Der französischen Atomaufsichtsbehörde Autorité de sûreté nucléaire (ASN) platzt der Kragen. Im Rahmen ihrer Jahresmedienkonferenz Ende letzter Woche in Strassburg setzte sie sich mit Nachdruck dafür ein, dass der Staat und der Betreiber EDF Klarheit schaffen, wie es mit dem elsässischen AKW Fessenheim weitergehen soll.

Dies sei notwendig, um das Sicherheitsniveau zu halten und wichtig für die Beschäftigten, hiess es in der Zeitung «L'Alsace». Generell bezeichnete die Aufsichtsbehörde den Sicherheitsstandard des AKW, den Umweltschutz und die Kompetenz der Mitarbeiter als befriedigend. Solange Fessenheim im Betrieb sei, würden die gleichen Forderungen an den Sicherheitsstandard und die damit einhergehenden Investitionen verlangt wie bei anderen französischen Atomkraftwerken.

Ursprünglich hatte der ehemalige französische Präsident François Hollande die Schliessung des AKW schon 2012 angekündigt. Der neue französische Umweltminister Nicolas Hulot hat dies grundsätzlich bestätigt, sie aber wie schon seine Vorgängerin Ségolène Royal an die Inbetriebnahme des Druckwasserreaktors EPR im nordfranzösischen Flamanville gekoppelt. Diese wird immer wieder verschoben. Derzeit spricht man von 2019.

Vor wenigen Tagen ging Block 1 von Fessenheim, der seit Juli aufgrund von Instandsetzungsarbeiten und der Erneuerung eines Teils der Brennelemente abgestellt war, wieder ans Netz. Keinen Strom liefert weiterhin Block 2, der bereits seit Juni 2016 aufgrund von Fabrikationsfehlern an den Dampfgeneratoren abgestellt ist.

Heftige Kritik an Aufsichtsbehörde

Heftige Kritik an der Atomaufsichtsbehörde übt der atomkritische Verband «Stop Fessenheim». In einem offenen Brief an den Strassburger ASN-Chef Pierre Bois bemängelt Mediensprecher André Hatz, dass die Behörde verfügt habe, die vier Reaktoren des südostfranzösischen AKW Tricastin (siehe Box) vorläufig abzustellen, das ganz ähnliche AKW Fessenheim aber weiterlaufen zu lassen.

Beide Atomkraftwerke verfügen über eine ähnliche Leistung und stammen aus der gleichen Generation – Fessenheim von 1977, Tricastin von 1980/81. Beide liegen in einem Erdbebengebiet unterhalb eines Kanals und haben Probleme mit ihren Deichen. Bei einem Beben könnten die Deiche brechen und es zu einer Überschwemmung kommen.

Die Entscheidung der ASN, Tricastin zu stoppen, stammt vom 27. September. Sie ging auf eine Mitteilung der EDF vom 18. August zurück. Darin hatte EDF festgestellt, dass es im Rahmen eines für möglich gehaltenen Erdbebens zu Problemen an den Deichen des Kanals kommen könnte. Die ASN stufte diese Information im Rahmen der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse Ines auf der Stufe 2 ein, klassifizierte es also als Zwischenfall. EDF muss nun die Deiche verstärken, bevor es die Reaktoren wieder anfahren darf.

«Stop Fessenheim» argumentiert in ihrem offenen Brief, dass die Problematik eines möglichen Erbebens, der unsicheren Dämme und einer möglichen Überschwemmung seit Jahren im Rahmen der Überwachungskommision zum AKW thematisiert worden seien. Nur geschehen sei nichts. Aufgrund der Häufung der Probleme um Fessenheim müsse die Behörde beschliessen, das AKW abzustellen.

Eine neue Analyse zu Fessenheim legte Ende September der Trinationale Atomschutzverband (Tras) vor. Erstellt worden war sie vom Ex-Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität und ehemaligen Basler Kantonschemiker André Herrmann. Darin wird unter anderem bemängelt, dass der Betreiber EDF viele der Auflagen der Atomaufsichtsbehörde nicht umgesetzt habe. Zudem würden EDF Sanierungsfristen von mehr als einem Jahrzehnt auferlegt und viele sicherheitsrelevante Anlageteile würden die erforderliche Erbebensicherheit nicht erfüllen. Kritisiert wird ferner, dass man sich bei der Abschätzung des Erdbebenrisikos nicht auf Erdbeben, die am Standort möglich seien beziehe, sondern auf diejenigen, die schon geschehen seien.

Tras prüft nun neue Klagen zur Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen.