wird.» Wer sich jedoch am Samstagabend in der Steinenvorstadt umsah, dürfte eher pessimistisch gestimmt sein. Da vergnügten sich viele Nachtschwärmer Schulter an Schulter – häufig auch maskenlos.

Verschärfungen oder gar ein Lockdown – darüber dürfte sich angesichts solcher Szenen niemand mehr wundern.